Abschied nehmen von über 30 Jahren

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Die erste Beerdigung, an die ich mich in Einzelheiten erinnern kann, war die meines Vaters vor fast 40 Jahren. Dass es ihm nicht gut ging, wussten wir alle. Das kurze Siechtum und sein plötzlicher Tod trafen uns alle völlig überraschend und letztlich nicht vorbereitet.

Besonders gut kann ich mich an den Todestag erinnern, weil das, was ich da erlebt hatte, mich damals empörte. Es kamen viele Kondolenzbesucher, Familienangehörige und Freunde. Die gemeinsame Trauer entwickelte sich im Laufe der Stunden, die diese Gesellschaft zusammen verbrachte, in eine fröhliche Runde, die unter erheblichen Alkoholeinfluss in Erinnerungen mit dem dahingeschiedenen schwelgte. Da wiederholte sich am Tag der Beisetzung beim Beerdigungskaffee in einer Gaststätte, die es inzwischen auch nicht mehr gibt.

Für mich war das in der damaligen moralischen Rigorosität „geschmacklos“. Fritz Eckenga sprach bei der Trauerveranstaltung für die Westfälischen Rundschau vom „das Fell versaufen“. Erst später begriff ich, dass es sich hier um ein Ritual handelt, das hilft, Abschied zu nehmen und loszulassen, um wieder in die Zukunft blicken zu können. Ich bin deshalb dem Betriebsrat der WR, dem DJV und dem DJU dankbar, dass sie am 2. Februar diese Veranstaltungsform gewählt haben.

In den für mich beeindruckenden Demonstrationszug durch die Dortmunder Innenstadt reihte sich auch Dieter Treeck ein. Den Schriftsteller kenne ich inzwischen seit 40 Jahren, beruflich und auch privat. Bevor er in der Erwachsenenbildung tätig war und später Bergkamener Kulturdezernent wurde, genoss er ab 1957 eine grundsolide Ausbildung zum Redakteur bei der Westfälischen Rundschau.

Während wir Seite an Seite in Richtung RN-Haus am Westenhellweg marschierten, erinnerte er sich an sein Einstellungsgespräch bei Walter Poller, der seit der Gründung 1946 Chefredakteur war. Bei diesem Gespräch sagte Poller: „Schreiben können sie ja. Das sehe ich. Sie müssen aber auch bei einem Informandengespräch mehr vertragen können als ihr Informand.“

Die Rivalität zwischen RN und WR hat eine lange Tradition, hörte ich von ihm. Das sei ihm als Volontär eingeimpft worden. Offensichtlich mit Nachwirkungen bis heute. „Ich hasse dieses Blau“, rief Dieter Treeck als wir in Sichtweite von Lensing-Wolf kam. Demonstrativ suchte er den Boden ab. „Wo sind die Pflastersteine“, lachte er. Die Kolleginnen und Kollegen können doch auch nichts dafür, sagte ich zu ihm.

In der Erinnerung an einen Dahingeschiedenen bleiben oft die komischen und skurrilen Begebenheiten hängen. Das hilft gegen Depressionen. Es war schließlich nicht alles schlecht, sonst hätte ich die über 30 Jahre mit der WR nicht aushalten können.

Heino Baues