Erinnern an einen Krieg, der weltweit Illusionen zerstört

Die gleichen Teilnehmer mit demselben Kopfschmuck wie vor zwei Jahren: Es ist immer noch Krieg in der Ukraine.

Blau und Gelb war alles am Samstag vor und im Haus Frieden auf dem Nordberg. Die Luftballons, der Zuckerguss auf den Süßigkeiten, die Nationalfahnen um die Schultern, die Blumenkränze auf den Köpfen. Die Ukrainer, die in der Flüchtlingseinrichtung Aufnahme, Hilfe und Solidarität gefunden haben, wollten sich am zweiten Jahrestag des russischen Überfalls auf ihr Land nicht nur für die deutsche Gastfreundschaft bedanken. Sie wollten auch daran erinnern, dass sich ihr Land und ihr Volk eines brutalen Kriegs erwehren müssen.

Souvenirs mit schalem Beigeschmack: Süßigkeiten mit Friedenshoffnung und Briefmarken mit Panzern.

Die Ukrainer organisierten die Veranstaltung selbst. Es wurde tagelang gebacken und gekocht, gebastelt und vorbereitet. Viele leben schon seit 2 Jahren in Bergkamen. Andere sind erst vor wenigen Wochen vor den schrecklichen Zuständen, den Angriffen und Zerstörungen geflohen. Meist sind es Mütter mit Kindern. Sie alle haben Unbeschreibliches erlebt. Dinge, die niemand im friedensverwöhnten Europa mehr für möglich hielt.

Taras spielt die Lieder seine Heimat.

Taras ist mit 17 Jahren geflohen. Er konnte nur ein paar Worte Deutsch, als er vor zwei Jahren in Bergkamen ankam. Ganz allein. Seine Eltern sind noch immer in der Ukraine. In Bergkamen „gab es jemanden, der mir helfen konnte“, erzählt er, wie ihn sein Weg hierherführte. „Das war schlimm – aber nicht so schlimm wie Bomben und Raketen.“ Er besucht jetzt das Gymnasium, spricht hervorragend Deutsch und will Lehramt studieren. Musik und Englisch. Musik ist ihm wichtig. Mit der Gitarre kann er ausdrücken, was er fühlt. Und die wechselvolle Geschichte seines Landes mit den Liedern der Heimat ausdrücken.

Nie wieder Krieg erleben müssen

Leckereien nach ukrainischen Rezepten für den guten Zweck.

Helga Benjak ist Jahrgang 1940 und hatte vor zwei Jahren bei Kriegsausbruch den gleichen blau-gelben Kopfschmuck auf. Damals trafen sich viele Hundert Menschen für eine Mahnwache für den Frieden. Jetzt ist immer noch Krieg und es muss immer noch daran erinnert werden. „Ich habe den 2. Weltkrieg und die Bomben in Berlin erlebt – ich wollte das nie wieder erfahren müssen, und die nachfolgenden Generationen schon gar nicht“, sagt sie. Sie kann die täglichen Kriegsmeldungen kaum ertragen. Deshalb kommt sie wieder auf den Nordberg, unterhält sich mit Händen und Füßen, nimmt Menschen in die Arme und kostet von den Leckereien, die hier gegen eine kleine Spende angeboten werden.

Auch Reden gab es vor dem Haus Frieden, um an die aktuelle Situation in der Ukraine und die Geschehnisse innerhalb von zwei Jahren seit dem Kriegsausbruch zu erinnern.

Ein kleines Mädchen spricht etwas auf Ukrainisch in das Mikrofon. Da hat einer der Organisatoren in der gleichen Sprache schon zu einer Schweigeminute für die Opfer des russischen Angriffskrieges aufgefordert. Die letzten zwei Jahre waren aus seiner Sicht die schwierigsten eines „zehnjährigen Krieges, der über 300 Jahre dauert“. Die Ukrainer seien am 24. Februar 2022 um 5 Uhr morgens aufgewacht und seitdem nicht mehr eingeschlafen. Es ginge täglich nur ums Überleben – den ersten, den zweiten und den dritten Tag der von Russland prophezeiten Vernichtung nach 72 Stunden. Es sei ein regelrechter Völkermord, der sich mit Tötungen, Folterungen und Vergewaltigungen, Kindesentführungen und Zwangsadoptierungen, Zerstörungen und Plünderungen immer noch ereigne. Jeder habe mindestens einen Handykontakt, der nie wieder antworten werde.

Bürgermeister Bernd Schäfer zeigt Solidarität.

Bürgermeister Bernd Schäfer schilderte das Entsetzen einer europäischen Generation, die eine Illusion vom immerwährenden Frieden vor zwei Jahren zerplatzen sah. Viele Überzeugungen seien seitdem zerstört worden – sichere Energieversorgung, Wirkung von Diplomatie, die eigene Landessicherheit, soziale Sicherheit, Zeitenwende. Viele Schlagwörter, die den Krieg auch hier für jeden Einzelnen spürbar machen. Gleichzeitig ereigne sich ein „völliger Bruch mit der Zivilisation“, bei dem es für die Ukraine um alles gehe.

Die Erlöse der Veranstaltung sind für die Anschaffung eines gebrauchten Kranken- oder Evakuierungsfahrzeug für die Ukraine gedacht. Das Haus Frieden ist übrigens an jedem ersten und dritten Freitag im Monat für ukrainische Flüchtlinge geöffnet. Hier gibt es Raum für Austausch, Hilfe bei der Bewältigung von Behördenbriefen und noch viel mehr bei Kaffee und Kuchen.




Musikalische Liebes-Eskapaden mit Lucy van Kuhl gehen unter die Haut

Ein Trio, dass perfekt zueinender passt: Lucy van Kuhl und die Es-Chord-Band.

Es muss nicht immer die aufgeregte Bühnenshow mit Salven aus inhaltsschweren Denkaufgaben sein. Kabarett darf auch mal ganz „kuhl“ mit 3 Instrumenten daherkommen. Am Freitag präsentierte sich Lucy van Kuhl genau so: Als Trio, das dem schreiend Plakativen elegant aus dem Weg ging und lieber pointiert genauer hinschaute. Alles andere als zahm und leise. Wer genauer hinhörte, konnte sich aus dem bunten Angebot einiges Kritische, Boshafte, Liebliche, Melancholische und Ernsthafte herauspicken.

