Kunst als Nahrung für das Innenleben mit „inside out“

Geometrien, die in den Raum wachsen: Auch das ist „inside out“.

 

Landschaft oder doch nicht? Genau hinschauen ist gefragt.

Ist es nun eine Landschaft oder ein komplett verwischtes EKG, in dem sich der Raum mit allen Menschen und Masken spiegelt? Die Formen darauf scheinen sich wie Windräder in den Raum zu drehen. Die gesamte Szenerie verändert sich beim nächsten näheren Hinschauen schon wieder. Nichts, was der Betrachter am Sonntag zu sehen meinte, blieb das, was es schien. „Inside out“ war mehr als nur der Titel der ersten Ausstellungseröffnung in der sohle 1 seit Corona. Es war ein Versprechen, das eingehalten wurde.

Bürgermeister Roland Schäfer bei seiner letzten Ausstellungseröffnung – „mit ein bisschen Wehmut“.

Besonderheiten hat die sohle 1 seit Sonntag aber noch weit mehr zu bieten. Es war die letzte Ausstellungseröffnung für Roland Schäfer als Bürgermeister, nicht aber als kunstbegeisterte Person: „Ich werde mich auch weiter der Kunst eng verbunden fühlen“, versicherte er. Mit den beiden Künstlern präsentiert die Galerie auch eine „besondere Zusammenarbeit“, so Schäfer. Denn sämtliche Werke von Annette Riemann und Magnus von Stetten treten in den Dialog, sind aufeinander bezogen. Und es gibt in diesem Corona-Jahr erstmals viel weniger Wechselausstellungen als das sonst übliche halbe Dutzend – ausgerechnet im Jubiläumsjahr als älteste kommunale Galerie. Dass es diese Ausstellung überhaupt gibt, ist der kollektiven Überzeugung geschuldet, „dass wir das Leben nicht komplett zum Stillstand bringen wollen“, so Schäfer.

Dr. Ellen Markgraf erläutert engagiert, was sie hinter der Kunst sieht.

Dr. Ellen Markgraf übernahm als Kunsthistorikerin, was den meisten nicht auf Anhieb gelang: Sie fasste in Worte, was Auge und Gehirn beim Betrachten erlebten. Denn hier treten ausnahmslos die inneren Bilder nach außen in den Reflexionen, den dreidimensionalen Formen und Assoziationen. Was auf den ersten Blick als Fotografie daherkommt, sind bei Annette Riemann zusätzlich Farben auf Fotopapier. Da wächst das Quadrat bei Magnus von Stetten in den Raum, verursacht einen Sog und wird nahtlos vom benachbarten Bild mit seinen Horizontlinien aufgenommen, um auf das nächste Bild von Annette Riemann weitergeleitet zu werden und sich damit regelrecht in eine Raumskulptur zu verwandeln. Wer hier meint, Traditionelles in der Natur zu entdecken, wir mit den Geometrien in die Technologien der Zukunft gezogen, begleitet von den Lichtreflexionen des gegenwärtigen Raums.

Wer sich darauf einlässt, kann regelrecht in der Ausstellung versinken.

Also auch ein Spiel mit den Zeiten und Bewusstseinsebenen, auf das sich jeder einlassen kann. Ganz nebenbei auch für die Kunstexpertin ein „mutgebender Impuls“, denn die Kultur leidet gerade besonders unter Corona. Und natürlich auch „Nahrung für das eigene Innere“, indem sich das Äußere der Kunst öffnet und sein Innenleben freilässt. Zu erleben noch bis zum 8. November, Corona zum Trotz.

 




Mit Florian Schroeder die Welt minimal als „Neustart“ verrücken

Florian Schroeder hielt im studio theater beim „Neustart“ unerbittlich den Finger auf manche moralische und gesellschaftliche Wunde.

Ist das noch Satire? Oder ist Florian Schroeder ein philosophierender Psychologe, der die hegelsche Dialektik mit Konfrontationstherapie in ein Bühnenprogramm verwandelt? Er hofft jedenfalls unerschütterlich auf die moralisch-mentale Heilung einer von Viren, Diktatoren, Migrationsfluten und selbstgebastelten Wahrheiten leicht verrutschten Welt. Auch in Bergkamen, wo ein „Neustart“ nach der Corona-Pause bitter nötig war. Der Titel von Schroeders neuem Programm war deshalb mehr als perfekt. Und seine Botschaft vielleicht auch.

Tja, so sieht sie nunmal aus, die Wahrheit: Florian Schroeder kann womöglich auch nichts dafür.

