Wo Dogensuppe mit Einlage Worte mit Schall und Rauch hinterlässt

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Kurz mal Luftholen vor dem nächsten verbalen Angriff: Jochen Malmsheimer.

Wortakrobatik ist noch eine fast despektierliche Verniedlichung. Das, was Jochen Malmsheimer dort beim Kabarett im studio theater am Donnerstag zelebrierte, spottet wortwörtlich jeder Beschreibung und passt in kein Genre. Schon der Versuch, die Explosionen aus Stimme, Tonalität und Sprachorgiastik gleichzeitig zu verarbeiten, musste im Ansatz scheitern. Dabei nahm das regionale Kabarett-Urgestein seine Zuhörer eigentlich nur mit auf eine Busreise – als „Dogensuppe Herzogin – ein Austopf mit Einlage“ getarnt.

Dieses Buch hatte es in sich.

Die Reise begann auf dem Tanzboden der männlichen Eherealität in Person der Gattin, machte atemlos Halt bei protestantisch unbeugsamen Knien, bebenden Brusteistüten im Konsum der Jugend und irrsinnigen Bildungstalkshows, um kartoffelsalatvergiftet im Literatur-Delirium zwischen Winne one, tou und three zu enden, umnebelt von Luthers Flatulenzen und Captain Ahabs Psychosen. Wie da noch die „Entidiotisierung der nationalen Jauche“ flankiert von Pegida als Abraumhalde enzyphaler Blödel reinpasste, bleibt das Geheimnis des Autors.

Wer es genau wissen will, braucht ohnehin das Buch, aus dem Jochen Malmsheimer erbarmungslos einen Pointe nach der anderen verbal hervorholte. War man gedanklich noch mit dem ersten, vornehmlich hochliterarisch angesiedelten Teilsatz beschäftigt, eilte er längst mit wehenden Wortfahnen uneinholbar voraus. Friedlich rezitierte er dabei am Pult, ohne auch nur hörbar Luft zu holen. Höchstens hob sich mal ein Arm oder verzog sich der bärtige Mund, während die Zunge scharfe Treffer im Publikum versenkte.

Kapitulation mit Kryostase und mehr

Sieht friedlich aus, ist aber mit bedrohlichen Wahrheiten gefüllt: Malmsheimer am gefürchteten Rezitationstisch.

Mancher kapitulierte schon früh mit Lachkrämpfen hinter den Gesichtsmasken, als es im jugendlich jubilierenden Zimt nicht beige genug auf die Reise ging, mit Kryostase im Luftstrahl der Klimaanlage und fremden jungen Lebensformen samt gedaumten Texten, die aus der Handy-Piepse zirpten. Bevor der Erstickungstod im Blasenmützenmoos drohte, holte der Meister jedoch jeden gnädig ab, der intellektuell oder physiologisch auf der Strecke blieb. Spontan ging es auf das griechische Kriegsschiff, bevor die Mitbussenden dem mit Bleistift 2B gefärbten Pubertierendenbart Auge in Auge mit Paulas engen Hosen ablösten und nahtlos in den Bildungskanon mit Multi-G und Kürbiskernen übergingen. Auf intellektuelle Orgien folgte immer auch ein leicht verdaulicher Schenkelklopfer oder auf normalem Comedy-Niveau angesiedeltes Appetithäppchen tollkühner Wortverdrehungen.

Ausholen für den nächsten Halt auf der Busreise durch den ganz normalen Wahnsinn.

Die Pause war eine Erlösung. Doch wer sich in Sicherheit wähnte, dem bereitete jetzt der Tupper-Exzess im Bus den Garaus. From Kriemhild with love kamen die Seitenhiebe auf das feierliche Urständfeiern der Nationalismen zwischen all den Helden der Literarischen Bildung. Ganz sicher kommt jeder nach diesem knapp überlebten Abend dem Wunsch von Jochen Malmsheimer nach und greift daheim nach einem echten Buch, sogar unter den Augen der konsternierten Kinder. Denn Bildung heilt, davon ist der Unverbesserliche einfach nicht abzubringen. Nicht ohne noch eine Prise seniler Trinität aus Amerika samt Entlastungstext für den Nahtfraß und unverständliches Geseim blitzbirniger Politclowns als Alternative für diskutanten Informationsverzicht anzubieten.

Natürlich applaudierten die Bergkamener Malmsheimer 2G-konform auf die Bühne für eine saftige Zungenbrecherzugabe zurück. Natürlich holte jeder heimlich das Wörterbuch hervor, um noch nie gehörte Ungetüme nachzuschlagen. Natürlich hallt Jochen Malmsheimer noch lange nach.

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