Lucy von Kuhl am Flügel.

Den erhobenen Zeigefinger präsentierte die Berliner Liedermacherin, Chansoniere und Kabarettistin dabei eher als Ausrufezeichen denn als mahnenden Aufruf. Mit der Es-Chord-Band im Schlepptau setzte sie alles auf „Liebe“. Sie selbst ließ mit vielsagender Mimik am Flügel die Worte sprechen. Lorenzo Riessler und Nenad Uskokovic untermalten das gekonnt mit dem Schlagzeug und Cello. Die hingebungsvollen musikalischen Akzente wuchsen sich dabei zu mitreißenden Solo-Einlagen aus, die Begeisterungspfiffe und Jubelrufe aus dem zunächst noch reservierten Publikum hervorlockten.

In voller Aktion: Nenad am Cello.

Wie sich Mundorgel-Elemente mit Jazz-, Klassik-, Pop- und Rap-Akzenten zu anspruchsvollen Musikstücken vermengten, die verbal beiläufig in Dolch-Massakern, Botox-Vergiftungen, Traumhaus-Verwüstungen und Knopfdruck-Exzessen oder Ausflügen ins Traumtanztaumelland ausarteten, war gekonnt. Unvermittelt ging es von der beschaulichen Liebes-Aufzählerei in allen Sprachen zur Eröffnung des Liebeskontos mit klebrigen Küssen bei Tiffanys und bösen Detox-Erfahrungen mit schreienden Kuchen über. Manches davon war wohlgemerkt eine Auftragsarbeit für Dermatologen-Kongresse. Liebe als 2. Wahl beim Ausverkauf mit empathischer Akkupunktur ging jedenfalls unter die Haut. Auch wenn man in die Haut des Rentners schlüpfte, der den Liebenden im Park einfach nur beim Leben zuschaute.

Gerade noch so optisch zu erwischen: Die Drum Sticks von Lorenzo beim mitreißenden Solo.

Das Lucy van Kuhl den Schlagzeuger einst als seine Babysitterin kennenlernte, wollte niemand so recht glauben. Ihr „Zögling“ kam nach Küssen ohne Kaviar, bitterbösem Kreuzfahrt-Hollahi mit tödlichem Ende und verschlungenen Navigationswegen nach Rom urplötzlich aus sich heraus und bearbeitete sein Schlagzeug derart beeindruckend, dass das Publikum vor Begeisterung regelrecht aufsprang. Da hatte der Song, der das plötzliche Verschwinden der Nachbarin beweinte, schon längt nicht weniger Gänsehaut verursacht.

Unter den Zugaben waren dann gleich mehrere Premieren. Darunter ein waschechter Rap-Song. Und Ein bislang noch nicht live gesungener Bahn-Song, der mit Stakkato-Aufzählungen aller bekannten DB-Unarten und Mitmach-Einheiten richtig gute Laune verbreite. Drei Zugaben musste Lucy van Kuhl mit ihrer „Es-Chorde“ geben. Dann erst konnten sich die restlos hingerissenen Bergkamener von ihr trennen.




Mit Dudelsäcken und Fackelschein den grauen Jahresstart beim Hafenfeuer verscheuchen

Das beliebteste Highlight beim Hafenfeuer: Die Fackelwanderung.

Pralle Wintersonne, abendlicher Frost, knallblaue Stunde mit Fackeln, Lagerfeuer, Schottenröcken und Dudelsäcken: Das ist genau nach dem Geschmack der Bergkamener und weit darüber hinaus. „Wo muss man denn hier lang zu diesem Feuer im Hafen?“, fragte ein Auswärtiger leicht verzweifelt, nachdem er mit Mühe einen Parkplatz ergattert hatte. Es wurde eng am Samstag in der Marina, denn alle wollten ein Stück vom Hafenfeuer abgekommen.

Gut gefüllter Platz sogar am hellichten Tag.

„Da kommt der Platz so langsam an seine Grenzen“, beobachtet Karsten Quabeck vom Stadtmarketing zufrieden und leicht besorgt, wie sich die Fläche zwischen den Cafés und Restaurants immer dichter füllt. Stellenweise ist kein Durchkommen mehr. Vor jeder Bude bilden sich Schlangen: Pommes & Co. werden langsam immer weniger. „Die Firma beta hat freundlicherweise ihre Parkplätze spontan zur Verfügung gestellt, damit sich die Lage etwas entspannt“, so Quabeck. Die Autos stehen inzwischen ebenfalls Schlange hinter jedem Parkplatz, an dem sich Besucher ihren Fahrzeugen nähern. Auf allen Gehwegen haben sich ganze Pilgergruppen formiert.

Spektakuläre Feuerwolken spuckt Thyrion in den Himmel.

Mit seiner 7. Auflage hat sich das Hafenfeuer längst in einen Selbstläufer mit Großevent-Charakter gemausert. Es hat sich herumgesprochen, dass hier in den dunklen und veranstaltungsmäßig mauen Januartagen einiges geboten wird. Stockbrot am wohlig warmem Lagerfeuer sowieso. Spannende Geschichten im Dunkeln von Michael Wrobel zum Mitmachen für die Kinder. Es darf gebastelt und gespielt werden. Mit der Dunkelheit läuft Thyrion auf, das unheimliche Stelzen-Fabelwesen, das auf äußerst kreativen brennenden Blechblasinstrumenten unheimliche Töne produziert, während sich zu seinen Füßen das Feuerrad dreht und Fackeln an langen Ketten herumwirbeln. Irgendwann kommt dann immer der Moment, an dem der Riese mächtige Feuerbälle in den Himmel spuckt.

Bitten einen fantastischen Anblick zu blauer Stunde und mitreißende schottische Marschmusik.