Der Weg dorthin war allerdings mehr als schmerzhaft. Gelegentlich wussten die virusbedingt mit Sicherheitsabständen platzierten Zuschauer im studio theater nicht so genau, ob das nun zum Lachen war, was der Berliner dort verbal aus dem dialektischen Hut zauberte, oder doch eher zum Heulen. Nichts soll so sein wie vor Corona, aber eigentlich soll sich auch nichts ändern. Der Messias kommt, oder auch nicht. Wer dachte, moralisch und dialektisch besser gewappnet zu sein als die Querdenker auf der Demo der Coronaleugner, die Florian Schroeder unlängst ratlos zurückgelassen hatte, der hatte sich getäuscht. Auf die gleichen Fragen fehlten auch den Bergkamenern in der direkten Konfrontation schlicht die Antworten oder auch nur ein Weg dorthin.

Zauderndes Applaudieren dort, wo es vom Damaskus-Erlebnis nahtlos von den en vogue-Beispielen und der aktuell gefährlichen Tasse Tee nach Analogistan und zur Urteilskraft der im Glasfaserkabel versackten Bildung ging. Virologen-Gurus hielt Schroeder ebenso ihre eigene Widersprüchlichkeit vor Augen wie den Corona-Leugnern. Digitale Testergebnisse gingen mit dem Telefonhörer auf abstruse Reisen und die propagierte Achtsamkeit verwandelte sich in gefährliche Blockwart-Moral.

Launig entblößten sich bei „Markus Lanz“ die parodierten Gäste.

Weil aber auch die Bergkamener ein bisschen traumatisiert sind, ging Schroeder bald in die leichter verdaulichen gesellschaftlichen Sphären über. Männer waren da die wahren Opfer der Gegenwart, ein wenig bipolar vor allem im verqueren Paardialog oder mit der ökologisch korrekten Lastenkarre vor der Elterninitiativen-Kita, wo es am Ende dann doch nicht den diversen schwulen Erzieher of colour mit Wickelverbot gab. Auch als Markus Lanz ging er launig durch den Gegenwartswahnsinn der Lauterbachs und Laschets und ließ seinem parodistischen Talent freien Lauf.

Die Pause lüftete nicht nur das studio theater, sondern auch die mit dem Neustart sichtlich verjüngten Köpfe der Besucher. Jetzt waren alle bereit für die bittere Wahrheit: Es gibt keine Helden mehr. Von Kant über Hegel bis Hoeneß haben sie alle zum Teil heftigen Dreck am Stecken. Ob wir nun wirklich mit Hirschhausen, Wohlleben und Grönemeyer weiter durch die Krise und eine bittere Zukunft mit künstlicher Intelligenz in ein Zeitalter der Desinformation schleudern müssen? Ob wir am Ende Kutscher oder Pferd sind, als kritiklose Sklaven der Technik nur noch einfache Antworten verarbeiten können und von Kabarettisten-Virologen gelenkt werden, um schlussendlich von Bill Gates endlich das Windows-Update implantiert zu bekommen, sei dahingestellt.

Auch ein Profi braucht beim Start eines neuen Programms ein paar Gedankenstützen – ganz und gar analog.

Schroeders Forderung nach Meinungspflicht war vielleicht sogar ernst gemeint. Man weiß es nicht so genau. Was nun Wahrheit und was Wahnsinn ist, ließ er ebenso im Wagen. „Ich bin nur der Spieler, der die Masken aufsetzt“ – als moralisch-philosophische Immunisierung gegen die absolute Wahrheit. Eins jedenfalls steht fest: „Wir leben in einer Zeit des Endes der alten Gewohnheiten.“ Und: „Wir müssen die Welt minimal verrücken, um nicht an ihr verrückt zu werden.“

Der zögernde Applaus hatte sich da längst in tosenden verwandelt – so weit die großen Abstände das zuließen. Diverse Zugaben mussten her und natürlich noch eine ausgiebige Parodie-Jukebox. Mitnehmen konnte jeder ein stattliches Rüstzeug gegen das, was Corona und der Wahnsinn der Welt noch für uns bereithalten werden.




Beim Picknick-Konzert mit zitternden Fingern ganz neue Kultur-Perspektive erobern

Spaß hatten die Besucher bei beim Picknick-Konzert mit Kulturgenuss unter freiem Himmel.

Ungewohnte Kulisse für Straßenmusiker „Radiolukas“.

Da gehorchen die Finger auch beim besten Pianisten nicht mehr in außergewöhnlichen Zeiten. Radiolukas war und ist Straßenmusiker und kennt die Performance unter freiem Himmel. Dass ihm dabei allerdings ausnahmslos alle andächtig zuhören, brachte ihn am Freitag kurzfristig aus der Bahn. Denn beim 2. Picknick-Konzert im Römerpark war nicht nur der Hunger nach leckeren Picknick-Snacks groß. Auf den Picknick-Decken hatte sich auch eine immense Sehnsucht nach guter Kultur in dörren Corona-Zeiten angesammelt.

