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„Echt jetzt“: Mit Algorithmen, Vollpfosten und Smombies schnurstracks bergab

„Echt jetzt“: HG Butzko brauchte nur ein Mal ein Requisit, um den Ernst unserer Lage zu verdeutlichen.

Dass ein Mann mit einem Stehtisch und einem Hocker einen ganzen Abend füllen kann, ist selten geworden. Zumindest, wenn dabei auch noch die grauen Zellen beschäftigt werden. HG Butzko schaffte das am Donnerstag zum Auftakt der Kabarettreihe im studio theater mühelos. Zwar mit Standup, aber ganz ohne Schenkelklopfer. Mit gutem altem Kabarett eben. „Die Älteren werden es noch wissen“, würde er als Motto des Abends wohl selbst kommentieren.

Engagiert am Stehttisch: HG Butzko bot handfestes Kabarett.

Dabei blieb den Bergkamenern das Wissen der Älteren durchaus mit den Lachern im Halse stecken. Denn die Bilanz des gebürtigen Gelsenkircheners nach mehr als 20 Jahren auf der Kabarettbühne war unter dem Titel „echt jetzt“ durchaus ernüchternd. Trump wähnten schon die Simpsons als Präsident, als er zum ersten Mal an den Stehtisch trat. An „wichtigtuerischen Politprotzen von Politwürstchen“ mangelt es seitdem konsequent nicht nur im „Land der unmöglichen Begrenztheiten“ nicht. Auch im wahrhaftigen Berliner Gebäudekomplex sieht es bei der Gammelfleisch-Beschau der Abgeordneten böse aus. Warum? Weil wir selbst schuld sind.

Die Trump-Wähler bleiben, selbst wenn der Präsident verschwindet. Und auch der „Urnengang“ mit der AfD trägt nur einen politischen Anstand zu Grabe, der nachhaltige Wurzeln hat. Die „Blödbirnen der Nation“ und Rechtspopulisten entpuppten sich am Stehtisch als Spiegel einer Gesellschaft, die noch nicht mal die Integration von Ostfriesen in Unterbayern, geschweige denn nach 30 Jahren Wiedervereinigung der Ossis in die Gesamtrepublik bewältigt.

Das Gefühl der Sicherheit ist trügerisch

Auf der Suche nach dem trügerischen Gefühl der Sicherheit bekam Frau Merkel abgehoben mit sinnentleerten Phrasen im Paralleluniversum ebenso ihr Fett weg wie Polit-Deutschland mit erhobenem europäischen Spar-Zeigefinger als Mitverursacher für kollektiven Europafrust. Auch der kulturelle Perspektivwechsel rückte da einiges zurecht: Wäre das Schießpulver von China dereinst nach Afrika statt Europa abgebogen, würden Müsli und Sauerkraut heute mit afrikanischer Entwicklungshilfe vermarktet und Bergkamen gehörte mit den vom Lineal gezogenen Grenzen zur Kolonie Holland, während die Kohle von Geralds und Asmoahs längst ausgebeutet wäre.

Nur selten losgelöst vom Stehtisch, dort aber umso treffsicherer.

Alltagsrassismus ohne Rassisten, Geschlechterdiskriminierung: Es ging munter durch die Auswüchse der Jetztzeit. Besonders akribisch rückte Butzko dabei dem explodierenden Drogenkonsum mit Todschlagsgefahr am Handy auf die Pelle. Nicht ohne Bildungsmehrwehrt, denn wer weiß schon, dass es jährlich 2.500 Straßentote, davon 500 unter Handyeinfluss, gibt und nur 13 durch Dschihadisten. Oder dass inzwischen Ampel-LEDS für „Evolutionsbremsen“ am Smartphone in den Boden eingebaut werden. Wer früher als Torpfosten nicht mitspielen durfte, der krempelt heute als Vollpfosten mit Spracherkennung und Mitteln zur Selbstüberhöhung durch Selfies unser Miteinander komplett um. Die digitale „Mogelpackung mit Horrortrip“ entsetzt sogar die meisten von jenen, die sie erfunden haben. Politisch herrscht aber weiter „Bedenken second“ und das ist ebenso bedenklich wie die zu erwartende Vernichtung von 3,5 Arbeitsplätzen, an denen die meisten von uns selbst mitarbeiten, die Abschaffung der Politik durch Algorithmen und die Roboter-Entsorgung von Obdachlosen in Silicon Valley.

Rassismus und Co. sind nur der Anfang vom Verlust der Empathie, weiß HG Bentzko – und wird damit goldrichtig liegen. Auch wenn der Weg der Erkenntnis dorthin weh tat und mancher Applaus mit leichtem Entsetzen versackte: Die Bergkamener klatschten den Gast in die Zugabe und zeigten, dass es vielleicht doch noch Hoffnung gibt – „echt jetzt“!