Mit Malsmheimer ins verbale Krankhausbett radeln

Jochen Malmsheimer in Aktion.

Irgendwann musste es für und mit Jochen Malmsheimer im Krankenhaus enden. Mancher hätte vielleicht Erstickungsanfälle in Folge atemloser Endlossätze als Ursache vermutet. Oder einen profanen Herzinfarkt bei einer verbal auf die Spitze getriebenen Wutattacke. Auch ein gerissenes Stimmband wäre bei den typischen explosionsartigen Wortakrobatiken in Frage gekommen. Ebenso ein Muskelkrampf bei übertrieben mimisch artikulierten Worterfindungen. Es war aber nur ein Fahrradunfall, der ihn zum Auftakt der Kabarettsaison im studio theater ins Krankenbett katapultierte.

Auch das ist irgendwie typisch. Denn wer mit Malmsheimer zu tun hat, der taucht zunächst ins Profane ab, wo er eine Kuriositäten-Lawine nach der anderen lostritt. Dabei hatte alles ganz harmlos an einem Montag 1976 begonnen, als der sich plötzlich in einen Wochenanfang verwandelte und alles änderte. Was waren das noch für Zeiten, als Mao und Ulrike Meinhof, Biermann, Apple, Honecker und Helmut Schmidt alles besser wussten. „Mich hat ja keiner gefragt“, stellt Malmsheimer fest, und muss sich die Seele im Tagebuch sauber schreiben, weil sich von jetzt an „das Leben nicht mehr leben lassen will“. Jetzt ist es die KI, die alles besser wissen will.

Noch ganz ruhig, irgendwann rotangelaufen und echauffiert: Malmsheimer am Lesetisch. Das Zubehör baute er am Ende selbst ab und nahm es im Jutebeutel mit.

Was er da genau findet, wenn er in die Untiefen des Alltäglichen mit figaronen Fähigkeiten im Lockdown, Vulkanismus als Lösung des Hungerproblems oder abnormalen Elementarscheußlichkeiten wie dem jugendlichen Balzverhalten in der U-Bahn abdriftet, lässt sich nicht immer genau wiedergeben. Während bei ihm die „Säfte und Aufmerksamkeit“ im Lebensherbst eigene Wege gehen, bleibt mancher unterwegs in seinen Wortgeflechten stecken. Denn auch die Fleischbeschau beim Hausarzt beginnt mit verführerischem Alltags-Idiom, schraubt sich verbal bis zum Frühstücksaddendum hoch und explodiert schließlich in einem „dantischen Inferno“ nicht nur im Fitnessstudio, sondern auch in einem höllischen Brei aus verschmolzenen Sätzen, die mehr als ein nie gehörtes Wort umfassen.

Das ist manchmal vielleicht auch gesünder, denn hinter den diagnostizierten Testikulanzen drängen sich cerebral gedämpfte Wahrheiten, die sich auch auf dem elektrischen Fahrrad nicht mehr wegstrampeln lassen. Was einem unterwegs verpackt in Funktionskleidung und festgesaugt an der Sitzgurke begegnet, lässt sich gelegentlich nicht mehr schönreden. Auch da war früher ohne Stützräder mit Rhabarber-Kompott auf den haarigen Zähnen und Mido-Motorgeräusch aus dem Bechersplitter alles irgendwie noch besser.

Bewegte höchstens mal die Gesichtsmuskulatur oder Arme: Jochen Malmsheimer in unveränderter Sitzposition auch nach zwei Stunden.

Mit Extremitätenvakanz folgen die Zuhörer dem Kavalleristen jedenfalls bereitwillig zum professionell disärztlichen Auftritt und der Begegnung mit dem eigenen Gesamtwerk. Aufs Rad geflochten gibt es dort Inspiration statt kultureller Aneignung in einer Wolke aus „Stottern und Sabbern“, umzingelt von modernen Ikonoklasten. Aber auch hier hilft alles nichts: „Die Kunst kann uns nicht retten, schon gar nicht vor den Faschisten.“ Man kann nur staunen, was die Worte und Kunst mit uns machen, auch an diesem Abend.

Auch hier behielt Jochen Malmsheimer leider Recht. Seine gewaltig erhobene Stimme drang nicht bis dorthin vor, wo sie gehört werden sollte. Den irischen Reisesegen anstelle der herbeigeklatschten Zugabe hatten alle bitter nötig, denn es sollte eine denkwürdige Landtagswahl folgen, die alle Sorgen bestätigte.