
Der Lippeverband feiert in wenigen Tagen sein 100-jähriges Bestehen: Am 19. Januar 1926 erfolgte der Erlass des Lippe-Gesetzes – es gilt als die Geburtsstunde des Lippeverbandes. Eines der bekanntesten Projekte des öffentlich-rechtlichen Wasserwirtschaftsunternehmens ist die Renaturierung der Seseke in Kamen, Bergkamen, Bönen, Unna und Lünen. Die Seseke spielt ohnehin eine wesentliche Rolle in der Geschichte des Lippeverbandes: Hervorgegangen ist dieser 1926 aus der Sesekegenossenschaft, die 1913 nach Vorbild der bereits 1899 entstandenen Emschergenossenschaft gegründet worden war. Die Renaturierung der Seseke wiederum diente später als Vorbild für den größeren Umbau der Emscher… Im Jahr 2026 steht die Asphaltierung des Seseke-Weges auf einer Länge von 13 Kilometern an!
Seit 100 Jahren nimmt der Lippeverband in der Region – und für die Menschen in der Region – unverzichtbare Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge wahr. Dazu gehören unter anderem die Abwasserentsorgung sowie der Hochwasserschutz. Darüber hinaus gehen die wasserwirtschaftlichen Maßnahmen des Lippeverbandes immer auch mit einer städtebaulichen Entwicklung der Quartiere entlang der Gewässer einher. Mit dieser Verzahnung von Wasserwirtschaft und Städtebau verfolgt der Lippeverband im Schulterschluss mit seinen Mitgliedskommunen eine Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität für die Bevölkerung in der Region. Der Betrieb von modernen Abwasserkanälen, Pumpwerken, Kläranlagen und Hochwasserschutzeinrichtungen bildet den Dreh- und Angelpunkt einer sozial-ökologischen Transformation: „Die Renaturierung von einst technisch überformten Flüssen und Bächen ermöglicht die Rückkehr von blaugrünem Leben in diese Gewässer sowie eine verbesserte Erleb- und Erfahrbarkeit dieser neuen Naherholungsorte für die Menschen. Unser Selbstverständnis als Infrastrukturdienstleister für unsere Mitglieder hat sich in den vergangenen 100 Jahren nicht geändert. Das Wohl der Allgemeinheit steht dabei für uns nach wie vor an erster Stelle“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender des Lippeverbandes.
Das Wirken des Lippeverbandes an der Seseke

Anno 1913 wurde die Sesekegenossenschaft als Vorläufer des Lippeverbandes gegründet. Den Anlass gaben die zunehmende Verschmutzung und Abflussstörungen von Seseke, Körne und Nebenbächen, die eine umfassende Lösung verlangten. Die Sesekegenossenschaft baute die Gewässer der Region aus, um das damals Vorrangige zu erreichen: Schutz vor ständigen Überschwemmungen ganzer Stadtteile durch verschmutztes Wasser – d.h. „trockene Füße“ für eine ganze Region.
Um 1910 waren Kamen, Bergkamen, Bönen, Unna und Lünen noch ausgesprochen ländlich geprägt. Doch die Auswirkungen der Industrialisierung nahmen von Jahr zu Jahr zu. Die ersten Zechen in der Region, die Schächte Massen und Kurl, verschmutzten seit etwa 1860 den Körnebach. Rasch kamen weitere Schachtanlagen hinzu. Die nicht seltenen Überschwemmungen im Umland der Seseke wirkten sich durch die Beimengung von Abwässern und abgepumptem Grubenwasser schädlich auf überflutete Wiesen, Weiden und Felder aus. Hinzu kam, dass durch zunehmende Bodensenkungen – ebenfalls eine Folge des Bergbaus – immer größere Gebiete überschwemmt wurden.