Direkt danach marschieren Schottenröcke durch die Marina und geben mit Dudelsäcken und Trommeln alles, was die schottische Marschmusik zu bieten hat. Zwischendrin übernehmen Musiker und Bands mit irischen Klängen. Besucher schleppen Esel aus Stahl in Originalgröße zu den Parkplätzen, fotografieren allesamt hingerissen den gewaltigen Elefanten mit den beleuchteten Augen und Ohren und sichern sich beim Metallbauer mindestens eine Fackel für den Garten. Schmuck und winterliche Gartenverzierung gibt es auch noch zur Auswahl. Der Glühwein schmeckt jetzt richtig lecker. Am größten ist aber die Vorfreude auf den Moment, an dem die Fackeln ausgepackt werden. Alle sichern sich ein Exemplar, sammeln sich in Gruppen, entzünden sie unter den wachsamen Augen der Feuerwehr an den Lagerfeuern und Feuerkörben. Und dann geht es los zur Fackelwanderung durch die Marina, immer hinter den Dudelsäcken her.

Wer noch nicht genug hat, der macht sich am Sonntag wieder auf den Weg. Da gibt es weniger Lichterschein in der winterlichen Dunkelheit. Dafür mehr Sonnenschein, Musik und Kinderprogramm. Ein helles, geselliges und stellenweise überranntes Wochenende, das den dauernassen und grauen Jahresstart mehr als kompensiert hat.




Hafenfeuer startet mit Höhenfeuerwerk und feurigen Stelzenwesen

Bot besonders schöne Eindrücke: Das Höhenfeuerwerk im Hafen.

Endlich mal Glühwein im Januar, der sich auch lohnt! Und Flammen, die willkommene Wärme spenden. Das Hafenfeuer startete am Freitag mit allem, was eine winterliche Großveranstaltung braucht: Eine erträgliche Portion Winterkälte und viel Feuer und Licht.

Ganz schön feurige Mahlzeiten gab es mitten in der Menschenmenge.

Auch diesmal kam das Feuer vorwiegend aus menschlichen Mündern oder verschwand auf Nimmerwiedersehen komplett darin. Denn ob der monströse Thyrion und seine zierliche Gehilfin tatsächlich menschliche Wesen sind, das konnte einigermaßen bezweifelt werden. Die Worte, die sie neben dem Feuer ausspien, waren jedenfalls vollständig unverständlich. Umso eindeutiger war das, was sie mit Feuerspießen, Feuerrädern und Fackeln auf Stelzen oder in Bodennähe anstellten. Da steckte blanke Freude drin und hemmungsloser Spaß daran, sich mit flammenden Erzählungen mitten in der Menge zu suhlen.

Bietet wohlige Wärme und leckeres Stockbrot: Das Lagerfeuer.

Die Besucher waren hingerissen. Auch vom spontanen Besuch der blinkenden Diskallico-Biker, die mit ihren LED-funkelnden Motorrädern mitten auf dem Festplatz in der Marina hielten und sich fotografieren ließen. Das Stockbrot brutzelte noch im großen Lagerfeuer, da schossen auch schon die ersten Feuerwerkskörper in die Luft. Mancher vierbeiniger Besucher und ihre Besitzer waren darauf offenbar nicht ganz gefasst, denn es starteten mit dem Höhenfeuerwerk auch leicht panische Verfolgungsjagden zwischen Hund und Herrchen. Der Anblick war jedenfalls eine rundum gelungene Einstimmung auf das, was an diesem Wochenende noch beim Hafenfeuer folgt.

Natürlich sind noch einige feurige Programmpunkte dabei. Thyrion & Co. sind auch am Samstag unterwegs. Es steht außerdem eine Fackelwanderung ab 18 Uhr auf dem Programm und Einlagen mit Pipes & Drums. Gleich mehrere Bands geben sich das Mikro in die Hand. Es warten schaurige und schöne Geschichten zum Mitmachen und Kinderprogramm auf die Besucher. Am Sonntag beginnt das Marina Hafenfeuer schon um 12 Uhr.




Lebensretter der Feuerwehr kamen 2023 fast an ihre Grenzen

Dirk Meyer-Jürgens, Christine Busch und Dirk Kemke an der Übungstür für die Rettung von Menschen in Notlagen hinter verschlossener Tür: Eine Einsatzart, die 2023 sprunghaft zugenommen hat.

Grenzwertig war das Jahr 2023 für die Lebensretter der Freiwilligen Feuerwehr. Es gab deutlich mehr Alarmierungen und Einsätze. Viel zu tun für die ehrenamtlichen Einsatzkräfte vor allem für Menschen in Notlagen, bei Wasser- und Sturmschäden und bei Verkehrsunfällen oder -störungen. Auch überörtlich mussten die Wehrleute den benachbarten Kollegen doppelt so häufig unter die Arme greifen. Die Feuerwehr hat es hautnah mit Klimawandel & Co. zu tun. Und seit längerem bereits mit den Auswirkungen eines gesellschaftlichen Wandels. Darauf müssen sich alle vermehrt einstellen – technisch, personell, mit Fortbildungen.

2024 wird sich jedenfalls vieles auf diese neuen bzw. sprunghaft angestiegenen Herausforderungen ausrichten, so die Bilanz der Feuerwehrleitung um Dirk Kemke, Bernd Externbrink und Dirk Meyer-Jürgens zusammen mit der 1. Beigeordneten Christine Busch. 200 Einsätze gelten als „Schallgrenze“ für die noch machbare Zahl an Einsätzen. „Für unsere Einheiten in Mitte und Weddinghofen ging es mit jeweils 230 bzw. 226 Alarmierungen 2024 bereits über diese Grenze hinaus, auch wenn die Einsätze noch darunterblieben“, so Wehrleiter Dirk Kemke. „Wir waren und sind jedenfalls stark gefordert: Wir mussten diesen Ansprung 2023 bewältigen und stellen und darauf auch 2024 ein“, so Dirk Kemke.

Deutlich mehr Einsätze und Alarmierungen

636 Einsätze waren es insgesamt 2023. Das sind 101 Einsätze mehr als im Vorjahr. Alarmierungen gab es noch viel mehr: 923 insgesamt. Einsamer Spitzenreiter: Menschen in Notlagen. 136 Mal mussten zumeist ältere und hilflose Menschen hinter der verschlossenen eigenen Haustür aus misslichen Lagen befreit werden. 2022 waren es noch 107 Einsätze. „Unsere Gesellschaft verändert sich. Viele ältere haben keine Anbindung mehr an einen Familienverbund oder eine intakte Nachbarschaft. Sie wissen sich nicht selbst zu helfen oder können es nicht – deshalb können wir hier auch nichts verübeln“, so Dirk Kemke. 120 Kleinbrände finden sich auf Rang 2 der „Rangliste“ für 2023 (2022: 106). Dahinter folgen sofort die blinden Alarmierungen (2023: 84, 2022: 82). Den mächtigsten Anstieg erlebten jedoch Einsätze bei Wasser und Sturmschäden: 75 waren es 2023, darunter auch die mehrtägige Hilfe mit vielen Beteiligten an der Lippe in Hamm mit Hochwasser und drohendem Dammbruch. Im Vorjahr waren es nur 42. Einsätze. Zugenommen haben auch Alarmierungen bei „Kleinigkeiten“: Ein herabgefallener Ast auf dem Gehweg, beispielsweise.