Radiolukas in Aktion.

Dass der Mann am Klavier angeblich 13 Mal hintereinander danebengegriffen und einen neuen persönlichen Fehlerrekord aufgestellt hatte, bemerkte garantiert niemand. Viel zu groß war die Freude, endlich mal wieder Live-Musik von einem echten Musiker aus Fleisch und Blut zu hören. Richtig gut war beides ganz nebenbei auch noch. Zusätzlich schmeckten die gesponserten Snacks zusammen mit den in Einkaufskarren oder Körben mitgebrachten Leckereien vorzüglich. Und das letzte Augustwochenende entpuppte sich anders als prognostiziert zudem als außerordentlich lauschig. So streckten sich die meisten entspannt ganz ohne Mundschutz auf ihren Decken aus und ließen es sich einfach nur gut gehen.

Beste Picknickstimmung auch auf den weiter entfernten Decken im Römperpark.

Das war auch nicht schwer, zumal Radiolukas nach den anfänglichen Irritationen durchweg echten Ohrenschmaus auch in die weiter entfernte Picknickecken schickte. Elton John, Billy Joel, Simon & Garfunkel, John Lennon: Es war eine zauberhafte Reise durch die Rock- und Popmusik, garniert mit melancholischen Eigenkompositionen. Wer es sich jetzt allzu bequem gemacht hatte, der saß nach gut einer Stunde schnell wieder senkrecht auf den karierten Decken. Denn Quichotte war zwar irgendwann einmal angeblich Lehrer. Was er begleitet von der Gitarre und selbst getunten Digitalsounds in Worte fasste, war dann aber ganz und gar nicht mehr pädagogisch.

„Quichotte“ holte Bitterböses aus dem Picknick-Korb.

Der Vater mit dem tätowierten Namen des Sohns auf dem Arm bekam ebenso sein Fett weg wie die die Generation der Mitdreißiger, die schnell noch ein Kind bekommt und sich dann über das Kümmernmüssen wundert. Bitterböse ging Quichotte ins Gericht mit den aktuellen Phänomenen, wenn er „gebt die Kinder ins Heim“ sang, Killer-Country-Karsten ins Rennen schickte oder sich selbst und die verpassten Chancen mit sarkastischem Rap bedachte. Launig ging es beim improvisierten Rap zu, der spontan aus zugerufenen Worten wie Kreißsaal und Kastration zu überraschenden Reimen zusammengeschustert wurde. Ein Feuerwerk aus Pointen, das meist unverhofft aus der Hüfte auf die Zuschauer abgefeuert wurde, die ihre sichtliche Freude daran hatten.

Volle Hingabe nicht nur an der Gitarre.

Da hatte sich allerdings bereits der Herbst zu Wort gemeldet und war über die klamme Picknickdecke ungemütlich in anfällige Körperregionen gekrochen. Damit war die unschöne Realität leider wieder allzu präsent, nämlich dass der Sommer zu Ende geht und mit ihm auch die Möglichkeit für einigermaßen unbeschwerten Kulturgenuss unter freiem Himmel. Damit werden auch die wenigen Auftrittschancen für Künstler wieder rarer. Hinter denen, darauf wies Quichotte ebenfalls diesmal sehr ernst hin – stehen unzählige Menschen in der Technik und anderen Gewerben, die gerade mehr als ums Überleben kämpfen.




Opherdicker Sommerbühne: Gypsy-Jazz im Freien

Der Konzertsommer der besonderen Art auf Haus Opherdicke geht in die nächste Runde: Nach dem gelungenen Start der Open-Air-Reihe „Opherdicker Sommerbühne 2020“, können sich Musikfans auf ein stimmungsvolles Schmankerl freuen: Das Joscho Stephan Trio lässt am Donnerstag, 6. August, feinsten Gypsy-Jazz auf dem kreiseigenen Gut erklingen.

Grandiose Gitarren-Soli, lebhafte Rhythmen und mitreißende Harmonien erobern mit dem Jazz-Gespann aus Mönchengladbach den Innenhof des Wasserschlosses. Namensgeber und Leader des Trios, Joscho Stephan, gilt in der Jazz-Szene aufgrund seiner Spieltechnik bereits als der Django Reinhardt der Neuzeit. Doch es braucht keine große Fachkenntnis, um zu merken: dem Charme der Joscho Stephan Trio-Darbietungen lässt sich nur schwer widerstehen.

Auf den Spuren einer Jazz-Legende
Die Musikalität bekam Joscho Stephan (Jahrgang 1979) von klein auf durch sein Elternhaus nahe gebracht. Aufgewachsen mit den Songs von Carlos Santana und den Beatles, fing Stephan früh mit professionellem Musikunterricht an. Der Berufswunsch Musiker festigte sich ab seinem 6. Lebensjahr immer mehr sowie seine Leidenschaft für Gitarren-Improvisationen und seine Bewunderung für Gypsy-Jazz-Legende und Vorbild: Django Reinhardt.

