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Finissage der Jubiläums-Wegmarke 25 lädt zum Träumen ein

Dieter Treeck in Aktion – unter anderem mit literarischen Träumen, die nicht altern.

Ein berühmter Literat in einem Kaffeehaus zu sein ist nicht leicht. Nicht nur der miserable Kaffee muss mit mitgebrachtem Nescafé gestreckt werden. Auch mit Wirtschaftsprüfern sieht man sich am Vierertisch mit Licht zum Arbeiten konfrontiert. Zumindest dann, wenn Umsatz und Trinkgeld nicht stimmen. Dann helfen auch alle Bronzetafeln nicht mehr. Dann hat der Schutzpatron der Kaffeehausliteraten nur noch ein schallendes Lachen übrig, wenn der Literat ruinös wird.

Bildende Kunstträume, die zum Teil zum ersten Mal zu sehen waren.

Der Abschluss der „Wegmarke 25“ zum Jubiläum der Kunstwerkstatt sohle 1 war am Sonntag vor allem literarisch – und launig. Es war der große Auftritt von Dieter Treeck, der sich mit seinem umfangreichen Schaffen kaum entscheiden konnte, was er den Gästen in den neuen Räumen des Stadtmuseums kredenzen sollte. „Meine Träume altern nicht“ hieß eines der Bücher, die er unter dem Arm hatte. Dazu ein großer Stapel ausgedruckter Kurzgeschichten. Wer nicht ganz so pünktlich war, der hörte schon von weitem, was hier vor sich ging. Regelmäßige Lachsalven drangen durch die Türen nach draußen.

Nach der Ausstellung ist vor der nächsten Ausstellung: Die Werke werden von den Künstlern nach Hause gebracht.

Denn der Autor und Ideengeber der Kunstwerkstatt nahm sich und sein Genre mit großer Lust selbst auf die Schippe. Etwa wenn sein Stammcaféhaus wegen Konkurs dicht machte und er als herrenloser Literat einige Mühe hatte, mit den neurotisch doppelnamigen Kollegen unter einem neuen Caféhausdach unterzukommen. Zumal sich selbst die Bedienung als Literatin entpuppte. Fröhlich ging es fast eine gute Dreiviertelstunde lang augenzwinkernd durch den ganz normalen Wahnsinn, der allzu oft bittere Wahrheiten in sich trug. Dafür gab es Applaus, eine Zugabe und eine kleine Signierstunde für die glühenden Anhänger.

Eine besondere Wegmarke geht zu Ende

Ein Balken mit jahrhundertlanger Geschichte hat sich in ein Kunstwerk verwandelt. Ein persönlicher Traum, der zurück ins Atelier geht.

Das passte blendend zur 25. Wegmarke, die gleich mehrere Inhalte transportierte. Zum einen das Spiel mit der 25 und der Jubiläumszahl. Dann die Ereignisse, die ein Vierteljahrhundert begleiteten. Und es wurden Dinge gezeigt, „die den Künstlern besonders am Herzen liegen“, so Peter Wiesemann bei der Einführung zur Finnisage. Etwa die Holzbildhauerei, die aus einem 400 Jahre alten Holzbalken von einem Bauernhof entstand. Er verwandelte sich in einem Menschen, der die Spuren von 400 Jahren, Wind und Wetter und Generationen in sich trug. Oder die Fledermaus in Nahaufnahme, die von einer glühenden Naturschützerin in Szene gesetzt wird. Eben „Träume“, die nicht altern.

Vorbereitungen für den Abbau der Werke. Die Künstler packten alle selbst mit an.

Ebenfalls bemerkenswert war das mehr als rege angenommene Angebot der Führungen durch die Ausstellung. „Wir wollen mit unserer Kunst die Öffentlichkeit erreichen und das geht nur auf diese Weise“, so Wiesemann. Ihn freute es, dass insbesondere die Führung für Schülerinnen und Schüler auf ein großes Echo stieß. Mit den Gymnasiasten entstand ein reger Austausch mit bohrenden Fragen, analytischen Auseinandersetzungen und großer Kunstbegeisterung. „Genau darum geht es, das Interesse an der Kunst auch bei der jüngeren Generation zu wecken und sie ermuntern, das fortzusetzen, was hier entstanden ist.“

Auf dem Weg nach Hause ist auch dieses Kunstwerk, dass gleich mehrere Facetten der Wegmarke-Themen vereint.

