Vom Blödeln und Verblöden: Euphorische Bergkamen-Premiere mit dem „Meister“

Eine Glocke, ein Glas Wasser und paar Manuskriptseiten: Mehr brauchte Jürgen von der Lippe nicht, um bei seiner Bergkamener Premiere sein Publikum im Ekstase zu versetzen.

 

Eine komplette Plattensammlung landet auf dem Tisch – in Vinyl aus den originalen Erscheinungsjahren. Die meisten sind satt über 40 Jahre alt. Jürgen von der Lippe verzieht keine Miene, wechselt vom Kugelschreiber zum Permanentstift, setzt auf jedes Exemplar sein Autogramm und rückt sich auf seinem Stuhl noch für ein Foto mit dem Plattenbesitzer in Szene. Da war er gerade zum ersten Mal überhaupt auf einer Bergkamener Bühne aufgetreten und hatte auch nach mehr als fünf Bühnenjahrzehnten noch etwas erlebt, das ihn sichtlich anfasste: Sein Publikum schoss umgehend zu stehenden Ovationen in die Höhe, forderte eine Zugabe nach der anderen.

Besonders unterhaltsame Einstieg mit der Lektüre der Boulevard-Zeitungen.

„Das kann ich nicht annehmen!“, raunte der so Gepriesene und schickte Kusshände in die ausverkauften Ränge. „Ihr seid toll!“, bedankte er sich mit der Glocke in der Hand beim Abgang und verschaffte sich bimmelnd Bahn bis zum Büchertisch. Immerhin hatten ihm die Bergkamener nicht nur mit Begeisterungs-Pfiffen und „Bravo“-Rufen gehuldigt. Mehr als zwei Stunden lang krümmten sie sich vor Lachen auf ihren Sitzen, erlitten unüberhörbare Vergnügungszusammenbrüche und versorgten den TV-, Kino-, Hörbuch- und Literatur-Profi immer wieder mit kreativen Zwischenrufen. Ein dankbares Futter für ihn, der sich gern Anregungen auf seinen ausgedruckten Manuskripten notiert, um sie für die nächsten Auftritte zu verwenden. Eine ganze Reihe davon steuerte seine Bergkamen-Premiere bei, wie die zahlreichen Kritzeleien am Zettelrand bewiesen.

Von der Lesung zum Rundumschlag

Dabei handelte es sich eigentlich „nur“ um eine Lesung aus dem aktuellen humoristischen Werk des Meisters. Das dies immer auch eine Show drumherum bedeutet, weiß die treue Anhängerschaft. So gab es auch an diesem Abend die ganz spezielle von-der-Lippe-Perspektive auf den Alltagswahnsinn mit verqueren Ausflügen in die Textkritik, politischen Kabarett-Einlagen, Kostproben seiner Kunst als Imitator und köstlichen Liedbeiträgen. Ganz getreu dem Titel „Stextextsextett“ ging es besonders sex- und textlastig zu. Und es durfte sich jeder im Publikum geehrt gefühlt haben, dabei gewesen zu sein, immerhin hatte sich neben Bundeskanzler Fritz auch weitere Polit-Prominenz parteiübergreifend um Karten gerissen. Selbst das Weihnachtsalbum für Helene Fischer musste warten, ebenso wie die nächste Show-Idee für Stefan Raab als Eisvariante.

In Plauderlaune, gern auch politisch und zum Schluss toternst: Jürgen von der Lippe mit traditionell farbenfrohem Hemd in Aktion.

Von Stil- und Inhaltsblüten der Boulevardzeitungs-Besprechung und tiefblickenden Tagebucheintrag ging es nahtlos weiter in den Blödelmodus mit Lern-Effekt. Wo erfährt man sonst die lateinische Bezeichnung für besonders ausgeprägte weibliche Geschlechtsmerkmale, darf bei Frau Baerbock die Auswirkungen eingerasteter Feststelltasten beobachten oder die Wahrheit hinter der medizinisch-psychologischen Untersuchung mit leistungsbezogenem Zechen von Autofahrern ergründen. Da ging es nahtlos vom Anti-Schrumpfung-Training für das männliche Geschlechtsteil zum eigenen Hubschrauberlandeplatz auf dem Kopf zum Haarausfall-Dialog mit dem Publikum und Eskimo-Lach-Schauprozess als justiziable Zukunftsalternative über.

Ernste Ermahnung als Finale

Der Ritt durch die Sex-Verbotsliste der USA artete ebenso gefährlich für die Lachmuskeln aus wie das Verulken von Mythen und Deutschen Stilblüten. Da bekam nicht nur Herbert Grönemeyer sein Fett weg mit der grammatikalisch falschen „betrogenen Nacht“. Klipp-Klapp-Dialoge-Sammlung, Best of Wassernudel: von der Lippe bot alles auf, was er in Jahrzehnten zur eigenen Kunst erhoben hatte. Und schickte auch die finale Ermahnung in die Runde, auf die bei allem Humor bei ihm ernster Verlass ist: „Es wird noch so weit kommen, dass die Klugen sich nicht mehr trauen zu denken, weil die Blöden sich verletzt fühlen“, feuerte er die finale Salve in eine bestimmte politische Richtung und bekam dafür den größten Applaus des Abends.




Zucchini-Weihnachtsbäume lassen das Adventös-Barometer ausschlagen

Die Zucchini Sistaz als lebende Weihnachtsbäume am Weihnachtsstern.