Das Konzert beginnt um 20 Uhr, Einlass ist ab 18.30 Uhr. Für eine wetterfeste Überdachung vor der Scheune des Wasserschlosses sowie für einen Grill- und Getränkestand ist gesorgt. Besucher werden dringend gebeten, die allgemein geltenden Corona-Schutzmaßnahmen (wie u.a. das Abstandsgebot, Mund-Nasen-Bedeckung) zu beachten.

Karten vorbestellen
Die Karten kosten 15 Euro. Kartenreservierungen sind ausschließlich telefonisch bei der Stabsstelle Kultur des Kreises Unna möglich. Als Ansprechpartner stehen Jana Keuch, Tel. 0 23 03 / 27 – 18 41 und Heinz Kytzia, Tel. 0 23 03 / 27 – 25 41 zur Verfügung. Aufgrund der geltenden Kontaktbeschränkungen ist die Besucherzahl auf 100 Personen pro Konzert begrenzt. Das Parken ist nur außerhalb der Anlage möglich. PK | PKU




Spurensuche mit einer außergewöhnlichen Wegmarke und Mindestabstand in der „sohle 1“

Begrüßung unter freiem Himmel – mit Masken, Mindestabstand und blauem Trennungsband.

Normalerweise gibt es mindestens eine Performance und mindestens etwas Poetisches, vor allem wenig Sauerstoff und mehr Gäste als Platz zur Eröffnung der Jahresausstellung der Künstlergruppe „sohle 1“. Diesmal stellte ein Virus allerdings alles auf den Kopf. Dabei war das, was man sich einfallen lassen musste, um auflagenkonform überhaupt in die Nähe der Kunstwerke zu kommen, schon fast eine Performance für sich.

Blaue Bänder begrüßten auch an der Fassade die Gäste.

Ausgerechnet im 50. Jahr der städtischen Galerie „sohle 1“ als älteste kommunale Kunstgalerie überhaupt hinterließ all das getreu dem Jahresmotto mindestens unvergessliche Spuren in der ungewöhnlichen Geschicht. Das Eröffnungspublikum war extrem ausgedünnt und sammelte sich mit Masken und Mindestabstand unter freiem Himmel. Das „blaue Band“ wurde in Doppelfunktion zur Begrüßung ausgerollt: Eigentlich ein Kunstwerk in Anlehnung an das stadtprägende Element, trennten die blauen Streifen nun Eingangs- und Ausgangszone. Die durfte hinter der wiederum mit blauen Streifen geschmückten Fassade nur betreten, wer das passende Kärtchen ergatterte. Alle anderen mussten im Wartebereich ausharren, bis die erlaubte Besucherzahl wieder aufgefüllt werden durfte.

Poesie von Dieter Treeck gibt es diesmal virtuell.

Der Bürgermeister ließ es sich trotzdem nicht nehmen, nicht nur virtuell per Dauerschleife präsent zu sein, sondern auch real die Gäste zu begrüßen. Immerhin feiert die einzigartige Galerie als Urmutter der kurz darauf gegründeten Künstlergruppe Jubiläum. Von einer Baracke und dem Keller einer alten Villa führte die eigene Wegmarke in die City und schließlich ins heutige Museum. Die Gebäude-Spuren sind inzwischen verwischt oder verschwunden. Nicht aber die künstlerischen Spuren. „Das Anliegen war und ist es, moderne Kunst zu vermitteln. Das ist mehr als gelungen. Bergkamen ist auch längst auch eine Stadt der Kunst“, betonte Roland Schäfer.

Gemalt, gezeichnet, fotografiert, modelliert, gedruckt, gelesen: In allen Facetten präsentieren die Künstlerinnen und Künstler ihre Spurensuche.

Die Spuren der diesjährigen „Wegmarke“ hinterlassen ihre eigenen Eindrücke. Darunter sind Spuren des Virus, biographische und historische Spuren, Spuren der Zeit in zerstörten Zechenfenstern, Spuren des wahren Ichs im Spiegel, überdimensionale und ganz winzige Fußspuren im Stein, zerfurchende Spuren in der Landschaft oder leicht verrückte Spuren im Miniaturlabor des Alchemisten. Die Künstler gingen in Wäldern auf Spuren der zerstörerische Borkenkäfer, an der Ostsee entdeckten sie Spuren des Klimawandels, im Stein Spuren der Erdentstehung, in Obstkisten Spuren der Globalisierung oder ganz schlicht Spuren im Sand und des Urlaubs in poetischen Betrachtungen von Dieter Treeck, der ebenfalls virtuell auf dem Bildschirm liest.