„Wir richten uns darauf ein, dass auch diese Einsätze in Zukunft mehr werden. Wir bieten beispielsweise vermehrt eine Kettensägenausbildung an“, berichtet Dirk Kemke. Technisch wir aufgerüstet, auch hinsichtlich der Kleidung. „Die übliche Multifunktionskleidung kommt bei diesen Einsätzen mit Vegetationsbränden wegen Trockenheit oder Hochwasser an ihre Grenzen“, so Kemke. 2024 wirft auch die anstehende Autobahnbaustelle ihre Schatten voraus: „Wir haben uns bereits mit den Kamener Kollegen über Erfahrungswerte ausgetauscht und stellen uns auf Verkehrsunfälle und andere Szenarien ein, hier geht es vor allem um die psychosoziale Unterstützung.“ Aber auch die vermehrte Präsenz von schwierig zu handhabenden E-Autos bei Unfällen ist sicher. Fortbildungen erfordern auch Brände, bei denen Photovoltaik im Spiel – ebenfalls eine neue Herausforderung in Zuge des Energiewandels.

Viele neue Freiwillige gefunden

Personell ist die Feuerwehr dafür gut aufgestellt. Mit 209 freiwilligen Feuerwehrfrauen und -männern geht sie ins neue Jahr. „2023 hatten wir kurzfristig noch Sorge, dass wir unter 200 bleiben.“ Viel Werbung und das Ahrtal als „Aha-Ereignis“ hat jedoch viele neue Helfer für das Ehrenamt bei der Feuerwehr begeistert. „Allein in Heil haben wir jetzt 5 Leute – das ist besonders bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass es hier besonders große Sorgen gab und der Stadtteil sehr klein ist“, betont Kemke. Gebrauchen kann die Feuerwehr jedoch weiterhin Verstärkung. „Vor alle bei der Betreuung der Jugendfeuerwehr“, appelliert Christine Busch.

2024 wird der Bau des neuen Gerätehauses in Oberaden weiter vorangetrieben, nachdem sich das ursprünglich vorgesehene Gelände der früheren Jahnschule als zu klein herausgestellt hat. „Die Planung benötigt Zeit und wir brauchen auch externe Experten“, betont Christine Busch. Vorgespräche gab es schon, jetzt werden die Checklisten und die zeitliche Abfolge in Angriff genommen. Der Fahrzeugpark der Feuerwehr wird um zwei  neue Einsatzleitwagen für Mitte und Oberaden aufgestockt, bestellt sind sie bereits. Aufgerüstet hat übrigens auch das Rathaus: Hier steht neuerdings ein Feuerwehrfahrzeug. Mit einer ganzen Reihe von Feuerwehrleuten unter den Mitarbeitern in der Verwaltung konnte eine „gesicherte erste schnelle Truppe“ als eigene Staffel mit sechs Personen gebildet werden.

Die „schnelle Truppe“ ist auch relevant für den Brandschutzbedarfsplan. Der liegt bei der Bezirksregierung zur Vorprüfung, erstellt mit externer Begleitung. Ende Februar wird eine Rückmeldung erwartet, im März kann dann der Rat entscheiden. „Es ist jedes Jahr aufs Neue eine Herausforderung“, betont Christine Busch. Die Zuversicht ist groß, dass auch 2024 alles wie geplant genehmigt wird.

 

 




Oberadener bringen den Museumsplatz beim 25. Weihnachtsmarkt an seine Grenzen

Volles Programm auf der Bühne beim 25. Weihnachtsmarkt

Kaum war die Dämmerung da, schon ging es nur noch im Gänsemarsch über den Weihnachtsmarkt in Oberaden. Warteschlangen fast überall. Und wer einen Blick auf die Bühne erhaschen wollte, der musste Standhaftigkeit mitbringen. Auch in Oberaden verwandelte sich die Fläche zwischen den 16 Buden in diesem Jahr wieder zu einem regelrechten Stadtteilfest. Kein Wunder, es war schließlich auch der Jubiläumsweihnachtsmarkt.

Auf dem Kinderkarussell gab es Feier des Jubiläums Runden umsonst.

Zur Feier der 25. Auflage gab es deshalb das Kinderkarussell auch umsonst. Und der Nikolaus kam gleich zwei Mal mit leckeren Überraschungen – am Samstag und am Sonntag. „Inzwischen ist die Planung für uns Routine: Die Erfahrungswerte sind da, die Kontakte auch – im September werden die Anträge gestellt, dann kann es losgehen“, schildert Michael Jürgens vom organisierenden SPD-Ortsverein. Und die Absprachen klappen auch dort, wo es Unwägbarkeiten gibt: „Mit dem Museum haben wir vereinbart, dass die Baustelle mit der Umzäunung für den Weihnachtsmarkt wieder etwas zurückweicht. Das hat prima funktioniert und wir konnten alles so umsetzen wie gewohnt“, freut er sich.

Das Glücksrad lockte im Sportler-Zelt.

Schwieriger wird es allerdings überall, Freiwillige und Helfer zu finden. „Wir könnten hier locker noch mehr Buden aufstellen – aber die Leute fehlen einfach“, sagt Michael Jürgens. Auch deshalb mussten zwei Teilnehmer kurzfristig absagen. Nachrücker zu finde ist dann so gut wie unmöglich. „Wir brauchen ja schon für unseren Getränkestand an zwei Tagen fast 60 Helfer – das muss man erstmal stemmen“, schildert er.

Historisches Holzspielzeug und Schmuck mit persönlichen Geschichten gab es beim Museum.