Wie sich drei weibliche Zucchini in musizierende Weihnachtsbäume verwandeln können und damit auch noch authentisch das Adventös-Barometer in ungeahnte Höhen treiben? Wer beim letzten Kabarett-Ereignis des Jahres im studiotheater nicht dabei war, hat definitiv etwas verpasst. Nicht nur eine Gratis-Mandarine, sondern auch selbstgeknistertes Weihnachtsfeuer und die Bekanntschaft mit einer ungeahnten Fülle von Instrumenten.

Eine kleine Auswahl der weihnachtlich geschmückten Instrumenten-Auswahl.

Die häuften sich gleich bergeweise auf der Bühne und wurden von den Zucchini Sistaz auch schon mal zeitgleich nicht einfach nur synchron, sondern auch außerordentlich melodisch bedient. Die eine Hand bearbeitete die Posaune, die andere brachte die Glocken zum Klingen. Gleichzeitig Trompete spielen und das Xylophon schlagen? Gar kein Problem für Sinje Schnittker, die noch zwei Dutzend andere Gerätschaften beeindruckend unter Kontrolle hatte.

Als Trio nicht nur mit hübschem Kopfschmuck in Aktion.

Das alles mit einem wahlweise mit einem halben Weihnachtsbaum oder einem glitzernden Kugelberg auf den beeindruckenden Turmfrisuren. Hinter falschen Wimpern und viel Klimbim an den Leibern brach sich echte dreistimmige Sangeskunst Bahn. Im Swing-Stil längst vergangener Musikepochen bekamen bekannte Weihnachtsmelodien neuen, zeitgemäßen textlichen Pfiff, gepaart mit heiteren Conferencier-Einlagen. So verwandelte sich der Abend mit am Ende weihnachtlich eingestrickter Gitarre, Kontrabass und diversen Blasinstrumenten in einen jazzig-beschwingten Riesen-Jingle.

Auch die Weihnachtsglocken erklangen, frisch serviert als Weihnachtsgeschenk.

Da kam die Weihnachtspost zur quakenden Trompete per Whats App, die Lichter am Baum flammten als LED-Varianten auf, der Kontrabass entpuppte sich als Hemmnis bei der Partnersuche und auch der Schmerz der einsamen Weihnachtsfrau kam klagend zur Sprache. Es gab einen herzerfrischenden Tango-Kuss für Oma-Marlene und ihre Frisuren-Künste, es ging gemeinsam dem Münsteraner Trio in einer musikalischen Weihnachtsutopie auf den zugefrorenen Aasee und vereint konnte man sich gut vorstellen, auf diese Weise Weihnachten auch ohne Wlan ganz gut zu überstehen.

Mit Kontrabass und Gitarre war keine musikalische Herausforderung zu gering.

Als dann auch noch Konzert-Karten auf der Bühne verlost wurden und der Mandarinen-Duft zum Feuerrascheln aus den Papiertüten richtig Stimmung aufkommen ließ, hatten die drei Heiligen Zucchiniköniginnen ihr lamettabeschwingtes Ziel erreicht: Die Bergkamener waren restlos hingerissen und nicht wenige standen anschließend Schlange, um mit ihnen auf dem Rad zum nächsten Auftritt zu radeln – Jingle-Bells als Mitsing-Klatsch-und-Stampf-Erlebnis noch in den Ohren. Das Barometer war nach diesem Abend eindeutig hochadventös ausgeschlagen.




Schmickler lässt bitten zur Friedensträumerei mit Respekt

Die Friedenstaube darf nicht fehlen. Ebenso wenig wie das Tänzchen zum Gesang, die Predigt und der böse Reim. Ein Abend mit Wilfried Schmickler spielt sich jenseits von flüchtigem Standup und leicht verdaulicher Comedy ab. Er packt schonungslos das altmodische Kabarett aus, das den Finger exakt in die Wunde legt. Stets mit Anstand und Respekt, gern auch im atemlosen Aufzähl-Marathon.

Deshalb entschuldigte er sich auch zuvorderst für die krankheitsbedingte Verschiebung. Aber selbst mit einer halbkurierten Bronchitis konnte er tempomäßig in seinem „Lieblingsbergkamen“ und „liebsten studiotheater“ noch jedem Newcomer locker abhängen. Denn wenn er für die Selbsttherapie auf die Bühne steigt, dann mit einer Mission: Licht ins Dunkel der Unwissenheit bringen, auch wenn er selbst „immer weniger versteht“ von dem, was da jenseits seines „analogen Neandertals“ zwischen dem hilflosen Offline-Dasein und dem Gefühl, etwas zu verpassen, genau passiert.

Von Welteroberern zum Merzias

Da sind digitale Welteroberer am Werk, das steigt unerklärliche Wut gereimt wie die Flut. Und Schmickler verspricht unerschütterlich: „Ich kümmere mich drum!“ Auch wenn er gegen das Schrumpfen des Volkes der Malocher auf die 400 verbliebenen wirklich noch Arbeitenden im Saal angesichts von Work-Live-Balance-Philosophie und den „Merzias“ als Erlöser ebenso wenig ausrichten kann wie gegen den Niedergang der Sozialdemokratie und der katholischen Kirche.

Eine seiner Botschaften und Sätze, von denen er sich nicht trennen kann: „Ohne rigorose Eingriffe in die destruktiven Lebensweisen gibt es keine Rettung der Welt“, fasst er sein Mitleid für die Kehrtwende der abgestraften Grünen zusammen und kündigt die Ankündigung der Verbotspartei an. Inklusive Zwangsverschickung einiger Träger von Ungemach vom Nazi bis zum Raser und Abgesang auf den freundlichen Faschisten-Nachbarn. Was ihn nahtlos zum AfD und zur Aktivierung seines Schmähzentrums führt, zur Wut der verbitterten Kreatur und Vertrauenskrise der Demokratie.