Emschergenossenschaft lieferte den Plan
Auf Vorschlag der Bezirksregierung in Arnsberg erarbeitete im Jahr 1911 der Vorsteher des Bauamtes Dortmund der Emschergenossenschaft, Regierungsbaumeister E. Jöhrens, einen Entwurf für die Entwässerung des Seseke-Gebietes. Für die Umsetzung seiner Pläne ging Jöhrens von der Vorstellung einer wasserwirtschaftlichen Genossenschaft nach dem Vorbild der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft aus. Denn die Situation an der Seseke war mittlerweile mit den Zuständen in der Emscher-Zone vergleichbar. Denn inzwischen hatten sich Überschwemmungen und unhygienische Zustände weiter verschärft, sodass die Gemeinden dringend nach Abhilfe verlangten.
Die Gründung der neuen „Sesekegenossenschaft“ ließ nicht lange auf sich warten. Am 22. Januar 1912 trafen sich die Gründungsmitglieder aus Kommunen, Industrie und Verwaltung zu einer ersten Sitzung in Dortmund. Am 5. Juni 1913 trat schließlich das im preußischen Landtag beschlossene Seseke-Gesetz in Kraft. Der neu gewählte Vorstand übertrug der Emschergenossenschaft die Geschäftsführung und damit die Verantwortung für die Regulierung der Gewässer.
Zuerst war der Braunebach dran
Als erste Arbeit der Genossenschaft wurde der Braunebach in Kamen-Methler ausgebaut. Das Bachwasser wurde noch landwirtschaftlich genutzt, wurde aber bereits durch die von der Harpener Bergbau AG gebaute Bergmannskolonie Kaiserau verschmutzt. Die Bewohner selbst litten unter den Verhältnissen, denn in der Kolonie gab es keine Kanalisation.
Die Genossenschaft verlegte dort ein Kanalnetz, leitete die Abwässer in den Braunebach, der von Schlamm geräumt, vertieft und mit Betonsohlschalen ausgebaut wurde. Knapp vor dem Ersten Weltkrieg wurde man damit fertig, während der ähnlich konzipierte Ausbau des Heerener Mühlbaches in Kamen, der die Abwässer der Zeche Königsborn in Unna zur Seseke transportierte, erst nach dem Krieg abgeschlossen werden konnte. Entsprechende Bauentwürfe für Seseke und Körne wurden früh aufgestellt, die „landespolizeiliche Prüfung“ zog sich aber kriegsbedingt bis 1920 hin. Darin war u. a. vorgesehen, den Oberlauf der Körne in Dortmund zwischen Scharnhorst und Kurl auf die Südseite der Bahnlinie Dortmund-Hamm zu verlegen, um ein künftiges großes Senkungsgebiet zu umgehen.
Im Körne-Gebiet hatte sich die Lage mittlerweile dramatisch verschärft: Der Verkehr auf der Straße von Brakel nach Scharnhorst war ständig unterbrochen, weil Flächen unter Wasser standen. Bei Hochwasser mussten die Anwohner auf Brettersteigen ihre Häuser verlassen. In Scharnhorst eröffnete an einem durch Bergbau entstandenen Senkungssee sogar ein Ruderverleih.
Technischer Ausbau der Seseke
Der eigentliche (technische) Ausbau der Seseke begann 1921, der trockene Sommer ermöglichte es, die Arbeiten von der Mühle bis Kamen abzuschließen. Innerhalb von Kamen war die Seseke schon damals durch Häuser eingeengt. Durch Vertiefung, Begradigung und Ausbau mit Ziegelsteinen gelang es, die Abwässer aus der Stadt halbwegs hygienisch abzuleiten. Dann aber ging durch die Inflation der frühen 1920er-Jahre der Genossenschaft das Geld aus, Kredite waren kaum zu bekommen. Auch an der Körne musste man sich darauf beschränken, den Wasserlauf an der seit Jahren unter Wasser stehenden Kreisstraße in Dortmund-Kurl zu regulieren. Danach war wegen der Inflation Pause. Erst Mitte der 1920er-Jahre konnten die wichtigsten Bauarbeiten wieder aufgenommen werden.