Was in vielen Wochen, Monaten und teilweise sogar Jahren geschaffen wurde, verschwand in in wenigen Minuten nach Abschluss der Finissage aus den Ausstellungsräumen. Darunter auch Werke, die hier zum ersten Mal überhaupt zu sehen waren. Collagen, Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen: Die Künstler griffen beherzt an die Wand oder auf das Podest, nahmen ihre Kunst unter den Arm und brachten sie wieder dorthin, wo sie entstanden war. Bis zur nächsten Wegmarke und neuen alterslosen Träumen.




Römische und germanische Handwerker verabschieden sich in die Winterpause

Mühsame Handarbeit ist die Herstellung der Dachschindel – angefangen beim Baumstamm.

Schmieden, hobeln, hacken, nähen, schaben, färben: Von der Sonntagsruhe wussten die Römer und Germanen noch nichts. Bis das Christentum nach Oberaden vordrang, war es zu Beginn des 1. Jahrhunderts noch eine ganze Weile hin. Von Matsch und beängstigenden Sintfluten in den dunklen Wäldern konnten aber auch sie schon ein Lied singen. Ebenso ihre Nachfahren, die am Wochenende etwas originalgetreuer das Leben im und am Römerlager nachstellten, als es ihnen lieb war.

Knallbunte Farben und wieder topaktuelle Fußmode gab es ebenfalls zu bestaunen.

Am Samstag gab der Himmel mit Blitz, Donner, Platzregen und Hagel jedenfalls alles, war schon die antiken Berichterstatter über die finsteren Gefilde im Barbarenland zu erzählen wussten. Da taten knallorangene Füßlinge in den genagelten Sandalen wirklich Not. Die waren damals schon erfunden, ebenso wie wasserfeste Hüllen für das kostbare Schild aus fast fingerdickem Ziegenleder, regenabweisende Holzschindel und hübsche Spielzeuge für die ganz faden Tage.

Sieht leicht aus, ist aber stundenlange Fleißarbeit: Die Kunst mit dem Leder.

Sogar aus den Niederlanden hatten sich die besonders Unerschrockenen nach Bergkamen gewagt. Jurjen Daaisma vom „Ala I Batavorum“ hatte Unmengen Leder dafür Gepäck. Das verwandelte er vor Ort in kunstvolle und originalgetreue Objekte – mit dem passenden Werkzeug. Acht Stunden lang nähte er schon an der Lederhülle für den römische Schild. Das Ziegenleder kauft er in Deutschland, weil es in den Niederlanden keine Gerbereien mehr gibt. Die Vorlagen können als archäologische Funde u. a. im Museum im Bonn bestaunt werden. Abstände der einzelnen Stiche, wasserdichter Umschlag der Lederkanten: Alles ist hier so wie beim Original. Auch die Werkzeuge basieren vom Zirkel über das Lineal mit Daumenabständen, Messer, Lockmarkierer, Locheisen und Lochstecher bis zur Schere auf Originalfunden. Das Gerät für die exakte Lochdistanz wurde sogar in Oberaden gefunden.

Schmiedekunst am Schmuck ist heute noch genauso gefragt wie vor 2.000 Jahren.

Gefragt sind die Fertigkeiten der Akteure auch ein paar Stände weiter. Beim Kunstschmied gab es sogar eine Sonderanfertigung für eine junge Frau, die eigens aus Dortmund zum Museumfest vor ein paar Wochen kam. Sie wünschte sich ein ganz spezielles Schlangenarmband aus Gold. Am Wochenende wurde direkt vor Ort der finale Halbedelstein eingefügt, den die Auftraggeberin mitbrachte. Sie saß viele Stunden bei den Fachleuten und tauchte begeistert in die Geschichte ein. Ein Hobby der Krankenpflegerin – und ein Traum, der für sie im Schatten des Nachbaus der Lagermauer in Erfüllung ging. Kein Einzelfall: Sogar aus der Schweiz trudeln Bestellungen für historische Sonderanfertigungen ein.