Festhalten an Sätzen mit Nachhaltigkeit

Noch so ein Satz, von dem sich Wilfried Schmickler nicht trennen kann: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“. Wenn auch gequält mit Dringlichkeits-SMS der datenauslesenden Krankenkasse, im kollektiven Vorwärtskomm-Gerangel und der Konfrontation von Geist und Kreatur im Jugendwahnstress. Vom Finanzberatungsexkurs geht es atemlos weiter zum Gier-Tier, das sich mit Neid und Hass ins Küchenmaschinen-Gemetzel steigert, in die Konjunktur-Expertenhölle mit Pech und Schwafel absteigt und im Gleichheitsprinzip des Grundgesetzes mündet.

Ob die Widerstandsgruppe gegen den Jugendwahn und für den zivilen Ungehorsam, für Anstand und Respekt mit Leviten-Lesung am Ende ans Ziel führ? Wilfried Schmickler bleibt immer optimistisch, auch wenn die Bilanz noch so hoffnungslos anmutet. Als „realitätsferner Träumer“ hält er fast am Glauben an den Frieden, Respekt, Solidarität und Antworten auf die vielen offenen Fragen in einer entgötterten Welt. Zum Glück mit Dauerapplaus und mehreren Zugaben.




Eröffnung der LOL-Saison mit Jubiläum und Nutztier-Exzessen

Lachintensiver Auftakt der neuen LOL-Reihe mit Jubiläums-Edition.

Es war ein kleines Jubiläum. Zum zehnten Mal flammten die roten und blauen Scheinwerfersäulen zur Titelmelodie von „LOL“ in Bergkamen auf. Zum zehnten Mal passte kaum ein Blatt zwischen Publikum und Akteure, waren die Plätze voll besetzt. 400 Besucher strömten auch diesmal nicht nur aus Bergkamen, auch aus den Nachbarstädten herbei. Denn es ist längst gesetzt, dass es hier eine absolute Lachgarantie gibt. Die nutzten die meisten auch so hingebungsvoll, dass selbst den Standup-Experten aus dem Stehgreif nichts mehr einfiel.

Andreas Langsch entfaltete am Flügel auch Yoga-Qualitäten.

Daran trugen die drei Comedians samt Moderator die Verantwortung. Denn sie lieferten mehr als nur ab, sie feuerten mit diversen Überraschungen um sich. Wer rechnete schon damit, dass sich hinter dem höflichen Dauerlächeln des Moderators ungeahnte Tiefen verbargen. Nach dem nachdenklichen Einstiegsgesang mit Liebesalgorithmen samt Prokrastination, Sinnieren über die Ego-Generation „W“ im Stress zwischen Sabbatical, Australien-Auszeit, Pimpen für die Klicks nach dem X und Sinnfindung zeigte Andreas Langsch sein wahres Gesicht. Am Flügel verwandelte er sich in ein Yoga-Tier und bearbeitete die Tasten auch rückwärts aus dem Meditationssitz oder waagerecht im „Krieger“. Dann ging es frech mit dem eigenen Weihnachtsmusical nicht nur durch die Wohnungsprobleme der heiligen Familie.

Geschult in England war Christian Schulte Loh ein zwei Meter großer Standup-Profi.

Aber nicht nur der Hamburger war mit seiner Moderation ein eigenes Highlight. Christian Schulte Loh hatte sich als gebürtiger Halterner in Englands harter Standup-Schule gestählt und löste im Publikum die Invasion der Lachtiere aus. Fortan ließen alle ihren animalischsten Ichs freien Lauf. „Pfiffig, frech und flott“ analysierte er die verbalen Generationenunterschiede, erlebte in zwei Metern Höhe die Unbarmherzigkeit der Inflation, ging mit Clubkarte zum Arzt und holte sich dort neben der Laufanalyse auch ein Flattermannsyndrom ab.

Bitterböse blickte Mareike Richter auf die reichhaltige Erfahrung als Mutter.

Böse ging Mareike Richter mit Suizidgedanken beim Wäschefalten als 100-prozentige arbeitende Mutter ans Werk und rechnete nicht nur mit der familienfreundlichen Nachbarschaft, „plötzlich verantwortlich für Unkraut“, mit den „Horrorziegen“ auf dem Spielplatz und „Mama geht tanzen“-Partys ab. Sie nahm auch alle auf einem fiesen Exkurs in den das Leben mit Kindern ohne Komfortzone mit.

War ein Publikumsliebling: Björn vom Morgenstern besticht als Junge vom Lande.

Für nachhaltige Lachkrämpfe und ungeahnte „Nutztiergeräusche“ im Publikum sorgte Björn von Morgenstern. Als „Profi-Popper“ kennt er sich mit dem Dorfleben aus, zelebriert hingebungsvoll die Kreisverkehrparty und saust mit dem Bürostuhl in Adidas-Uniform kontrolliert und tiefer gelegt der Polizei in die Arme, um nahtlos den Glatzen-Exzess auf Klassenfahrt zu entfalten.

Wer davon noch nicht genug hatte, konnte sich in den Sozialen Medien noch eine echte Überdosis holen. Dort sind sämtliche Comedy-Akteure längst Stars und gehen „viral“. Und vielleicht wird bis zum nächsten LOL-Event im Februar ja wirklich noch ein eigenes LOL-Stadion in Bergkamen gebaut. Auch das wäre dann womöglich randvoll.




