Wo der Stachel mit Wurstsalat und Tacheles tief sitzt

 

Da platzt Kai Magnus Sting nicht nur einmal der Kragen bei seiner Premiere im studio theater.

Sein bürokratisches Aussehen täuschte – bitterlich. Denn hinter der schlipsgeordneten Verwaltungsfassade spuckte Kai Magnus Sting Gift und Galle. Als Rächer des Durchschnittsspießers tobte der Duisburger gute zwei Stunden lang mit hochrotem Kopf auf der Stelle. Wo er auf den Brettern des studio theaters alles in Wurstsalat verwandelte, was im ganz normalen Wahnsinn mal eine richtige Tacheles-Abreibung brauchte, war anschließend mindestens eine Spezialreinigung fällig.

So sieht’s aus: Kai Magnus Sting könnte endlos aufzählen, was ihn auf die Palme treibt.

Womöglich auch auf manchen der fast ausverkauften Sitze. Denn die Bergkamener amüsierten sich königlich über die Bergkamener Premiere des Kabarettisten, der seit immerhin 31 Jahren hochkarätige Freundschaften und Zusammenarbeit in der Szene pflegt und sich auch als Schriftsteller, Theater- und Hörspielautor profiliert hat. Von Fremdeln war keine Spur. Denn schnell war klar, dass sich hier gerade jemand weit über das Comedian-Niveau hinaus im wahrsten Sinne mit Händen und Füßen entfaltete.

Sämtliche Herzen gewann Kai Magnus Sting bereits mit der entwaffnenden Feststellung, dass er dem Bergkamener Ambiente mit einem Sportanzug besser gerecht geworden wäre. Um gleich nahtlos beim Schönheitswahn zu landen, wo doch es doch mit „Gummizug in der Buchse“ und allem überbacken deutlich leichter wäre im Leben. Stattdessen wird überall „laut geguckt“. Der Foto-von-hinten-Terror ist allgegenwärtig und das Watscheln in der Partnerschaft kommt irgendwann zwangsläufig aus dem Nichts.

Und da droht schon wieder das nächste Ungemach: Mancher dürfte sich da in der verschärften Aufregungskultur ertappt gefühlt haben.

Überhaupt: „Kann nich ma nix sein?!“, empört sich der Ruhrpottler. Allerorten sieht er sich mit einer bitteren Wahrheit konfrontiert: „Will keiner mehr was tun!?!“ Stattdessen wartet die nächste Erniedrigung bei der Odyssee vom Urologen über den Optiker bis zur unverhofften Integration beim Kardiologen in Marxloh. Und wenn dann auch noch der Eierschneider vom Stammplatz verschwindet, ist nicht nur das Eibrot mit Maggi, sondern die ganze Weltordnung in Gefahr. Dabei will er doch nur seine Ruhe haben: „Mir isses zuviel!“, brüllt er in die Menge, kommt „da gleich runter“ und geifert sich mit KI im Urin in Rage.

Schließlich ist er immer überall der Erste und doch der Letzte, von der allgegenwärtigen Xmas-Edition bis zur Gastgeberqualität. Da vereist er bis zum Steiß beim Angrillen zur Chill-Out-Launch-Musik und will vom Halbtags-Volljuristen doch einfach nur Fleischsalat. Stattdessen lauert das zehnköpfige Froschorchester unter Vogelgezwitscher auf dem hautengen Gästeklo. Dann ist da noch das Baumarkt-Trauma, das ohne Muffen und Barzahlung im Nervenzusammenbruch endet.

Kann man nix machen. Oder doch? Kai Magnus Sting ringt mit dem Wahnsinn und der Empathie.

Die Wahrheit unterm Strich ist auch mit Blick auf die braune Brühe bitter, da nützt jeder zustimmende Applaus nichts: „Arschloch bleibt Arschloch“ und „Schwafel“ liegt „an der Laber“. Da droht am Ende die Invasion des Wahnsinns, die auf Eierschneidern mit Tacheles und Wurstsalat angeritten kommt.

Gut, dass als eindringlich erklatschte Zugabe noch das Steigerlied aus der Mini-Drehorgel einiges wieder einrenkte. Und dass Kai Magnus Sting hofft, nicht der Erste zu sein, der zum letzten Mal in Bergkamen war.