Lederne Bälle gab es schon bei den Römern. Ob damit auch schon Fußball gespielt wurde, ist eher fraglich.

Es war der letzte historische Handwerkermarkt im Römerpark in diesem Jahr. Jetzt wärmen sich die Knochenschnitzer und Spielzeughersteller, Weber, Färber und Zimmerer erst einmal gehörig auf und trocknen ihre historische Kleidung. Allzu oft waren sie in diesem Jahr mit unleidlichen Wetterunbilden überrascht worden. Die Besucher kamen trotzdem, nahmen kleine Lederbeutel, Wollmützen, handgeschnitzte Löffel oder Steckenpferde auf Rollen mit nach Hause.

Bis zum nächsten Jahr, wenn das römische und germanische Leben wieder zum Leben erwachen wird. Der Römerpark hat natürlich bis dahin noch einige Male die Tore geöffnet und lohnt allemal einen Besuch.




Friedenkirche feiert 40. Geburtstag: Bunt und mit Leidenschaft

Die Kinder feiern ihre Friedenskirche: Mit engagiertem Gesang und feierlichem Einzug beim Geburtstags-, Erntedank- und Taufgottesdienst.

1981 war sie bereit für die Einweihung, die nagelneue Friedenskirche. Direkt neben der City mit nicht weniger ungewöhnlicher Architektur und Inhalt: Alle Räume rund um Altar und Innenraum tragen bis heute die Namen von Friedensträgern egal welcher Konfession. Architektonisch fällt sie aus dem Rahmen mit vielen Räumen und Ecken, zur Begeisterung der Bergkamener: „Die nahmen die neue Kirche gut an, waren immer schon offen für Neues“, meint Rosemarie Großpietsch. Sie war damals dabei und ist auch nach über 40 Jahren zum runden Geburtstag der ungewöhnlichsten Bergkamener Kirche noch Presbyterin.

Pfarrerin Ursula Goldmann, Pfarrer Bernd Ruhbach und Presbyterin Rosemarie Großpietsch (v.l.n.r.) im „Museum“ im Turmzimmer.

Ein wenig verspätet wurde der Geburtstag am Wochenende gefeiert, coronabedingt. Den Erinnerungen tat das jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil. Sogar eine winzig kleine Glocke brachte ein Bergkamener mit: Eine Spendenglocke, 40 Jahre lang in Overberge in Ehren gehalten. Damit wurden die Glocken der neuen Kirche finanziert. Bis die allerdings kamen, sollten stattliche 14 Jahre vergehen. Ein engagierter Prozess, der mit Glockengeläut vom Band überbrückt wurde. „Vom Ulmer Münster oder Kölner Dom, das weiß ich gar nicht mehr genau“, schildert Rosemarie Großpietsch.

Die Schriftzüge für die Inschriften.

Als die Glocken endlich in Angriff genommen wurden, haargenau geplante künstlerische Gestaltung inklusive, offenbarte die Friedenskirche ein neues Kuriosum: Man hatte eine Öffnung für die Glocken bei der Planung vergessen. Das Geläut musste deutlich kleiner ausfallen, damit es durch die Fenster passte. Dafür war ihr Ton genau abgestimmt. „Wir haben mit einem Sachverständigen tagelang alle Glocken der Umgebung besucht und genau vermessen, damit der Ton harmoniert“, erinnert sich Pfarrerin Ursula Goldmann. Auch bei den übrigen Details wurde nichts dem Zufall überlassen: Altar, Kanzel, Taufbecken: Alles ist aus alten Spurlatten aus dem Bergbau gebaut, der Bergkamen so lang prägte. Das Kreuz wiederum bilden neue, unbenutzte Spurlatten – als Zeichen dafür, dass die Stadt mit dem Rückzug der Steinkohle im Wandel ist.

Eine ungewöhnliche Kirche setzt viele Akzente

Buntes Treiben im Inneren der Friedenskirche beim Geburtstagsbasar.