Eine spannende Spurensuche, die ab Dienstag auch von einem Katalog begleitet wird. Wer ebenfalls künstlerische Spuren entdecken will: Jeden Sonntag um 11 Uhr gibt es Führungen. Und online stehen Interviews sowie die Rede des Bürgermeisters bereit.




Picknick-Konzert macht Hoffnung auf Kultur-Normalisierung

Sonne, Sommer, Snacks und tolle Musik – mit viel Abstand: Die Premiere des Picknick-Konzerts im Römerpark machte vor allem gute Laune und Lust auf mehr.

Endlich mal wieder Kultur mit einem Hauch von Normalität. Darauf freuten sich alle, die am Freitag eines der Rasenvierecke mit einer grünen Nummer im Römerpark ergattert hatten. Ganz normal war es dann aber doch nicht, als Kulturreferentin Simone Schmidt-Apel vor das Publikum trat. Die Corona-Sicherheitsregeln benötigten immerhin einige Minuten Erklärung.

Den Sommerhut brachten viele mit auf ihre Picknickdecke – neben leckeren Snacks und Getränken und viel guter Laune.

Auf der eigenen Picknickdecke fühlten sich die Zuhörer fast wie in ganz normalen Zeiten. Jeder Schritt darüber hinaus war nur mit Mundschutz erlaubt. Es gab eine Einbahnstraßenregelung hinein und hinaus aus dem abgesperrten Konzertareal. Auf die eigens errichteten Toiletten durfte jeder nur allein. Auch Herumspazieren und spontane Tanzeinlagen vor der Pavillon-Bühne waren nicht erlaubt. Das tat der guten Laune aber nicht den geringsten Abbruch.

Musik mit Hingabe und Absperrungen im Hintergrund. Die Organisation benötigte einigen Aufwand und spezielle Sicherheitsregeln.

Schon nach kurzer Zeit erhob sich der erste, um auf der eigenen Picknickdecke im Rhythmus des „Tropical Turn Quartett“ mitzuswingen. Die aufgespießten Tomaten- und Mozarella-Stückchen wippten beschwingt im Takt mit. Und wer zu frischen Weintrauben oder Knäcke-Stückchen mit Dip griff, der ließ die nackten Zehen in der sommerlich warmen Luft kreisen. Andere waren von den Samba-, Salsa- Merengue- und Jazz-Klängen so entspannt, dass sie sich bequem neben den mitgebrachten Leckereien ausstreckten und tief und fest einschliefen.

Markierte Picknickflächen, die nicht alle belegt waren, Einbahnstraßenregelung und mehr: Ganz normal war es dann doch nicht auf dem Picknickgelände.

Was zählte, war neben der guten Musik vor allem das Signal. „Das ist ein Abend, der Mut und Freude macht“, begrüßte Simone Schmidt-Apel das Publikum. Und: „Sie glauben gar nicht, war Sie alle für ein tolles Bild abgeben.“ Sommerhüte und Sommerkleider mit auf der Seite ausgestreckten oder im Schneidersitz locker drapierten Musikfans formierten in der Tat ein sommerlich buntes Gemälde mit durchweg frohen Gesichtern. Denn alle freuten sich, endlich mal wieder live Musik genießen zu dürfen mit allen menschlichen Reaktionen, die genau das zu einem Erlebnis machen.

Die Musik vom „Tropical Turn Quartett“ war genau die richtige für einen tollen Sommerabend mit einem Hauch von Normalität.

„Wir würden das sehr gern wiederholen“, betonte Simone Schmidt-Apel ihre Hoffnung auf eine weitere Normalisierung und eine positive Entwicklung für die Kultur in der Corona-Krise. Die hat seit Monaten besonders unter den Einschränkungen zu leiden. Ob das nach den jüngsten Entwicklungen mit massenhaften Neuinfektionen in der Fleischindustrie der benachbarten Regionen auch tatsächlich möglich ist, wird sich zeigen. Einstweilen gilt das, womit das „Tropical Turn Quartett“ sein Publikum begrüßte : „Wir haben überlebt!“ Und „Das Leben geht weiter!“ Hoffentlich mit weiteren Picknick-Konzerten, denn die Premiere hat eindeutig Lust auf mehr gemacht. Denn schließlich zog das Konzert auch weit mehr Zuhörer an, die es sich auf den umliegenden Bänken bequem machten oder bei Spaziergängen rund um das Areal herum die Musik genossen.




Blickpunkt Auge: Beratung per Telefon

Der Blinden- und Sehbehindertenverein Kreis Unna ist eine der vielen Selbsthilfegruppen im Kreis. Um Infektionen mit dem Corona-Virus zu vermeiden, bleiben die Beratungsstellen in Bergkamen, Lünen, Schwerte, Unna und Werne bis auf weiteres geschlossen. Die Berater*innen sind aber telefonisch erreichbar. Darauf weist die Kontakt- und InformationsStelle für Selbsthilfegruppen im Kreis Unna (K.I.S.S.) hin.