Erste Kläranlagen
Parallel dazu liefen schon die Vorbereitungen für einen Ausbau des Kuhbaches in Bergkamen, des Rexebaches in Bönen und des Massener Baches in Unna. Die Stadt Unna hatte auf Veranlassung der Sesekegenossenschaft bereits eine Kläranlage gebaut – eine der ersten, die mit dem biologischen Tropfkörper-Verfahren arbeitete. Eine weitere, allerdings einfach gehaltene Kläranlage, regte die Genossenschaft für den Ortsteil Dortmund-Wambel an, auch diese wurde schon in den 1920 Jahren realisiert. Ihre Wirkung konnten diese Anlagen allerdings erst richtig entfalten, nachdem – zum Teil Jahre später – die nachfolgenden Wasserläufe tiefer gelegt worden waren. Denn nur so konnte das geklärte Abwasser unter Bergsenkungsbedingungen störungsfrei abfließen.
Genossenschaft ging im Lippeverband auf
Unterdessen liefen bereits die Vorbereitungen für die Gründung des Lippeverbandes im Januar 1926, in dem die Sesekegenossenschaft aufging. Auch der Lippeverband wurde nach dem Vorbild der Emschergenossenschaft konzipiert, nachdem deutlich wurde, dass die Nordwanderung des Bergbaus nicht nur im Sesekegebiet die Lippe erreicht hatte, sondern auch in Dorsten und Hamm.
Anders als bei der Emscher konnte allerdings der technische Ausbau der gesamten Lippe vermieden werden; und so beschränkte man sich auf Hochwasserschutzdeiche in den Bergbauzentren. Der Ausbau der Seseke und ihrer Nebenläufe ging dagegen unter der Federführung des Lippeverbandes weiter und wurde im Laufe der 1930er-Jahre im Wesentlichen abgeschlossen.
Auslaufen des Bergbaus und Renaturierung der Gewässer
Mit dem Auslaufen des Bergbaus in der Region in den 1980er-Jahren wurden zum ersten Mal die kanalisierte Form der Gewässer und die offene Abwasserführung in Frage gestellt. Bis dahin hatte es dazu keine echte Alternative gegeben. Geschlossene, unterirdische Kanäle für das Schmutzwasser wären durch anhaltende Bergsenkungen immer wieder beschädigt worden – die Verseuchung des Grundwassers und die Schwierigkeit, Reparaturen durchzuführen, hätten alle anfänglichen Vorteile zunichte gemacht.
Als klar wurde, dass die bergbaubedingten Bodensenkungen durch die Einstellung der letzten Schachtanlagen abklingen würden, entwickelte der Lippeverband ab 1984 das Seseke-Programm, das mit Rückendeckung des damaligen NRW-Umweltministers Klaus Matthiesen Realität wurde. Erst jetzt konnte auch wieder der Natur zu ihrem Recht verholfen werden. Die naturnahe Umgestaltung der Gewässer blieb allerdings noch auf Jahre in der Warteschleife, weil der Lippeverband zunächst an sämtlichen, zu offenen Schmutzwasserläufen umfunktionierten Bächen unterirdische Kanäle verlegte – der langwierigste und aufwändigste Teil des Seseke-Programms.
Die Seseke als Vorbild für die Emscher
Zwischen dem Ende der 1980er-Jahre und 2014 hat der Lippeverband mit dem Bau von vier modernen Kläranlagen und rund 73 Kilometern an geschlossenen Abwasserkanälen eine neue abwassertechnische Infrastruktur im Einzugsgebiet der Seseke geschaffen. Die neuen unterirdischen Kanäle wurden an Massener Bach, Süggelbach, Lüserbach, Körne und weiteren Seseke-Nebenläufen verlegt, bis 2005 war auch im Seseke-Hauptlauf die Abwasserfreiheit erreicht. In Kanäle und Kläranlagen wurde der weitaus größte Teil des Projektbudgets von einer halben Milliarde Euro investiert.
Seitdem fließt nur noch gereinigtes Wasser in der Seseke und ihren Nebenläufen. Das Schmutzwasser wird durch die parallel zu den Gewässern – und tief in der Erde – verlaufenden Kanälen zu den Kläranlagen in Bönen, Kamen, Dortmund-Scharnhorst sowie Lünen geführt und dort gereinigt in die Seseke sowie ihre Zuflüsse Rexebach und Körne eingeleitet.