23. Auflage des Lichtermarktes setzt auf Lichtmagie und Farbenspiele

Mystische Atmosphäre in der Elisabethkirche, das Highlight mit der LED- und Lasershow war.

Es war nicht das ganz große Spektakel wie in vielen anderen Jahren. Wo auch schon mal Feuerkugeln mit knalligen Effekten in den Himmel schossen, gaben diesmal Farben und Musik den Ton an. Der 23. GSW-Lichtermarkt hatte dennoch lichterlohe Reize zuhauf im Angebot. Wer über den Stadtmarkt und durch den Stadtwald flanierte, hatte mehr als genug zu verarbeiten. Diesmal vor allem trocken.

Magische Bilder in der Elisabethkirche.

Zu einem eigenen Anziehungspunkt hat sich längst die Elisabethkirche entwickelt. Hier wird seit Jahren Lichtkunst vom Feinsten geboten. In diesem Jahr war sie das unbestrittene Highlight mit einer farbgewaltigen „High-Tech LED & Laser Show“, die stellenweise den Atem raubte. Schon die Wartezeit bot einen echten Augenschmaus, war das Kirchenschiff doch mit einem blauen Himmel aus Rauch und pulsierenden Laser-Strahlen überzogen. Perfekt aufeinander abgestimmt präsentierten sich in der Show Musik, Lichtimpulse und Bühnenaktionen vor dem Altar und inspirierten zu spontanem Applaus. Wer dabei sein wollte, durfte jedenfalls keine Platzangst haben: Die Warteschlangen waren lang und die Kirche proppenvoll.

Eigene Lichterwelt im Stadtwald

Außerirdisches gab es im Ballon im Stadtwald.

Der Stadtwald erforderte wie immer Geduld und mehrere Besuche. Wer hier alles erleben wollte, geriet in regelmäßigen Flanierstress. Pulsierende Laser-Herz oder Rauchringkanonen ließen mit Lilora ein anderes Universum entstehen. Das Drucklufttheater scharte Menschentrauben um sich. In einem großen durchsichtigen Ball landete „Außerirdisches“ mit eindrucksvollen Lichtszenerien zu anerkennendem Applaus. Magische Rhythmen holte Gilda Razani auf dem Theremin nur mit ihren Händen aus den Ätherwellen hervor. Futuristische Experimente, Tanzmusik aus dem Raumschiff, „Laufsteg des Schattenwesens“ bei der Jugendkunstschule und verzaubernde Lichtströme in Nebenschwaden bilden eine eigene Lichterwelt.

Mal was anderes: Temporeiche Trommelshow mit Lichteffekten unter dem Marktdach.

Unter dem Marktdach geht es ausdrücklich darum, mit den drei rotgesichtigen Trommelwesen bei der „Color Man Show“ mitzumachen. Da steckt vor allem Rhythmus, Tempo und viel gute Laune drin. Einziger Wermutstropfen: Alle Shows waren kurz, aber dafür heftig und beeindruckend. Dafür vermischen sich umso mehr leuchtende Fantasiewesen unter den Besuchern und sorgen für bezaubernde unverhoffte Begegnungen. Verstärkung gab es durch die vielen Halloween-Trupps, die mit beeindruckender Gruselkostümierung auch nicht fehlen durften.

Auffällig waren jedoch die rundherum aufgeploppten privaten Knalleffekte mit unvermittelten Böller-Attacken. Auf die hätten die meisten Besucher gut verzichten können.




Klaus-Peter Wolf begegnet in Bergkamen seiner Autoren-Anfangszeit

War mit viel Spaß, Humor und Anekdoten bei der Sache: Klaus-Peter Wolf.

Dass scheinbar alle 13,5 Millionen Käufer seiner Bücher und 110 Millionen Zuschauer der Verfilmungen seiner Krimis ins studio theater stürmen, damit konnte der Erfinder der Ostfriesland Krimis rechnen. Eindeutig überrascht war Klaus-Peter Wolf von seiner Vergangenheit, die ihn auf der Bühne von „Mord am Hellweg“ am Samstag einholte. Ein kleines, abgegriffenes Heftchen erschien plötzlich aus dem Nichts, mit der Hand zusammengeheftet aus Matrizen. Veröffentlicht in der „Proleten-Presse“ für 3 Mark. Sein erster Erfolg.

Herbert Knorr holt die Rarität aus der Anfangszeit für eine ganz persönliche Signierstunde hervor.

Aus der Jackentasche zog die Rarität niemand anders als der Ideengeber des größten internationalen Krimifestivals persönlich. Herbert Knorr hatte diebische Freude daran, das verblüffte Gesicht des längst erfolgreichen Krimiautors zu beobachten, als er das betagte Werk viele Jahrzehnte nach seiner Entstehung signierte. Erstanden hatte Knorr das Buch zu einer Zeit, „als Klaus-Peter Wolf noch niemand kannte“. Der erzählte hingerissen, wie er damals in dem Gelsenkirchener Verlag mit Helfern unentwegt um den Tisch im Wohnzimmer rannte, in dem der Verlag seinen Sitz hatte. „Wir sammelten alle Seiten mit der Hand auf und hefteten sie zusammen“, erzählt er. Höchstselbst klapperte er dann alle Gelsenkirchener Buchhandlungen ab, um sein Buch auszulegen. Als es wenige Tage später vergriffen war und Nachschub angefordert wurde, war er einfach nur stolz.

Lange Schlangen im Foyer des studio theaters: Alle wollten eine Unterschrift und ein Selfie.