Das alles kann auf engstem Raum im Turmzimmer nachvollzogen werden. Hier zeigen Bilder, die Negative und Positive der Rauminschriften oder der Abschlussstein der Glockengussform in einem kleinen „Museum“, wie viele Emotionen in der Friedenskirche verbaut sind. Die waren bei den Feiern des 40-Jährigen immer noch zu spüren. Randvoll war der Innenraum am Samstag zum Geburtstagsbasar. Alle Kindertagesstätten, aber auch leidenschaftliche Freunde der Kirche hatten fast 30 Tische mit Spielzeug, Kinderkleidung und kreativen Eigenkreationen für einen bunten Basar bestückt. Kuchen, Speisen und Bratwürsten aus den Händen der Konfirmanden sowie Standgebühren gingen als Spende an die Ukraineflüchtlinge.

Spielzeug kommt gut an.

Dafür hatte Luida viel von ihrem Spielzeug geopfert. Bücher, Püppchen und ein blinkender Spiegel faszinierten vor allem die kleineren Besucher. Ganze Playmobil-Sammlungen wurden feilgeboten, kunstvoll verzierte Brettchen. Kissen, Geschirre und Mäntelchen für Hunde aus Altkleidern sind sogar eine innovative Geschäftsidee. Der eigenen Fantasie sind auch die Motive der unendlich vielen Karten entsprungen, die Heiderose Weiner jedes Jahr zu allen Anlässen bastelt. Sie hat längst feste Bestellungen und jetzt garantiert noch eine ganze Reihe mehr.

Die ungewöhnlichen Gottesdiensthelfer im Einsatz. Ein Dankeschön gab es auch für ihre „Betreuer“.

Die Feier ging am Sonntag weiter, integriert in den Erntedankgottesdienst inklusive Taufe. Da ging Moses auf eine ebenso lange Wanderschaft wie die Friedenskirche in Bergkamen steht: Genau w40 Jahre. Die Handpuppen kamen zum Einsatz, eine ebenfalls ganz besondere Innovation der Gemeinde, gerahmt vom Einzug und Chor der Kinder. Ein Bauer wollte das Wetter für den lieben Gott regulieren, scheiterte jedoch kläglich mit der vermeintlich leichten Aufgabe und verzichtete demütig auf eine 2. Wetterchance – ganz aktuell an den Klimawandel angepasst. Der Organist bekam einen besonderen Applaus, weil er just doppelt so alt wurde wie die Friedenskirche. Und Rosemarie Großpietsch bekam ein blumiges Dankeschön, weil sie schon genau so lang Presbyterin ist, wie es die Kirche gibt. Und draußen stand der mit Ähren geschmückte Trecker, aus dem aktuelle Songs aus dem Lautsprecher Passanten aufhorchen ließen.

Ein Fest, das genauso bunt war wie die Kirche selbst.




Multikulturelle Woche startet mit grenzenloser Faszination

Tanzen steckt an, ganz egal, wer woher kommt.

Traditionelle Musik auf der Bühne.

Wer weiß schon, dass echter türkischer Mokka mit drei Gefäßen angerichtet wird, die allesamt im heißen Sand stecken? Es ist eine regelrechte Wissenschaft, bis das köstliche Gebräu in einer Tasse dampft. Mit zwei Saiteninstrumenten lässt sich ganz lässig der ganze Nordberg in sentimentale anatolische Schwingungen versetzen. Und wenn die jungen Frauen sämtlicher Nationen, Hautfarben und Religionen zusammen tanzen, hält es keinen mehr auf den Bänken. Alle stehen und klatschen.

Gar nicht so leicht: eine ruhige Hand am heißen Draht.

Der Auftakt der interkulturellen Woche am Sonntag auf dem Herbert-Wehner-Platz war ganz offensichtlich mehr als gelungen. Vier Stunden lang gab es auf der Bühne volles kulturelles Programm vom Tanzen über einer Lesung aus dem Koran, Folklore und hypermoderne Tänze bis zur traditionellen türkischen Musik. Stets musste man sich recken und strecken, um zwischen den Menschentrauben überhaupt einen Blick zu erhaschen.

Hier entsteht ein Lahmacun in echter Handarbeit.