Nach der Befreiung von der Abwasserfracht konnte endlich mit der ökologischen Verbesserung der Seseke und ihrer Nebenläufe begonnen werden, wobei die kleineren Zuläufe an erster Stelle standen. Bis 2006 konnte der Lippeverband auch die Umgestaltung der Körne abschließen, die als größter Nebenlauf der Seseke den Nordosten von Dortmund entwässert und bei Kamen in die Seseke mündet. Im Zuge der Renaturierung wurden die Betonsohlschalen aus dem Flussbett entfernt, die Böschungen abgeflacht sowie Flachwasserzonen und Rückhalteflächen eingerichtet. Zudem erhielt das Gewässer seinen natürlichen geschwungenen Flusslauf zurück. Durch Initialpflanzungen sowie das Einsetzen von Jungfischen wurden darüber hinaus Flora und Fauna angeregt, sich ihre Lebensräume zurückzuerobern.
Mittlerweile sind an den Ufern die typischen Auen mit ihren Eschen, Erlen und Weiden entstanden, während sich in den trockenen Zonen Gehölze und Hochstaudenflure bilden. All das ist bereits ein deutliches Indiz für die ökologische Qualität der Seseke. Über 500 Millionen Euro hat der Lippeverband in den Umbau der Seseke investiert. Die Seseke samt ihren Zuflüssen wurde ein Vorzeigefluss mit ökologischem und städtebaulichem Potenzial und Mehrwerten für die an ihr liegenden Städte wie Lünen, Bergkamen, Kamen und Bönen. Rad- und Fußwege, Rastplätze, Kunstinstallationen und andere Einrichtungen an den renaturierten Gewässern laden heute zur Erholung am Wasser ein. Das Projekt gilt damit auch als Vorbild für die größere Renaturierung des Emscher-Systems.
Hochwasserschutz und Artenvielfalt gehen Hand in Hand
Angesichts des Klimawandels wird die Sorge vor Hochwasser immer drängender. Der Lippeverband baute dafür ein Hochwasserrückhaltebecken in Bönen, das mit einer Fläche von 29 Hektar rund 340.000 Kubikmeter Wasser fassen kann. Dabei schützt das Becken nicht nur die Bevölkerung vor Überschwemmungen, sondern ist schon längst zu einem Hotspot für die Artenvielfalt mutiert. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten haben sich hier angesiedelt und die Fläche am Schwarzen Weg in Bönen zu einer Oase der Biodiversität verwandelt.
Im Kulturhauptstadtjahr 2010 wurde der Umbau der Seseke durch das von Billie Erlenkamp kuratierte Projekt „Über Wasser gehen“ künstlerisch begleitet und der Fluss so wieder näher ins öffentliche Bewusstsein gerückt. An verschiedenen Standorten in Lünen, Kamen, Bergkamen, Bönen, Unna und Dortmund sind dabei neben einigen temporären auch zahlreiche dauerhafte Kunstobjekte am und im Fluss entstanden, die sich mit dem Wandel von Natur und Landschaft auseinandersetzen.
25 Kilometer langer Seseke-Weg
Von Bönen bis Lünen hat der Lippeverband außerdem einen Fuß- und Fahrradweg – den 25 Kilometer langen Seseke-Weg – angelegt, der dazu einlädt, den neuen Erlebnis- und Naherholungsraum zu entdecken. 13 Kilometer des Seseke-Weges befinden sich auf Flächen des Lippeverbandes. Um den Fahrkomfort zu verbessern, plant der Lippeverband die Asphaltierung des Seseke-Weges auf seinen verbandseigenen Flächen. Aktuell befindet sich der Wasserwirtschaftsverband noch in der Ausschreibungsphase. Mit einer Vergabe des Bauauftrages wird noch im ersten Quartal gerechnet, so dass die ersten Arbeiten rund um Ostern starten könnten. Wenn die Witterung es zulässt, sollen die Asphaltierungsarbeiten noch in diesem Jahr abgeschlossen werden.
Info: Der Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum von Lippborg bis Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband sowie zu Veranstaltungen rund um das 100-jährige Bestehen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger auf jubilaeum.eglv.de.





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