Heute ist er mehr als das. „Wir sind erfolgreich und haben auch noch Spaß dabei – das ist ein Tabubruch!“, witzelte er und schüttelte sich gemeinsam mit Lebensgefährtin Bettina Göschl vor Lachen. Drei Filme werden gerade gedreht, zwei Drehbücher entstehen, drei Bücher sind in diesem Jahr erschienen. Krimis, Romane, Kinderbücher: Nach einem preisgekrönten und bewegten Schriftstellerleben genießt Wolf den Erfolg in vollen Zügen. Davon erzählte er auch im studio theater mit voller Begeisterung. Etwa wie er während der Fahrt nach Bergkamen mit Bettina Göschl den Fall des nächsten Krimis diskutierte, und die Abfahrt verpasste. Oder wie beide ihre Meinungsverschiedenheiten zwischen die Buchseiten verlegen, ihr persönliches Erfolgsrezept.

Viele Anekdoten und ganz persönliche Einblicke

Auch Körpereinsatz war bei der Lektüre gefragt.

So dauerte es satte 40 Minuten, bis Klaus-Peter Wolf überhaupt zum ersten Buch griff und die Lesung eröffnete. Dazu gab es immer wieder heitere Anekdoten, etwa die Hintergründe zu den Sätzen auf den ersten Seiten. Das sind „gekillte Darlings“: Sätze, die er persönlich liebt, die aber herausgekürzt werden mussten. Oder wie es zuhause zugeht, wenn er sich mit Leib und Seele in seine Protagonisten hineinversetzt und plötzlich weiblich herumstarkst oder seinen Tee ganz anders trinkt. Oder wie er ein ganzes Drehteam mit durchdringendem Deichregen und Kluntje mit Sahne nachhaltig „einnordet“, damit die Filme über seine Bücher auch den richtigen Zungenschlag bekommen.

Am Ende war es fast nicht mehr wichtig, worum es in den verschiedenen Büchern, aus denen er vorlas, eigentlich ging. Wo die Ermittlerin an der falschen Haustür klingelt und mitten in einem Ehestreit landet. Wie Gendern, Gleichberechtigung und „Dickpics“ zusammenhängen, ein Jugendbuch die eigene Sicht des Sohnes zum Seitensprung des Vaters offenbart oder ein Gang ins Wasser auf Wangerooge enden kann: Wolf las aus mehreren Büchern vor und amüsierte sich dabei mindestens so königlich wie das restlos gefüllte studio theater.

Bettina Göschl hatte neben ihren Büchern als Co-Autorin und Lebensgefährtin auch wunderbares Liedgut im Gepäck.

Eine besondere Note bekam die Lesung auch durch die Lieder von Bettina Göschl. Sie gab nicht nur das Titellied der Filme zum Besten, inklusive Entstehungsgeschichte des Summens bei einer Teepause mit durchnässtem Filmteam. Ein Liebeslied an Ermittler Frank Weller war ebenso dabei wie ein wundervolles Lied auf ihren Lebensgefährten und seinen verschiedenen Verwandlungen beim Schreiben.

Am Ende gab es tosenden Applaus und Unmengen verzückter Besucher, die ein signiertes Buchexemplar glücklich an die Brust pressten – Selfie für die Ewigkeit inklusive. Es gibt noch weitere spannende Krimi-Lesungen mit Mord am Hellweg in Bergkamen: am 13. Oktober mit Jan Beck in der Trauerhalle am Parkfriedhof, am 20. Oktober als Klima Thrill Abend mit mehreren Autoren in der Ökologiestation und am 4. November mit Ingo Bott und Arno Strobel im Stadtmuseum.




Sehr erfreut: Therapie- und Biografie-Stunde mit Ingolf Lück

Mischung aus Schauspiel und Comedy: Multitalent Ingolf Lück gab tiefe Einblicke auf der Bühne des studio theaters.

Ein bisschen Therapiestunde. Ein wenig Kalaurer-Geplauder an der Supermarktkasse. Zwischendrin mal eine bitterböse Abrechnung. Dann ging es wieder hinter oder vor den Tisch im Klassenraum. Der Start in die Kabarett-Saison des studio theaters mit Ingolf Lück war so etwas wie eine Biografie-Stunde als Erklär-Spiel mit Comedy- und Schauspieleinlagen. Ein launiger Auftakt mit einem routinierten Branchen-Hasen, der seinen Promi-Status nicht ernsthaft hinter Jogginghose, zerrissenem Pulli, grauem Haupt und Lesebrille zu verstecken versuchte.

Mimik und Gestik: Auch das war zum Einstieg in die Kabarett-Saison ein Highlight.

Der Schauspieler, Moderator, Komiker, Regisseur und Synchronsprecher schien punktuell absichtlich mit dem Vorhang im Bühnenhintergrund verschmelzen zu wollen. Denn allzu viele im Publikum warteten ganz offensichtlich auf eine Tanzeinlage, auch wenn der „Let’s Dance“-Sieg inzwischen einige Jahre zurück liegt. Dennoch ging es mit „I wanna dance with somebody“ und offensichtlichen musikalischen 80er-Jahre-Reminizenzen an den Formel Eins-Einstieg auf die Bühne. Immerhin gab es ein paar Anekdoten aus der Tanzshow für die allzu Erwartungsfrohen. Ansonsten prägten das Altern, Einblicke in das Privatlebeben und die aktuelle Lage in allen Bereichen den Abend.

Ganze Hingabe auf voller Bühnenbreite.