Viele hielten auch ganz spontan an, angelockt von den Klängen und den verführerischen Düften. „Was ist denn da los?“, fragt eine Tochter ihre Mutter. „Das weiß ich auch nicht, wir können ja mal schauen“, antwortet die leicht ratlos. Weniger später sitzt die Tochter auf einem Stuhl und lässt sich das Gesicht in eine kunstvolle Fantasiegestalt mit Schminke und Farben verwandeln. Die Mutter kauft sich für kleines Geld an den vielen Ständen das Mittagessen zusammen. Lahmacun, türkisches Fladenbrot, kleine Dosen mit allen erdenklichen Salaten, ein paar Kekse als Nachtisch und ein türkischer Mokka als krönender Abschluss. „Das ist ja toll“, sagt sie und trägt zufrieden den multikulturellen Einkauf nach Hause. Nicht ohne einige Tanzschritte einzulegen, denn auch das war mehr als ansteckend.

Mit Farbe und Schminke verwandeln sich Kindergesichter in Fabelwesen.

Musik, Tanz und Essen brauchen eigentlich keine Worte und Sprachen. Sie verbinden in Windeseile und sorgen dafür, dass sich die Hemmschwellen in Windeseile verflüchtigen. Viel zu groß ist die Faszination von dem, was die Sinne wahrnehmen. Das erreichte die Auftaktveranstaltung Sonntag ohne Mühen. Ein vielversprechender Beginn für das, was da noch kommen soll in den nächsten Tagen:

  • Puppentheater am 26. September um 16.30 Uhr im studio theater
  • Filmvorführung „Töchter des Aufbruchs“ am 26. September von 18.30 bis 19 Uhr bei der VHS in der Lessingstraße
  • Verschwörungsmythen am 27. September von 11-13 Uhr als Schulveranstaltung und von 18.30 bis 20.15 Uhr als öffentliche Veranstaltung (via Zoom)
  • Seminar Antimuslimischer Rassismus am 27. September von 14 bis 16 Uhr im Multikulturellen Forum
  • Tag der offenen Tür in der Bildungsakademie Bergkamen am 27. September von 15 bis 18 Uhr
  • Süsses aus aller Welt vom 27. bis 30. September jeweils von 14 bis 14.30 Uhr im AWO-Familienzentrum Villa Kunterbunt (geschlossene Veranstaltung)
  • Interkulturelles Café am 28. September von 9 bis 11 Uhr im AWO-Familienzentrum Springmäuse (geschlossene Veranstaltung)
  • Lesung der Bilderbuchgeschichte „Die Anderen“ am 28. September von 14.30 bis 15.30 Uhr in der Stadtbibliothek
  • Reisebericht aus Tunis zur Weltfrauenkonferenz am 28. September um 18 Uhr bei BergAuf
  • Mädchenaktionstag am 29. September von 16 bis 19 Uhr im Jugendzentrum Yellowstone
  • Kurzfilm „Maseltovcocktail“ und Gespräch mit dem Regisseur am 29. September von 11.45 bis 13.30 Uhr in der Aula des Städt. Gymnasiums (Schulveranstaltung) und von 19 bis 20.15 Uhr als öffentliche Veranstaltung bei der VHS
  • Interkulturelles Fest am 29. September von 15 bis 17 Uhr im Städt. Familienzentrum Sprösslinge (geschlossene Veranstaltung)
  • Internationales Frühstück am 30. September von 9 bis 11 Uhr in der AWO Kita Schatzinsel (geschlossene Veranstaltung)
  • Der Kunstlaster kommt: Erfinde Bergkamen! Pop-Ups mit Spielfiguren am 1. Oktober von 11 bis 14 Uhr in der Jugendkunstschule



Die Jugend hebt den Wasserpark aus den Angeln

Restlos konzentrierte Nachwuchsfeuerschlucker beim Workshop während der Jugendaktionsnacht.

Fasziniert beobachtet die Mutter ihre eigene Tochter. „Ich glaube nicht, was ich hier sehe“, sagt sie und hält das filmende Handy in die Höhe. „Die ist ja völlig hin und weg!“ Aliyah schließt gerade genießerisch die Augen und lässt die Hand lässig durch die Flamme einer Fackel gleiten. Beim Workshop für angehende Feuerschlucker hat sie alles um sich herum vergessen. Wie fast alle Kinder und Jugendlichen, die beim Friedensfest und der anschließenden Jugendaktionsnacht im Wasserpark eines entdeckten: Etwas, das unendlich viel Spaß macht.

