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Harter Schmickler ganz weich – auch wenn es „nicht aufhört“

Was soll man machen: Es hört einfach nicht auf mit und von Wilfried Schmickler.

Bitterböse, bierernst, beißend sarkastisch: So kennt man Wilfried Schmickler. Meist mosert er sich wütend und wortgewandt durch den ganz normalen Wahnsinn, hebt stets den Zeigefinger und legt ihn garantiert auf die schmerzende Wunde. Dass er fast zu Tränen gerührt sein kann, lässt sich dabei noch nicht mal erahnen. In Bergkamen sprang er sogar von der studio bühne, um sich für eine Geste der Zuneigung aus dem Publikum zu bedanken. Den Dank richtete er, der mit grimmiger Miene Angst und Schrecken verbreiten kann, mit liebevollen Blicken auch an alle, die den Kulturbetrieb am Nordberg nach zwei kargen Corona-Jahren wieder ans Laufen bringen – „mit so viel Liebe und Engagement“.

Singen kann Wilfried Schmickler auch – mit nicht weniger eindrucksvollen Worten.

Den butterweichen Schmickler gab es aber erst zum Schluss. Dafür reichte ein Stückchen Schokolade mit seinem Konterfei. Davor galt es, eineinhalb knallharte Stunden mit alles anderer als leichte Kabarett-Kost zu verarbeiten. Schmickler lesend, tanzend, singend, reimend, schwadronierend, bombardierend, balancierend. Was er mit Wörtern anstellen kann, ist Hochkultur. Da verwandeln sich Adjektive in verbale Waffen, wenn sie, auch schon mal jenseits der Etikette herausgekramt, unbarmherzig auf Rechtsradikale, AfD und russische Kriegstreiber abgefeuert werden. Nicht weniger beeindruckend sind die Eigenkreationen an Substantiven, wenn Schmickler sie in allen Versformen rund um Klimakatastrophen, Anti-Corona-Gegner oder postfaktischen Störfeuern auftürmt. Das Tempo ist immer atemberaubend. Der Inhalt ist eine Flut aus allem, was das Hier und Jetzt zu bieten haben. Nicht ohne Querverweise auf vermeintlich längst vergangene Untaten, was es noch schmerzhafter macht.

Immer nachdenklich, meistens wütend, immer mahnend: Schmickler, der Redner.

Schenkelklopfer gibt es nur, wenn die Gehirnzellen zu platzen drohen. Kurz verschnaufen, dann geht es unbarmherzig weiter. Mit aufrichtiger Hoffnung auf Vernunft dort, wo Terror und Tod gerade den Ton angeben, steigt Schmickler überraschend ein und zollt der Politikerin im Kleidungsirrsinn seinen nicht weniger unerwarteten Respekt. Sofort wütet er sich warm mit der Herde im Impfstau, Zockerpfaffen, Hubschrauberflügen, Wahlkampfreisen in Kriegsgebiete und Schüttelreimen auf den Stimmungstaliban. Das Lachen stirbt in den Juxraketen, Kopfnebel breitet sich mit Corona unaufhaltsam mit langfristigen geistigen Folgen aus. Dann doch lieber Talkrunden mit Schafen, die sich in die Wolle kriegen, als echtes TV.

Die Friedenstaube hat Wilfried Schmickler mit nach Bergkamen gebracht.

Es braucht Trostspender für die Seele, eine Hölle für Schurken ohne appellierte Solidarität und Vernunft und einen geistigen Plumpssack, der mit dem Ampelmännchen Scholz am CDU-Kindergarten vorbeigeht. Ehemalige Kanzlerkandidaten wandeln mit Mentaltrainern über das Wasser und FDP-Chefs verwandeln sich in Marxisten für Vermurkste. Es muss erst Schmickler kommen, damit die vielgeforderte Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede endlich gehalten wird. Ob er sich damit wirklich als Parlamentspoet empfehlen will, ließ er offen. Nicht aber, dass der Boykott – oh Gott – unser aller komfortable Zonen zum Schmelzen bringen wird. Auch dass es der Neandertaler nicht weiter in der Entwicklung gebracht hat als bis zum Endspurt der Menschlichkeit in der Neuzeit mit korruptem Spitzensport und entgötterten Friedhöfen der Natur. „Was ist das für ein Tier, die Gier?“, fragt er, gründet eine Widerstandsgruppe gegen den Jugendwahn und lässt keinen Zweifel: „Es hört nicht auf“.

Hoffnung lässt Schmickler dann aber doch durchblicken: Ist es nicht doch einfach nur der Mut, der uns allen fehlt? „Auch der Hass auf die Niedrigkeit verzerrt die Züge“, mahnt er abschließend. Und verspricht: „Wir sind nicht taub, blind oder stumm – wir kümmern uns drum!“ Hoffentlich.