Informationen erhalten Betroffene und Ihre Angehörigen bei Frank Vehlow, Bezirksgruppenvorsitzender des BSV Kreis Unna und Blickpunkt Auge-Berater, unter Tel. 0 23 06 / 9 12 87 22. Kontakt aufgenommen werden kann auch per E-Mail an f.vehlow@blickpunk-auge.de.
PK | PKU




Gemächlich mit Vorfahrt auf der Kabarett-Überholspur unterwegs

Ein Hohelied auf die klimaneutrale Liegeradgeneration.

Die großen Kabarettbühnen kennt sie in- und auswendig. Barbara Ruscher gehört zur ersten Riege der deutschen Humorgarade, insbesondere der weiblichen. Dennoch war es am Freitag eher, als hätten sich die Bergkamener und sie zufällig am Büdchen nebenan getroffen. Einzig Flügel und Lesetisch erinnerten daran, dass der nette Plausch durchaus geplant war. Die größte Begeisterung löste dennoch der unfreiwillige Humor aus.

Auch singen kann Barbara Ruscher, sogar durchaus böse über die AfD und andere politische Auswüchse.

Etwa beim finalen Lob für das „wunderbare“ studiotheater, das ja bekanntlich unter schweren Alterserscheinungen leidet, eine komplette Sanierung benötigt und auch am Freitag wieder technische Besonderheiten offenbarte. Fast rührend mutete auch ihre Verzückung über die Bergkamener Fürsorglichkeit an, die mit WLan und Erfrischungsangeboten für eine bei Künstlern wohl ungewohnte „Pflegestufe im Backstagebereich“ sorgte.

Engagierte Empörung über Helikopter-Eltern.

Nett war ihr als ausgebildete Lehrerin pädagogischer Blick auf rebellierende Retro-Kindergeburtstage mit Sackhüpfen als fast verzweifelte Antwort auf die grassierende Event-Kultur unter Helikopter-Eltern für „bilinguale Klugscheißer“. Die Fifa bekam als Wohltätigkeitsverein mit Inklusionskultur für Sehbehinderte ebenso ihr Fett weg wie große Lebensmittelkonzerne als „Wassa-Massa“ mit weltweit bedenklichem Einfluss auf die Trinkwasserversorgung. Die Live-Übertragung über die skurrilen Auswüchse unter Hooligan-Eltern am Spielfeldrand hatte charmanten Schmunzelfaktor, ebenso der Abgesang auf die Ü40-Drohnen auf E-Bikes und Liegeräder mit Luftpumpe und Klingeling. Mehr aber auch nicht.

Auch gedichtet wird bei Baraba Ruscher – stilecht am Literatentisch.

Ruscher schien ebenso ratlos wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen angesichts des verbreiteten ganz normalen Wahnsinns. Die Merkel-Mandalas für Flüchtlinge, AfD-Songs auf die „Dummheit als nachwachsenden Rohstoff“ und den Anti-Rap mit Hand im Schritt als Zeichen der Empörung, die sich so recht keinen Rat weiß. Schade, dass auch sie dann immer wieder in die untere Humor-Kiste mit Zipfelnormen, Nacktwanderwegen und Apotheken-Begegnungen beim Spiralenkauf griff. So richtig auf die Überholspur kam sie jedenfalls nicht, auch wenn die Gastgeber ihr mit warmem Applaus freundlich Vorfahrt getreu ihres Tourmottos gewährten. Aus spannenden Themen hätte sie, die durchaus bissig hier und dort den Kern in der „Hose mit Schiss“, beim Schulklolied oder bei der Luftprivatisierung im Klimawandel-Hype trifft, mehr als nur eine Nebenbemerkung machen können.

So blieb es bei einem netten Abend mit einem freundlichen Abschied. Und dem mehr als treffenden Hinweis, dass sich das Bergkamener Kabarett-Programm auch im Auge des Profis sehen lassen kann. Hoffentlich nehmen Barbara Ruscher auch jene wörtlich, die kein Abo fürs studiotheater besitzen und spontan eine Karte kaufen. Denn auch dieser Kabarett-Abend hat immerhin den Blick für das geöffnet, worauf wir alle ein ebenso wachsames wie humorvolles Auge haben sollten.




GSW-Lichtermarkt fasziniert mit Feuerinferno und himmlischen Lichtengeln im Menschenmeer

Tolle Akrobatik in magischem Licht auf dem Stadtmarkt.