Da Pulli und Jogginghose perfekt vom Hintergrund absorbiert wurden, konzentrierte sich alles automatisch auf die rastlose Mimik und ständig in allen Himmelsrichtungen agierenden Händen. Schmerz, Wut, Verzweiflung und Empörung ergossen sich auf die Bühne, wenn sich die Zählhilfe an der Supermarktkasse aufdrängte, die Machtübernahme der Thüringer AfD Böses ahnen ließ und der Rückfall der Grünen hinter die Ideale der 80-er zusammen mit den AfD-Kanzlerabsichten Sympathien für CDU-Kandidaten in ungeahnte Höhen schnellen ließen. Die Bergkamener Ganztagsbetreuung mit Mettbrötchen war da ein echter Lichtblick. Da trägt sich die Vintage-Patina gleich leichter.

Genau hinschauen und hinhören war bei Ingolf Lück gefragt.

Veggie Days mit Fleischsalat, von Nazis gemolkene Milch aus Brandenburg, Zyklopen-Bauern mit Reichsflagge und tiefe Einblicke in die Seele des Ostwestfalen, bei dem sich Ost und West gegenseitig aufheben und das restliche „falen“ zur Mentalität wird, verdeutlichten: „Heute wird’s richtig ernst“. Mit Selbstsuboptimierung ging es zurück auf die Schulbank zu rektalen Kaugummi-Psychosen. Da endet man schnell in einem schlechten Haschisch-Trip mit Einhörnern im Dunkeln. Die überzivilisierten Barbaren mit Haaren auf dem Rücken waren nach der Pause nur die logische Konsequenz. Die Möglichkeiten wurden zur Wirklichkeit und Veith, der personifizierte Vater-Horror und Freund der Tochter, lebte gefährlich angesichts von Rolltreppen mit Falltüren und Schlössern ohne Schlüssel an störenden Rädern im Regionalexpress. Da war das Zettelknibbeln an der Banane als optionaler Kassenterror noch die sanfteste Rachevision am ganz normalen Gegenwartswahnsinn.

Natürlich verlangten die Bergkamener eine Zugabe und noch eine. Dass nur wenige Abo-Inhaber in der Pause gegangen waren, war für Ingolf Lück ein weiterer Erfolg, denn daran misst sich der wahre Promi-Status. Sehr erfreut, Herr Lück!




Kulturpicknick verabschiedet sich mit fulminantem Körperknäuel-Finale

Auch die Natur wurde beim letzten Kulturpicknick der Saison zum Akteure mit einem fulminanten Regenbogen.

Das Finale der Sommerpicknicks hatte am Freitag alles im Angebot. Vom schwülen Sommerabend bis zum Regenschauer: Nichts kann die Bergkamener mehr davon abhalten, die Arena im Römerpark fast bis auf den letzten Grashalm zu füllen. Zum letzten Mal in diesem Sommer war das Parkgelände randvoll mit ganzen Familien, Picknickdecken, Leckereien und vor allem mit guter Sommerlaune. Und: Der Jubel war weithin zu hören. Denn dieses Finale hatte einiges zu bieten. Vor allem äußerst flexible Gliedmaßen. Wer schon immer restlos verknäulte Körper sehen wollte, war hier richtig aufgehoben. Sie schoben sich unter Feuerstäben hindurch, wirbelten durch die Luft, verkeilten sich ineinander, tanzten durch die Menge. Vor allem aber steckten sie alle mit ihrer guten Laune an.

Herr Nils schiebt eine Tür auf: Ein echtes Ereignis.

Es ging schon gut los mit Herr Niels. Der schlurfte schlaksig auf die Bühne und manövrierte seinen Körper eindrucksvoll mit pantomischen Mitteln in beeindruckende Körperhaltungen. Situationen des Alltags verwandelte er mit Hut und Malerrolle in mehr als heitere Situationskomik. Er hätte problemlos allein den Abend mit seiner „Physical Comedy“ gestalten können.

Sehr verknäulte Körperkunst präsentierte „Afrobatic“.

Der Hauptteil war jedoch für „Afrobatic“ reserviert. Als die Gruppe geschlossen mit Trommeln und afrikanischen Instrumenten quer durch das Publikum hindurch einmarschierte, hatte sie das Publikum bereits für sich gewonnen. Vor allem die Kinder versammelten sich geschlossen vor der Bühne, um die wirbelnden traditionellen Tänze zu bestaunen. Die gingen ganz selbstverständlich und nahtlos in Akrobatik über, die Münder offenstehen ließ. Urplötzlich stapelten sich Leiber übereinander oder quer in der Luft. Mittendrin im Gliedergetümmel jonglierten sie mit Hüten und kreiselnden afrikanischen Schüsseln oder falteten sich derart kompakt zusammen, dass sie unter einer brennende Fackelstange hindurch passten. Besser nicht nachmachen sollte man die Kunst, den ganzen Körper durch einen Tennisschläger zu quetschen.

Zum Schluss wurden auch die Kinder in die Akrobatik-Kunst integriert.

Absoluter Höhepunkt war jedoch das sich langsam hochschaukelnde Finale. Ein Kind nach dem anderen wurde auf die Bühne geholt, um allein durch die Luft gewirbelt zu werden, zu zweit in eine Körperpyramide integriert zu werden oder spontan einen Salto rückwärts zu lernen. Am Ende feierten alle Kinder zusammen mit der überwiegend aus Ghana stammenden Truppe ein großes Bühnenfest mit schallenden Zugaberufen. Spätestens jetzt war klar, warum sogar der Bundespräsident die Künstler in seinen Amtssitz geholt und das Fernsehen sie zu „Supertalenten“ auserkoren hatte.