Die meisten schafften das auch in diesem Jahr mit viel Engagement. Die Feuerwehr zauberte selbstgemachten Grünkohl. In anderen Buden brutzelten Champignons und Reibekuchen. Glücksrad im Zelt des Sportvereins, Eierpunsch beim Kindergarten: In Oberaden bringen sich alle Vereine und Einrichtungen mit dem ein, was sie leisten können. Auch das Museum hatte einen eigenen Stand mit kuriosem Schmuck, der aus Reiseandenken weiterverarbeitet wurde. „Dieser Kettenanhänger ist zum Beispiel aus Tibet“, sagt die Noch-Besitzerin. „In den 60-ern war das ein begehrtes Reiseziel – auf den Spuren der Beatles“, erzählt sie lachend. Direkt daneben gibt es Holzspielzeuge vom Fachmann, hergestellt nach historischen Motiven und mit entsprechenden Handwerksmethoden.

Auf der Bühne gab es rund um die Uhr ein buntes Programm mit Baumschmücken durch den Kindergarten, den Rainbow Birds und Hei-Lights, dem Posaunenchor, Simply Accoustic Groove, der Schreberjugend, einem Projekt der Musikschule und dem „Out of Blue“-Duo. Wer nicht dabei war, hat tatsächlich etwas verpasst, denn darüber reden alle garantiert noch bis Weihnachten.




Weihnachtszauber mit besonderer Stimmung auf Gut Keinemann

Lagerfeuer, Oldtimer und Gutsgebäude mit weihnachtlicher Beleuchtung: Tolle Stimmung auf Gut Keinemann.

Das Feuer prasselt verführerisch. Und auch der Glühwein verströmt weithin lockende Düfte. Da macht es nichts, wenn man kurz vorher noch im Matsch auf dem Parkplatz fast stecken geblieben ist. Und dass eine Regenjacke am Wochenende besser war, wenn man den Weihnachtsmarkt in Rünthe besuchen wollte. Die Buden und Stände in den Scheunen auf Gut Keinemann sind für viele längst das schönste Weihnachtsmarktensemble. Nicht nur in der Region.

Das Lagerfeuer ist der magisch anziehende Mittelpunkt.

„Die Leute kommen aus Dortmund, Münster, Warendorf, Coesfeld, Recklinghausen“, freut sich Organisator Thomas Albrecht vom Verein der Oldtimer Remise. „Es hat sich längst überregional herumgesprochen, dass wir hier viel zu bieten haben.“ Sogar aus Rosenheim kommt ein Stammgast. Er fährt 2 Mustangs und ist über diese Leidenschaft dem Verein verbunden. Mit einem seiner fahrenden Raritäten kommt „Mustang Michael“ immer am Weihnachtsmarktsamstag hoch an die Lippe, um hier mitzufeiern und die besondere Atmosphäre zu genießen.

Zeitungskunst einmal anders als geflochtene Weihnachtspräsente.

Mit 35 Ständen und beleuchteten Gutsgebäuden ist es hier auch in jedem Jahr besonders gemütlich. Und alles, was angeboten wird, ist Handgemachtes aus der Region. Wie die aus Zeitungspapier geflochtenen Taschen, Körbe, Kartons, Boxen, Vasen und Schalen von Anita Neukirchen. Sie hat diese ungewöhnliche Art der Kreativität aus der Not heraus entdeckt. „Ich war krank und musste mich einfach beschäftigen“, erzählt sie. Ihre Tochter brauchte Hilfe bei dem Versuch, aus den fest gerollten Zeitungsseiten praktische Objekte zu flechten. „Das Tolle ist: Das Flechten funktioniert genauso so, wie es seit Jahrtausenden mit Weidenzweigen gemacht wird“, erläutert die Hammerin. Wer in den immer wieder heftigen Regengüssen Angst hatte, dass es die Zeitungstaschen nicht durch die Nässe schaffen, hatte sich geirrt. „Das macht ihnen gar nichts aus – und die Tragfähigkeit ist bis zu 14 kg schon sehr stattlich.“

Kohleloren und Schwippbögen im Weihnachtsflair

Besondere Bergbaudevotionalien.

Peter Hübner ist mit seinem Bergbaudevotionalien nach einer kleinen Pause auch wieder dabei. Er war Aufsichtshauer im Abbaustreb auf dem Bergwerk Ost und hat vieles in einer stattlichen privaten Sammlung gesichert, das sonst vielleicht verschwunden wäre. Dicke Kohlebrocken beispielswiese, in die ein Kumpel kleine Bergbauszenen verewigt hat. Filterdosen, die jetzt als Spardosen fungieren. Ein Arbeitsanzug hängt an seiner Hütte, Signalglocken sind in Weihnachtsglocken umfunktioniert und die alten Grubenlampen eignen sich auch für hübsche Weihnachtsstimmung mit den Bergbausymbolen im Hintergrund.

Ganz besondere Schwippbögen mit Bergbauflair gab es auch wieder.

Sämtliche Fördertürme der Region sind in einem benachbarten Stand in Schwippbögen mit Heimat-Feeling übertragen. Kleine Mini-Kohleloren eignen sich als ganz individuelle Weihnachtsgeschenke am Stand gegenüber. Der Bergbau hinterlässt hier überall seine Spuren. Es gibt aber auch die Klassiker mit aus allem erdenklichen Papier gefalteten Engeln, kunstvollen Schaukelpferden in mittelalterlichen Varianten geschnitzt, Postkarten, Weihnachtskugeln, Schmuck, Seife und, und, und… Mittendrin hängen geräucherte Forellen, werden Messer geschärft, gibt es Kuchen, Glühwein, Suppen. Zum ersten Mal ist auch das Hafencafé mit Folienkartoffeln und Erbsensuppe dabei.

Auch die Akteure waren ganz und gar auf Weihnachten eingestellt.

Überhaupt: „Wir haben diesmal vier neue Stände und können uns generell vor Anfragen nicht retten“, meint Thomas Albrecht. Manche Angebote sind aber auch schwer zu bekommen: „Wenn jemand Lust hat, Reibekuchen anzubieten: Wir nehmen ihn/sie mit offenen Armen und suchen händeringend“, meint er. Der Andrang ist auch in diesem Jahr immens: „So groß wie nie“, freut sich Albrecht. Das hat der Weihnachtsmarkt auch verdient, denn auch hier engagieren sich vor allem Ehrenamtler, damit die Besucher drei Tage lang etwas geboten bekommen. „Wir haben 45 Mitglieder und davon geben viele Wochen vorher und nachher alles“, sagt Thomas Albrecht. „Vor allem unsere Jugendabteilung hat sich sehr engagiert, zentnerweise Holzhackschnitzel verteilt und mitgeholfen, einen Lichtmast für den Parkplatz einzurichten“, sagt er.