Faszinierendes Spiel mit dem Feuer.

Aliyah hängt gebannt an dem Lippen der Lehrerin und folgt allen Handgriffen mit der brennenden Fackel. „Das ist richtig großartig“, sagt die 15-Jährige. „Ich möchte das unbedingt weiter machen“. Direkt dahinter ist ein junger Mann völlig in die Musik versunken, die durch seine Kopfhörer hämmert. Die Single auf dem Plattenteller rubbelt er gekonnt hin und her. „Das ist mein Hobby!“, ist alles, was er sagt. Hier kann er mit Profi-Ausrüstung zeigen, was er als DJ schon kann. Am Jump-Parcours ist Mile derweil richtig aufgeregt. Er schaut genau zu, wie der Trainer die einzelnen Handgriffe und Sprünge vormacht. „Man weiß nicht genau, ob man es überhaupt schafft, dort hinauf zu kommen, und dann hat man richtige Zweifel. Beim ersten Mal klappt es nicht und man fühlt sich schlecht. Beim zweiten Mal kommt man plötzlich ganz leicht hinauf und fühlt sich einfach nur großartig“, erzählt der 12-Jährige.

Filzen nachmittags beim Friedensfest gut an.

So groß wie in diesem Jahr hat es das Friedensfest inklusive Aktionsnacht noch nicht gegeben. Ob es das vierte oder fünfte Mal war, dass Kinder und Jugendliche jeden Alters zum Mitmachen und Spaßhaben eingeladen waren, wusste Ursula Goldmann nicht mal mehr. Das war aber auch egal. Wichtig war: Alle kamen friedlich zusammen und machten den Wasserpark zu einem kunterbunten Experimentierfeld. Ganz egal, wer woher kam, welche Hautfarbe oder Religion hatte. Was unter der Regie der Friedenskirchengemeinde übersichtlich begonnen hatte, vereint inzwischen fast alle Organisationen, Vereine und Gruppen, die in Bergkamen etwas mit Kindern und Jugendliche zu tun haben.

Die Qual der Wahl mit unendlich vielen Angeboten

Juchuu: Die Hüpfburg ist immer noch der Renner.

Los ging es mit Unmengen Zelten und vielen Mitmachgelegenheiten. Streetsoccer und Hüpfburg waren ebenso der Renner wie Airbrush-Tattoos, Armbänder zum Selbermachen, Steine mit bemalten Friedensbotschaften, Schweineangeln und das klassische Dosenwerfen. Leckere Drinks, Popcorn, Bratwürstchen und Co. gab es umsonst. Und wer wollte, der konnte auch einfach nur chillen auf den Sofas vom Kinder- und Jugendbüro oder sich beim Jobcenter nach Berufsmöglichkeiten umschauen. Auch das Familienbüro war dabei für Fragen der erziehungstechnischen Art.

Spektakuläre Einlagen mit dem Bike.

Mit Einbruch der Dämmerung ging es dann richtig rund. BMX-Räder wirbelten in der Pipe durch die Luft, Fakeln erhellten die Nacht, an den Klettertürmen und im Jump-Pacours waren Konzentration und vor allem Begeisterung unter dem Flutlicht gefragt. Hier entdeckte mancher ungeahnte Talente und ließ ihnen freien Lauf. Zur Begeisterung der Organisatoren, die „hier eine richtig tolle Stimmung“ genossen und Nachwuchs anwerben konnten. Und zum Erstaunen vieler Eltern, die bei ihren Kindern ganz neue Fähigkeiten entdeckten.

Familie Madkouk ist einfach nur froh, dass es allen in Bergkamen gut geht und sie heil dem Krieg in Syrien entkommen konnten.