Ein toller Abend, der zwischendrin mit einem fulminanten Doppelregenbogen nach einem kurzen Regenguss im wahrsten Sinne gekrönt wurde. Über den Herbst, Winter und Frühling werden die Bergkamener dieses schöne Kulturformat garantiert vermissen.




Wo die kleinen Dinge im Kino-Open-Air den Regen wegwärmen

Tolle Kino-Kulisse auf dem Gelände der Overberger Bogenschützen – auch im Regen.

Es sind tatsächlich die kleinen Dinge, die ein Kino-Open-Air unvergesslich machen. Die Bergkamener nahmen den Titel des Films, der am Samstag auf dem Gelände der Overberger Bogenschützen gezeigt wurde, wörtlich. Sie freuten sich über die regenfreien Phasen und sogar darüber, dass es manchmal zwischen den richtigen Schauern nur nieselte. Regenschirme und Capes erhielten eine ganz neue Wertschätzung. Und trockene Popcorn wurden ebenso hoch gehandelt wie noch nicht aufgequollene Nachos.

Noch konnten die Instrumente der Mobilband eine Pause auf dem trockenen Rasen machen.

Die S.O.S. Mobilband hatte noch Glück. Sie konnten ihre Instrumente bequem auf der Wiese oder vor der Riesenleinwand ablegen, denn da war alles noch trocken. Bereits um 18 Uhr hatte das Kino-Open-Air begonnen und die Bergkamener nutzten das Angebot für intensiven Austausch und familiäre Treffen in der Ferienzeit. Hier gab es leckere holländische Pommes, Pizza und einen Getränkewagen. Das Organisationsteam hatte da schon sorgenvoll den Regenradar im Blick, denn der verhieß nichts Gutes.

Der Rote Teppich war wieder für die Besucher ausgelegt.

Es war jedenfalls gut, dass die die Kinokarten für das Lichtspielhaus in Werne gleich zu Beginn unter den gut 300 Stühlen entdeckt werden mussten. Denn pünktlich zum Filmstart hatten sich beachtliche schwarze Wolkentürme über dem Gelände aufgebaut. Die Handlung rund um das winzige Dorf in der Bretagne im Kampf um eine eigene Bäckerei, Kneipe und den Erhalt der Schule hatte sich gerade voll entfaltet, da verwandelten sich die zunächst vereinzelten Tropfen in einen stattlichen Dauerguss. Einige Stühle wurden abrupt und dauerhaft verlassen. Andere richteten sich unter den Vordächern der Verpflegungsstände ein.

Schirme und Regencapes waren während des Films gefragt.

Viele waren aber auch gut vorbereitet, klappten die Regenschirme auf und packten sich in professionelle Regencapes ein. Die Capes der Stadt waren rasch ausverkauft. Die kostenlosen Decken sogen sich in ebenso flottem Tempo komplett voll und versagten ihren wärmenden Dienst. Warm ums Herz wurde den Zuschauern aber trotzdem. Denn inzwischen bereicherte auf der Leinwand ein schrulliger Rentner die kleine Grundschule des Dorfes. Nach dem Tod seines Bruders war er als Analphabet hilflos und wollte endlich den Buchstabensalat unter Kontrolle bekommen. Aus dem skurrilen Sonderling wurde am Ende der heißgeliebte Star der Schule, der wie ein Löwe mit der Bürgermeisterin und Lehrerin nicht nur um den Erhalt kämpfte. Er hatte auch ein Auge auf die kleinen Außenseiter und half ihnen durch die großen und kleinen Unsicherheiten.

Eben: „Es sind die kleinen Dinge“. Wie der Regen der pünktlich zum Abspann aufhörte. Und die Wärme fürs Herz, die alle mit nach Hause nahmen.




Kulturpicknick verwandelt den Römerpark in eine riesige lebende Beat-Box

Notenlose Musikkunst im gut gefüllten Römerpark

Wolken und Regenprognosen: Nichts hält die Bergkamener davon ab, den Picknickkorb zu packen. Auch beim zweiten Kulturpicknick der Saison strömten am Freitag wieder Hunderte in den Römerpark und verwandelten die Arena samt Resten der Lagermauer in eine riesige Picknickfläche. Dabei gab es noch genug Muße, um das komplette Abendprogramm mitzugestalten.

5 Bälle fliegen spielend durch die Luft.

Denn es war wieder Mitmachen angesagt, diesmal auf ganzer Linie. Drop Bert war zwar ein alter Bekannter, kaperte diesmal aber mit der Loop-Station die Bühne und verwandelte alle Annäherungsversuche des Publikums in einen verrückten Hip-Hop-Mix inklusive Jonglage. Da war ganz und gar „Bergkamen in the house“, wenn Gebrabbel mit wenigen echten Worten, Kehlkopflauten, Gesang und Synchron-Jonglage auf die Bühne niederprasselten.

Leckerchen für das begeisterte Publikum – nicht nur musikalisch.

„Das ist echte Arbeit und es sieht nur so aus, als ob alles gleichzeitig stattfindet“, erläutert Drop Bert hinter den Kulissen. „Jeder Schritt wird ganz langsam und allein für sich einstudiert bis alle Elemente so dicht aneinanderrücken, dass es sich fast synchron anhört“, sagt er. Da verwandelt sich auch schon mal „Morgen früh, wenn Gott will“ in einen fetzigen Mitmach-Renner unter dem Motto „I believe I can fly“. Zum Abschied gab es den ganz persönlichen Handschlag fürs Publikum inklusive Tänzchen und Cocktailklau.

Notenlos: ein vielseitiges Duo an Keyboard und Drums inklusive mechanischer Schreibmaschine.