Zwei zusätzliche Buden, auch aus einer alten Coca-Cola-Bude, die als Materiallager etwas im Abseits stand. Zusätzlich gab es eine 500 Euro Spende für den Kinderchor des Kinderheims Erziehungshilfe Werne, die jährlich Eröffnungslieder singen. Die Glühweinparty am Samstag war ein weiterer Höhepunkt.




Weddinghofener eröffnen die Adventszeit liebevoll unterm Mistelzweig

Mistelzweig und Wertschätzung: Die Weddinghofener können sich noch bis Weihnachten öffentlich küssen und für die Liebe werben.

Mehr Gemeinsamkeit, mehr Zusammenhalt, mehr Toleranz und Miteinander: Das wünschen sich die Weddinghofener. Deshalb hing über dem Weihnachtsmarkt am Samstag auch ein symbolischer Mistelzweig, der genau dazu einlud. Einfach mal richtig küssen und sich gernhaben. Die Einladung nahmen alle wörtlich und posteten, was die Handies hergaben.

Restlos begeisterte Weddinghofener Neubürger.

Was sich Christian Weischede vom Verein „Wir in Weddinghofen“ als Motto ausgedacht hatte, fiel auf mehr als fruchtbaren Boden. Das zeigten die riesengroßen faszinierten Augen eines jungen Paares, das Arabisch spricht und erst seit kurzem in Weddinghofen lebt. Die Tochter bekam vom Stockbrot gar nicht genug, die Mutter betrachtete hingerissen die Tattoo-Auswahl und der Vater beobachtete glücklich die vielen Kinder, die sich beim Basteln ausprobierten. Weihnachtsmarkt: So etwas haben sie noch nie gesehen. Das macht Spaß, auch wenn alles reichlich fremd ist. Und wenn die neue Heimat noch einige Probleme macht: „Ich warte noch auf einen Platz im Deutschkurs und hoffe sehr, dass ich bald als Automechaniker arbeiten kann. Das habe ich gelernt“, sagt der junge Vater.

Der Nikolaus liest die Leviten.

So etwas wie den Mistelzweig, das Küssen und den Nikolaus mit dem Buch der „guten Taten“: Das will erstmal verstanden und verinnerlicht sein. Beim Weihnachtsmarkt auf dem Platz des ehemaligen Schulhofs vor dem kommunalen Integrationszentrum an der Schulstraße gab es jedenfalls auch für Neubürger das volle Weihnachtsprogramm. Auch die neuen Weddinghofener Einrichtungen machten mit: Die Kita am Grimberg verlieh ihren Lautsprecher. Eine frischgebackene Tattoo-Künstlerin bot ihre Künste zum verführerischen Weihnachtspreis an.

Mehr Vernetzung auch digital für Weddinghofen

Auch die ältere Generation nutzt die Mistelzweig-Tradition.

Die Vernetzung wollen „Wir in Weddinghofen“ auch auf anderer Ebene verbessern: Seit Samstag gibt es einen eigenen WhatsApp-Kanal. Dort können die Weddinghofener übrigens noch bis Weihnachten zeigen, wie sehr sie sich mögen: Bis Weihnachten steht das „Love Portal“ mit dem Mistelzweig für Selfie-Liebesbeweise neben dem Weihnachtsbaum am Ehrenmal und lädt zum Mitmachen und Posten ein.

Das Lagerfeuer war der magische Anziehungs- und Mittelpunkt des Wehnachtsmarktes.

Die Kindergärten sangen, die Laien-Tänzer luden zum Mitmachen ein. 14 Stände waren um das große Lagerfeuer mit dem Stockbrotangebot aufgebaut – bestückt mit der Kreativität des Stadtteils. Da gab es selbstgenähte Klorollenhalter oder Taschentuch-Sofas beim Blauen Kreuz, Selbstgebastelten Weihnachtsschmuck, Eingemachtes, Leuchtendes und Glitzerndes. Und viele Leckereien in flüssiger und dampfend heißer festerer Form. Richtig beliebt war allerdings die Liege der Tätowiererin, wo sich viele leicht zittrig überwanden und lang gehegte Träume in der Haut verewigen ließen.

Tattoo-Kunst zum Ausprobieren war ebenfalls begehrt.

Viele machten sich aber auch Gedanken. „Wie soll das werden, wenn der Platz hier bebaut wird?“, fragte eine ältere Weddinghofenerin sorgenvoll Organisator Christian Weischede. „Wir kümmern uns drum, keine Sorge“, versprach er bezogen auf die Pläne, dass hier ein neuer Supermarkt entstehen soll. Mit Problemen kennt er sich aus. Auch beim Weihnachtsmarkt lief nicht alles glatt, weil einige Teilnehmer kurzfristig absagen und Ersatz gefunden werden musste. Die Krankheitswelle hinterlässt auch hier ihre Spuren. Dem Andrang tat das keinen Abbruch: Es war voll wie nie unterm Mistelzweig.




Overberge eröffnet dicht gedrängt den Weihnachtsmarktreigen

Hoch hinaus ging es beim Voltigieren im Schulhof.

Wenn in Bergkamen die Weihnachtsmärkte öffnen, sind alle auf den Beinen. Dann wird der Budenzauber zum Stadtteilfest. Vor allem in Overberge. Wer hier die Adventszeit in vollen Zügen einläuten will, der muss schon früh da sein. Am Samstag war es jedenfalls schwer, auf vier Rädern überhaupt in die Nähe zu gelangen. Der Ansturm war immens.

Die Ehrlich-Sisters in zauberhafter Aktion.

Denn an der Overberge Grundschule fiel der Startschuss für den ersten der vier Bergkamener Weihnachtsmärkte. Ortsvorsteher Rainer Bartkowiak hatte auch diesmal wieder 40 Stände auf die Beine gestellt – mit reichlich Erfahrung. Immerhin war es die 15. Auflage. „Ich bin von Anfang an dabei – immer an der Technik und bei der Stromversorgung. Inzwischen als Organisator“, erzählt er und hat dafür nicht viel Zeit, weil auf der Bühne im Schulhof schon wieder der nächste Auftritt ansteht.