Richtig glücklich war auch die Familie Madkouk aus Syrien. Vor 6 Jahren kam der Familienvater aus der Flucht vor dem Krieg von Aleppo nach Bergkamen. Zwei Jahre später kamen die drei Kinder mit der Ehefrau nach. Inzwischen der Elektriker eine Anstellung, die Familie ein sicheres Zuhause in Bergkamen. Anlass genug für den jüngsten Sohne, alle auf dem Sofa für ein Gruppenfoto zu vereinen. Denn Frieden und Sicherheit sind für sie nicht selbstverständlich.




Gladiatoren und Reiter geben beim 4. Römerfest alles

Die Gladiatoren stört auch der Bindfaden-Regen nicht.

Unheimliche Gerätschaften beim Medicus.

Man möchte lieber nicht wissen, in welche Körperöffnungen die langen Löffel gesteckt werden, die beim Medicus liegen. Wer den Schreck frisch verdaut hat, den starrt wenige Meter weiter ein Wolf mit aufgerissenem Maul an. Auch die Standarten der Römer haben es in sich wie so manches andere auf dem Gelände des Römerparks. Beim Römerfest warten so einige Überraschungen auf alle, die damit nicht wirklich rechnen.

Auch die Kavallerie ist angerückt – eigens aus den Niederlanden.

Da kommt auch schon mal ein Pferd unverhofft um die Ecke galoppiert, mit einem germanischen Zivilisten im römischen Dienst oben drauf. Direkt dahinter exerzieren die Legiönäre. Wer hier im Weg herumsteht, dem wird ohne zu zögern direkt ins Ohr gebrüllt. Auf Latein, versteht sich. Dann fliegt ein Netz quer durch die Arena. Die Gladiatoren machen sich warm für ihren großen Auftritt.

Gar nicht so leicht: Mehl mahlen.

Wer hier entspannen will, ist fehl am Platz. Der Besucher wird zum Hobeln von Dachziegeln aufgefordert, soll Wolle lediglich mit einem dünnen Stab in Brand setzen und ein Feuer entzünden oder aus der Handmühle Mehl herausholen, das auch noch essbar ist. Action ist gefragt im Schatten des Nachbaus der Holz-Erde-Mauer. Hier müssen alle mit anpacken, wenn alles funktionieren soll. So wie vor 2.000 Jahren, als die Römer krampfhaft versuchten, die besetzten Gebiete gegen die renitenten Germanen zu sichern.

Hier entstehen Kämme und mehr.

Schön soll es dabei ja auch noch sein, wenn es schon ständig Stress mit den Einheimischen gibt. Aus Knochen werden deshalb Kämme gefeilt. Die furchtbar winzigen Scharniere müssen zurechtgehämmert werden, damit der Deckel vom Medizinkästen geschlossen werden kann. Wolle liegt zum Spinnen bereit. Die Ausrüstung der Legionäre muss ständig repariert und gepflegt werden: Jemand bessert das Kettenhemd aus, ein anderer bastelt an den Lederriemen des Schuppenpanzers. Holz-Latschen liegen neben einer Apparatur, mit der das Öl vom Körper gezogen wird, bevor der nächste Gang im römischen Bad auf dem Programm steht.

80 Akteure stellen das Leben vor 2.000 Jahren nach

Antreten zum Exerzieren.

Gut 80 Akteure sind nach Oberaden gekommen, um hier das römische Leben im und am Lager wieder aufleben zu lassen. Sogar aus der Schweiz sind römische Truppen angereist. „Vex Leg XI CPF“ heißt die Gruppe, die sich anhand der Fachliteratur und der Ausgrabungen mit dem römischen Leben beschäftigt. Sie ist ebenso zum ersten Mal dabei wie die CH I Germanorum. Auch diese Truppe will das römische Alltagsleben möglichst originalgetreu nachleben.

Die Sandalen halten auch auf dem klitschnaschen Asphalt.

Aus den Niederlanden sind „Ala I Batavorum“ mitsamt Vierbeinern angereist. Sie stellen eine Hilfstruppen-Kavallerie dar – ebenfalls zum ersten Mal in Bergkamen. Sie kämpfen mit Waffen zu Pferd. Genau so, wie es die antiken Schriftsteller Xenophon und Arrianus berichtet haben. Dabei spielen vor allem Vertrauen und Zusammenarbeit eine große Rolle. Und auch die richtige Farbe und Größe. Geritten wird übrigens mit Sattel ohne Steigbügel, die werden erst fast vier Jahrhunderte später erfunden. Und Schimmel sind beim Militär auch nicht erlaubt, nur beim Wagenrennen.