Sie stehen mit großen Augen in der Kirche vor den Engeln mit den Geigen und können es kaum fassen, dass auch noch riesige Lichtkegel aufflammen. Wenn das Wesen mit den leuchtenden Schmetterlingsflügeln in einem Meer aus Kerzen wieder eine Riesenseifenblase in den Nachthimmel schickt, jauchzen sie verzückt im Chor auf. Den funkelnden Einhörnern fassen sie ungeniert an die Stelzenbeine und mit den Pinguinen tanzen sie über die Wiese. Gerade die Kinder ließen sich voll und ganz von der Magie des Lichtermarktes in den Bann schlagen – mit Haut und Haaren.

Die geigenden Engel spielen exklusiv für faszinierte Kinder.

Dass kleine Lichtkegel zu lieblicher Musik über die Bühne tanzen können und Körper sich an langen Tüchern in Lichtmeeren winden war dabei genauso faszinierend wie ein wirbelnder Feuerball oder funken schlagende Feuertrommeln. Selbst den Erwachsenen bleiben die Münder offen stehen, als  sich Flammen aus Kelchen zu Kunstwerken zusammentropften und sich Fackeln mit Menschen in riesigen Reifen drehten. Der eine entdeckte das Subtile im perspektivischen Lichtviereck im Stadtwald und das Spirituelle im elektronischen Lichtdidgeridoo. Die Kinder tobten einfach mit Lichtschwertern unbeschwert mitten durch die dichtgedrängten Mengen, formten Herzen auf der Lichtleinwand, ließen kleine Hasen als Lichtgraffiti durch die Nacht hoppeln und jagten den Seifenblasen in den Lichtkegeln hinterher.

Spektakuläres Feuernferno auf dem Stadtmarkt.

Ganz leicht war es nicht, das alles barrierefrei zu genießen, denn der Lichtermarkt war schlichtweg rammelvoll. Vom Stau bei den Einhörnern schob man sich zumeist im Pulk weiter vorbei an den Stelzenschmetterlingen und den Ständen mit Lichtspielzeugen, an denen Verkauf im Akkord geleistet wurde. Da konnte schon mal ein Stück frittierter Blumenkohl auf den Schuhen oder ein Flammkuchen auf dem Saum der Jacke landen, denn die Ellbogen waren im Dauereinsatz. Der goldenen Oktober war zurück und mit ihm eine fast laue Herbstnacht, die das Flanieren gemütlich machte. Anstrengend wurde es allerdings, einen Platz bei den Highlightshows mit den Angelstrings in der St. Elisabeth Kirche oder bei der Wonderland-Show auf dem Stadtmarkt zu ergattern, der wenigstens einen Hauch von freier Sicht ermöglichte. In letzter Sekunde spätestens erhob sich ein Meer aus Smartphones, um alles live für die Verwandt- und Bekanntschaft mitzufilmen.

Kinder malen im Stadtmarkt ihre eigenen Lichtgraffiti.

Als Besucher musste man also einigermaßen wild entschlossen sein, um von allem einen entspannten Eindruck zu bekommen. Denn es kostete vor allem Zeit, um sich von einem Höhepunkt zum nächsten zu schieben. Da fehlten auch dem Geistlichen in der Kirche schlicht die Worte angesichts von Menschenmengen, die stehende Ovationen für die Zugabe der geigenden Engel forderten. Die holten das Publikum auf die Bühne und gingen vor besonders faszinierten Kindern für eine spontane Extradarbietung in die Knie. Auf dem Stadtmarkt konnten Augen und Hirn den vielen gleichzeitig wirbelnden Licht- und Feuereffekten fast nicht folgen. Am Ende hatte man das beklemmende Gefühl, definitiv nicht alles gesehen zu haben, denn das Auge konnte sich nur mühsam von sich im Licht schlängelnden Körpern in der Luft lösen, während andere Körper im Hintergrund in Lichtreifen herumwirbelten und Feuerzauberer im Vordergrund ein wahres Inferno anrichteten.

Wunderschöne Walkalcts mit fantasievollen Kostümen.

Aufregend war er also allemal, der GSW-Lichtermarkt. Aber auch ganz schön anstrengend. Wer besonders aufmerksam war, der konnte sich übrigens ganz nebenbei nicht nur den besten Halloweenschmuck sichern, sondern auch die begehrten Lions-Club Adventskalender. Denn Weihnachten kommt ja bekanntlich auch viel schneller als man denkt…

 




Archäologen auf den Spuren des mittelalterlichen Kamen

Archäologische Untersuchungen gehören bei jedem Bauprojekt im innerstädtischen Raum einfach dazu. So auch an der Nordstraße 4 bis 6 in Kamen, wo mit dem Abriss des ehemaligen Möbelhauses Möcking der Raum für den Neubau von 21 Wohnungen durch die beta Eigenheim GmbH geschaffen wurde. Bevor der Bauträger sein Projekt weiter verfolgen kann, haben jetzt die Archäologen unter Regie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) das Sagen.