Bunt geschmücktes Willkommen für die Besucher.

Die Schreberjugend, Voltigieren, das Zauberinnen-Quartett der Ehrlich-Sisters, Jagdhornbläser, Chor und Nikolaus: Allein das Vorführ-Programm war stattlich. Die Zuschauermengen umso mehr: Wenn hier Zaubertricks gezeigt oder Kunststücke auf dem künstlichen Pferd präsentiert wurden, gab es für ein paar Minuten überhaupt kein Durchkommen mehr. Staus und stockender Durchgangsverkehr auch in und vor den Klassenräumen. Hier gab es alles, was rund um Weihnachten irgendwie von Relevanz ist.

Selbstgebasteltes von den Grundschulkindern beim Förderverein.

Da stapelten sich selbstgestrickte Mützen, Schals und Handschuhe in gewaltigen Mengen. Kleine und große gehäkelte Weihnachtswichtel bevölkerten die Gänge. Sterne und Weihnachtsbäume gab es aus Papier und Holz in allen Varianten. Selbstgestaltete Karten, selbstgemachte Marmeladen, ganze Dekorations-Sets für den guten Hospiz-Zweck: Hier fiel die Auswahl mehr als schwer. Zumal vieles dabei war, das direkt von den Kindern und Eltern der Grundschule stammte und dessen Erlös ihnen direkt wieder zugutekam. Dafür hatten alle extra gebastelt und alle Register der Kreativität gezogen – vom Kerzen-Häuschen bis zur tannengeschmückten Geschenkverpackung.

Lecker: Glühwein von der Feuerwehr.

Ganz schön anstrengend war es, eine Runde durch die Stände zu bewältigen. Da tat Erfrischung und Erholung not. Die gab es draußen im zünftig kalten Hüttendorf. Dort hatten die Vereine, Verbände und Parteien geballtes Ehrenamt für ein vielfältiges kulinarisches Angebot mobilisiert. Vom Glühwein über Pommes bis zum Reibekuchen und Pilz-Topf: Leckereien überall. Inklusive Karten für das ebenfalls garantiert handgemachte Theatervergnügen. Denn der Weihnachtsmarkt ist traditionell auch der Auftakt für den Kartenverkauf des Theatervereins, der aus dem Verkaufen nicht mehr herauskam.




Wohlschmeckende Schlachtplatte mit holpriger Jahresendabrechnung

Launiger Barbie-Auftakt für ein Schlachtfest mit anfangs rosaroter Brille.

Ein Schlachtfest war es nicht gerade. Aber hübsch angerichtet präsentierte Robert Griess seine Schlachtplatte im studio theater. Er kam zur Premiere seiner „Jahresendabrechnung“ mit einem gut gelaunten Ensemble und launigen Höhepunkten eines Jahres, das alles andere als komisch war. Vielleicht blieb auch deshalb ein überwiegend flaues Gefühl zurück und der Lacher des Öfteren im Halse stecken.

Linksversiffte Hamas-Debatte.

Ganz glatt lief es jedenfalls nicht bei der Erstaufführung des Traditionsprogramms, das der Kölner Kabarettist Robert Griess schon seit 2007 mit jährlich neuer Zusammensetzung initiiert. Es hakte hier und da, gerade bei den musikalischen Varianten der zurückliegenden Ungeheuerlichkeiten. Die Bergkamener verziehen aber jeden Versprecher und Stolperer und ließen sich willig mit hineinziehen in Klimawandel, Hamas-Debatte der Engagierten, rechtspopulistische Aufstiegsszenarien, nackten Bahnsinn oder Russeninvasionen, die in chronischen Staus stecken bleiben. Alice Köfer (Berlin) Holger Müller (Köln) und Kathi Wolf (Ulm) glänzten vor allem als Solisten. Die Themenauswahl traf allerdings nicht immer die wirklichen Jahreshöhepunkte und glitt gelegentlich in seichten Klamauk auf.

Beeindruckende Mimik gab es zu saftigen Inhalten.

Der Start war vielversprechend mit rundum rosaroten Barbie-Brillen-Blicken auf eine „gutaussehende“ und klimaneutrale Regierung in einem perfekten 2023, das ohne Brillen in einen Haufen Müll zerfiel. Den wie versprochen aufzuräumen, gelang zunächst recht ordentlich mit dem Morgenappell von Ausbilder Schmidt und bildungsfreien Rekruten in einer maroden Truppe, die den anstehenden Konflikten garantiert nichts entgegenzusetzen hat. Die Hamas-Debatte der Engagierten mit Meuchel-Samuel und Neid-Debatte und Nazis im ganz nahen Osten inklusive Höcke-Kanzlerschaft und Gen-Test traf nicht ganz den Kern. Die unfreiwillige Gebärden-Teilnahme im Bahn-Zoom-Meeting gehörte eher in längst vergangene Corona-Jahre, die sich mancher in digitaler Hinsicht wieder zurückwünschen mag.

Von Tierkadavern bis zur Flüchtlingsroten-Kreuzfahrt

Immer ein garantierter Lacher: Ausbilder Schmidt.

Isländische Volksweisen, die sich rückwärts gesungen als „alle meine Entchen“ entpuppten, waren zwar ulkig, aber mehr auch nicht. Und die Gründe-Forschung für den Aufstieg der Rechtspopulisten blieb in „linksversifften“ Gemeinplätzen mit Verschwörungstheorien, ungeimpftem Sperma und Lügenpresse stecken. Mit Tierkadavern auf dem Kopf  und optischem Waterboarding der Männer ging es in die internationale Trump- und Johnson-Politik, die mit Scholz heiter im Bällebad endete. Die rechtsverdrehte Quizshow mit dem Nazi-Uropa und teflonbeschichtete Skandale setzte sich nach der Pause mit analogen Erinnerungen inklusive Frontex-Grenzkontrolle auf der Mittelmeer-Flüchtlingsroute im Kreuzfahrt-Format fort.

Interessant: Die Emoji-Variante des Erlkönigs.