Was danach kam, spielte sich auf einer ganz anderen Ebene ab. Die beiden Hauptakteure von „Notenlos“ bewegen sich ganz selbstverständlich gesanglich in allen Sphären und Tonlagen. Handwerklich bringen sie alles mit, um sowohl die Opernsparte als auch den Hard Rock zu bedienen. Dass daraus ein abendfüllender Mix entstehen kann, wenn ganz allein das Publikum das Sagen hat, stellten sie eindrucksvoll unter Beweis. Die Yellow Submarine verwandelt sich dabei so ganz ohne Noten in eine Reggae-Variante, die ganz selbstverständlich in Udo-Jürgens-Manier in „Hänschen klein“ übergeht. Egal ob Ballermann oder Techno: Kevin aus Buxtehude erlebte eine abgefahrene Geschichte – ebenso wie Walter, der Grashüpfer in der Westernhagen-Variante.

Notenlos gab alles.

Ein Konzept, das von der guten Laune und von der Kreativität des Publikums lebt. So verlor sich der Inhalt irgendwann zunehmend im Absurden und die Gespräche auf dem Gelände übertönten irgendwann fast das Geschehen auf der Bühne. Die muss inzwischen von einer kleinen Absperrung vor Begeisterungsübergriffen insbesondere durch das ganz junge Publikum geschützt werden. Denn die sind so fasziniert von Jonglage und lebenden Beat-Boxen, dass sie schon mal spontan auf der Bühne mitmachen wollen.

Das Kulturpicknick ist jedenfalls inzwischen längst ein Selbstläufer und ein absoluter Publikumsliebling mit stetigen Besucherrekorden. Da hat auch ein fulminantes Olympia-Eröffnungsspektakel in Paris keine Chance.

 




Theater Open Air eröffnet mit viel guter Laune und echter Straßen-Kunst den Sommer in Bergkamen

Schattenboxen auf dem Drahtseil: Das „Boardwalk Theater“ hatte einiges zu bieten.

Es ist wieder „Sommer in Bergkamen“, auch wenn der zum Auftakt am Samstag etwas stürmisch fast herbstlich frisch daherkam. Beim Theater Open Air mussten die Besucher auf dem Albert-Schweitzer-Platz zumindest die Pizza-Servietten gut festhalten. Die Akteure hatten mit den gelegentlichen Böen weniger Probleme, schließlich ist das „Boardwalk Theater“ ein waschechtes Straßentheater, das mit allen Widrigkeiten unter freiem Himmel zurechtkommt.

Exklusiv-Gesang für die Besucher von „Las Polkas“.

Gleich zwei Aufführungen wurden den Bergkamenern geboten – Zaubervorführungen und Band-Auftritte inklusive. Nachmittags war die Premiere. Einen satten Sonnenuntergang bekamen die Besucher der Abendvorstellung als Hintergrundkulisse geboten. Es gab gediegenen Wein, Toast, Nachos und Pizza. Bis zu den Vorstellungen war die Stimmung bereits blendend, auch wenn vor allem am Abend einige Plätze frei blieben. Der Sänger von „Las Polkas“ setzte sich auch gern mal an die Tische, um hier richtig gute Musik mit alten und neuesten Hits zu präsentieren. Zauberer Fred Funke ließ simple Gummibänder vor den Augen fassungsloser Zuschauer von einer Hand auf die andere wandern und knete zauberhafte Luftballonwesen.

Nachmachen nicht empfohlen: Ungewöhnlicher Umgang mit dem Strandstuhl.

Was dann folgte, war gute Laune pur. Comedy, Akrobatik, Stummfilm-Ambiente und Hochleistungs-Artistik: Es war ein temporeiches Erlebnis, das vom Straßentheater-Trio vor ihrer Bulli-Bühne geboten wurde. So ging es passend zum Ferienanfang zunächst mal an den Strand mit reichlich verhedderten Erfahrungen im Liegestuhl. Der Beach-Ball flog ins Publikum und zurück. Am Ende mussten zwei stattliche Männer aus dem Publikum für die Fotosession mit dem „Loverboy“ herhalten.

Poetischer Tanz mit dem Punching-Ball.

Es folgte ein Ausflug ein Charly-Chaplin-hafter Ausflug in den Boxring. Hier stand nicht nur die stummfilmartige Auseinandersetzung mit den Boxhandschuhen, Zahnschutz und Punching-Ball auf dem Programm. Es ging auch hoch hinaus aufs Drahtseil mit fast schon poetischen Einlagen auf Zehenspitzen, sinnlichen Schaukel-Eskapaden und Rückwärts-Saltos durch die Luft. Spektakulär war der Auftritt des Rasta-Man mit Berliner Schnauze, der die Diabolos wie ein Derwisch hoch in den Bergkamener Himmel oder mit Höllentempo in allen Varianten über das dünne Führungsseil tanzen ließ.

Diabolos im diabolischen Tanzeinsatz.

„Es hätten durchaus mehr Besucher sein können“, resümierten Karsten Quabeck und Karsten Rockel vom Stadtmarketing etwas enttäuscht. „Nachmittags war es noch gut besucht, abends wäre noch mehr möglich gewesen.“ Etwas entsetzt waren alle über den Sommer zu Ferienbeginn: „Wir haben sogar Decken mitgebracht – es ist in diesem Jahr wirklich extrem“, meinten beide. Für diejenigen, die dem Wind trotzten, sich abends warme Jacken überzogen und den Fußball einen Abend hintanstellten, war es jedenfalls ein mehr als gelungener Abend mit richtig guter Laune, die einige Tage lang vorhalten dürfte.