Die Archäologen der Firma EggensteinExca legen ein historisches Pflaster frei. Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/M. Baales

„Im Rahmen der ersten archäologischen Untersuchungen wurde zunächst der bisher noch unbebaute Bereich geprüft, um zu klären, ob es dort Bodendenkmäler gibt“, informiert beta-Projektleiter Maximilian Kirchhoff. Die Archäologen des Landschaftsverbandes formulierten wissenschaftlich begründete Auflagen, beta beauftragte daraufhin die Firma Eggenstein Exca aus Dortmund mit den weiteren Untersuchungen. Diese förderten Zeugnisse längst vergangener Tage ans Tageslicht. „Wir haben Brunnen, Mauerzüge, verfüllte Keller, Abfall- und Pfostengruben gefunden“, erklärte Archäologe Thies Evers. Grund genug für den Landschaftsverband, zunächst bis Ende November umfassende Untersuchungen vornehmen zu lassen.

Fünf Mitarbeiter von Eggenstein Exca sind aktuell damit befasst, die Befunde vor der Bebauung des Geländes fachgerecht auszugraben und zu dokumentieren.

Der Archäologe geht davon aus, dass sich an der Nordstraße Belege für die Besiedlung im Mittelalter finden lassen. Mitte des 13. Jahrhunderts erhielt Kamen vom Landesherrn die Stadtrechte. Die günstige Lage Kamens an den wichtigen Nord-Süd-Handelswegen und die landesherrliche Förderung verliehen der Stadt, die zur Hanse zählte, eine herausragende Bedeutung.

„Das Projekt an der Nordstraße bietet erstmalig die Gelegenheit, in der Kamener Innenstadt Befunde zu sichern“, so Thies Evers. Er ist selbst gespannt darauf, ob sich im bislang unbebauten Boden noch Belege für eine ältere Besiedlung finden lassen. Die Kosten für die archäologischen Untersuchungen – voraussichtlich ein mittlerer fünfstelliger Betrag – müssen von der beta getragen werden.

„Jetzt heißt es erst einmal abwarten, sobald wir grünes Licht für die weitere Bebauung haben, starten die Hochbauarbeiten für das Projekt Villa Möcking“, so Projektleiter Maximilian Kirchhoff.

Die Neubebauung wird sich in zwei Gebäudeteile gliedern, die durch eine Tiefgarage miteinander verbunden sind. Das Hauptgebäude zur Nordstraße wird über 19 Wohn- und zwei Gewerbeeinheiten verfügen, das rückseitig liegende Stadthaus erhält zwei Wohnungen. Bei den Wohneinheiten wird es sich um 2,5- bis 4,5-Zimmer-Wohnungen handeln. Maximilian Kirchhoff rechnet mit einer Bauzeit von rund 24 Monaten nach Beginn der Hochbauarbeiten bis zur Realisierung des gesamten Projektes.




„Finnischer Tango“ auf Weltklasse-Niveau

Tango und Finnland passen eigentlich nicht zusammen, oder? Am Montag, 21. Oktober, tritt das Finnische Duo Lehtojärven-Hirvenpää ab 19.30 Uhr im Trauzimmer Marina Rünthe den Gegenbeweis an.

Jaakko Laitinen (Gesang) und Harri Kuusijärvi (Akkordeon) kommen nach Bergkamen. Foto: Veranstalter

Das Duo wird das Publikum mit gefühlvollem Gesang und Akkordeonbegleitung in die Welt des „Finnischen Tangos“ entführen. Das Konzert ist eine Kooperation des Kulturreferats und der Deutsch-Finnischen Gesellschaft e.V. Die Zusammenarbeit der beiden Künstler begann 2017, als Songwriter und Sänger Jaakko Laitinen – bekannt von Jaakko Laitinen & Väärä Raha, „der ruhmreisten Live-Band Finnlands“, – und Akkordeonist Harri Kuusijärvi ihre Köpfe zusammensteckten, um gemeinsam neue Songs zu erarbeiten. Der Großteil der Texte entstand, während Laitinen alleine in einem Hotelzimmer in München eingeschlossen war.

Kuusijärvi bekam die Anregungen für seine Kompositionen nach einem deutlich traurigeren Anlass. Man hatte ihm im argentinischen Azul sein ganzes Reisegepäck einschließlich seines Akkordeons gestohlen. So beschloss er, im Gegenzug den Argentiniern ihren Tango zu entwenden und etwas Eigenes daraus zu machen. Getreu der Überlegung: Der Rhythmus des Tangos öffnet unser Leben, wie es die Schalen einer Zwiebel tun, aber findet man am Ende überhaupt noch einen Kern, oder bleiben nur noch Tränen in der Schale zurück