Die Esoterik-Messe entglitt etwas mit kurzer Kanzlerlinie beim Handlesen. Die schleichende Digitalisierung mit humanoider KI zum Geburtstag und Emoji-Erlkönig-Variante war dagegen amüsant, auch wenn das Wärmepumpen-Lied mit Udo Lindenberg-Einlage noch etwas Feinschliff benötigt. Ob wir uns alle 2024 in einer Wagenknecht-Republik wiedertreffen? Eines ist sicher: Es wird wieder ein Schlachtfest geben, für das es hoffentlich erfreulichere Anlässe gibt, die sich leichter entwirren lassen. Spaß macht es den Bergkamenern garantiert: Sie applaudierten am Freitag ausgiebig und dankbar für eine wohlschmeckende Jahresendabrechnung auf der Schlachtplatte.




Mit Luke Mockridge und knallharter Stand-up Comedy in die neue LOL-Runde

Voll und ganz in seinem Element: Luke Mockridge war der Überraschungs-Auftritt beim ersten LOL-Event der neuen Saison.

Wenn das keine Überraschung war. Da sprang plötzlich Luke Mockridge über die Bühne – ganz und gar unangekündigt. Der Inbegriff der Stand-up Comedy höchstpersönlich als Ersatz für die Absage und den Krankheitsausfall zweier Kolleginnen dort, wo er selbst einmal angefangen hatte. Spitze Begeisterungsschreie, verdutztes Raunen, tosender Applaus: Der Auftakt für die neue LOL-Saison im studio theater hatte am Freitag einen echten Knaller. Rotzfrech, böse und knallhart wie eh und je.

„Bumillo“ ließ es bayerisch-gelassen angehen.

Dabei lieferten zunächst die Bergkamener die beste Selbstironie. Da ging es schnurstracks mit Moderator Lukas Wandke zum Saufen zu Claudia in den Partykeller, zum harten Bürojob auf das Chemiegelände und an die fragwürdigen „Rünther“ unter dem T-Shirt von Marina. Fast schon mitleiderregend schienen die Erlebnisse, die „Bumillo“ alias Christian Bumeder als bayerischer Hausmann mit Stahlkappen-Hausschuhen, süddeutscher Spitznamen-Kultur und Sisyphos-Hausmann-Rap im Gedenken an das gar nicht so lang zurückliegende Hausfrauen-Bild der historischen Werbung als erster auf der Bühne präsentierte.

Anschauliche Interpretation der weiblichen Raststätten-Problematik von Patricia Lürmann.

Etwas zünftiger übernahm Patricia Lürmann als „dicke Lesbe“ auf der Lava vor dem Raststätten-Klohäuschen mit Schüsselyoga und Dosenchampignons das Ruder. Hasserfüllt ging sie dem Kochbücher-Extremismus auf den Grund – mit interessanten Analogien zwischen Grillkultur und Salafismus inklusive Vegetarier-Outing. Luke Mockridge jedoch schöpfte aus dem Vollem. Den Anfang machte der bekannte Geschwister-Komplex, um dann nahtlos sämtliche Aliens zu entlarven, die im weltlichen Wahnsinn untergetaucht sind. Da bekamen die Liegeradfahrer auf fahrbaren Gynäkologenstühlen ebenso ihr Fett weg wie Zehenschuh-Träger, sämtliche Sarahs und Philipps und Jannicks der Erde und natürlich Heidi Klum bei der Übernahme der Weltherrschaft.

Blick in die eigene Selbstgerechtigkeit

Luke Mockridge beherrscht auch den Bühnentanz.

LOL ist junge Comedy und eine Bühne vor allem für alle, die noch keinen Star-Status haben. Das bedeutet in der Regel: Herzhaft hemmungslos wird hier vom Leder gezogen, ohne jede Scheuklappe. Ein Versprechen, das auch am Freitag von den drei Hauptakteuren eingehalten wurde. In der zweiten Hälfte ging es in umgekehrter Reihenfolge zur Sache. Und Luke Mockridge zog hier alle Register. Frischen Wind forderte er für den schlaffen deutschen Sport: Mit Nacktelfmetern und Entertainment-Frischkur „wie bei den Paralympics“. Dafür erntete er empörten Protest, den er sofort mit dem Spiegelblick in die eigene Selbstgerechtigkeit wieder zurückspielte. „Ein kleinwüchsiger Kollege hat den Gag geschrieben und fand ihn super.“ Damit war der Weg frei zu dem, worauf mancher vielleicht gewartet hatte: Gerade erst sei er raus aus dem „Shitstorm“ und seiner größten Sorge, nach dem Online-Hate der letzten Jahre und Monate im Dschungelcamp zu landen. Sogar sein Bruder sei aus der Fahrschule geflogen, weil er den gleichen Namen habe: Das sorgte für partielle Totenstille im Saal. Seine Verwunderung über „Frauen, die Autofahren lehren“ holten die Lacher zurück, auch wenn sie manchen im Halse stecken blieben.

Lukas Wandke hatte als Moderator seine eigenen Comedy-Qualitäten.

Krasse Selbstironie holte auch Patricia Lürmann mit „eineinhalb Händen“ und absurden Ärzte-Erlebnissen hervor, die mit dauerrotierenden Rollstühlen und „Kackstuhl“-Irrwegen endeten. Im Vergleich zum geordneten gesellschaftlichen Hühner-Gefüge im eigenen Garten blieb da nur eine Schlussfolgerung: „Der Idiot ist zurück – und wird gewählt“. Das „Meinen-Dürfen“ führt zur angetasteten Menschenwürde. Das saß, bevor es als Finale einen tieferen Einblick in die Spülmaschinen-Philosophie mit Handstandduschern und brutaler Brezn-Kalorien-Realität inklusive bayerischem Techno von Bumillo gab.

Alle Akteure beim letzten Vorhang mit stehenden Ovationen.

Ein mehr als erstklassiger Comedy-Abend, der erreichte, was gutes Kabarett soll: Betretene Selbsterkenntnis, Spiegel für eigene Vorurteile, nachdenkliche Einblicke und vor allem schonungslose Gags. Und Belohnungen für Claudia und die anderen witzigen Bergkamener: Tickets für die nächste LOL-Runde am 23. Februar, dann wieder im Stadtmuseum in Oberaden.