Gladiatoren bei der Vorbereitung zum Kampf.

Überall wird gehämmert, knistert ein Feuer, wird gerufen, gebrüllt, gekocht. Zelte stehen rundherum. Auch darin ist alles so wie kurz nach Christi Geburt. Geschlafen wird (fast) originalgetreu. Das 4. Römerfest ist international und wieder kunterbunt. Immerhin wird der Nachbau der Römermauer gleichzeitig 10 Jahre alt, auch der archäologische Lehrpfad feiert Geburtstag. Da stört der durchgehende Regen am Samstag zwar gewaltig, hält aber niemanden vom Exerzieren, Marschieren, Reiten, Kämpfen und Handarbeiten ab. Echte Römer müssen eben einiges Aushalten im alten Germanien. Und am Sonntag war immerhin bestes Sommerwetter versprochen.

 




Der Ehring-Antivirus für alle impfresistenten Krisenlagen

Christian Ehring eröffnete am Samstag die Kabarett-Reihe im studio theater.

Mit der Tageszeitung ging es durch die aktuellen Themen.Wer hier eine irgendwie geartete Extra 3-Version von Christian Ehring erwartete, war fast auf der richtigen Spur. Einen Hauch davon brachte der Moderator der Polit-Satire-Show auch mit auf die Bühne des studio theaters. Zum Auftakt der Kabarett-Reihe war sein „Antivirus“-Programm eher eine als persönliche Leidensgeschichte verpackte Softversion mit offenem Ende. Der Krach mit dem fiktiven Freund hatte jedenfalls alles zu bieten, was die aktuelle Nachrichtenlage hergibt – inklusive musikalischer Untermalung.

Nachdenkliche Momente gehörten dazu.Vom Corona-Leugner und Impfgegner über den Querdenker mit latentem Rechtsdrall zur kriegerischen russischen Friedensmission und Verschwörungstheoretiker hatte Freund „Justus, der Selbstgerechte“ alles zu bieten, was gerade aufregt. Und wo es heimelig zu werden drohte, zückte Ehring im schnell durchgeschwitzten Hemd die aktuelle lokale Tageszeitung, um neue Aufreger-Themen zu finden. Daran mangelt es gerade wahrlich nicht. Selbst die verstorbene Queen wurde gewürdigt – als Arbeitgeber für die Boulevardpresse, Ablenkung von der Darmspiegelung und „Gelegenheit, den Laden endlich ganz dicht zu machen.“ Der bissige Wadenbeißer war jedenfalls verlässlich zur Stelle, wenn erzählerisch das nächste Thema angerissen und pointiert analysiert war.

Am Flügel ging es auch ganz schön bissig zu.

Und die Themenliste war lang, drastisch, rasant. Da taten launige Liedchen Not, um die Tragweite der Tagesaktualitäten überhaupt auszuhalten. Im Kampf des Virus gegen die Politik kann sich ersteres „wenigstens weiterentwickeln“. Putin dreht sowieso „völlig frei“ im längst zertrümmerten Völkerrecht, Entlastungspakete belasten irgendwie und handwerklich gute Gasumlagen sind von Philosophen auch nicht zu erwarten, dafür die Blackouts von Atomkraftfreunden in Bayern. Dann doch lieber Corona-Smalltalk mit der „grauen Renitenz“, denn „die wenigsten Krisen lassen sich mit Impfungen eindämmen“.

Von Putin bis zum Steingarten

Mit der Queen ins tagesaktuelle Geschehen.

Vielleicht gibt es bald ja doch Impfungen gegen diktatorische Gesichtswahrungen vorzugsweise durch die Klitschko-Brüder, gegen geistige Verarmung in katholischen Kirchenkreisen, Steingärten mit Launch-Möbeln oder den Streaming-Staffel-Stress im Lockdown. Man sollte eben immer „die Dinge vom Ende herdenken“, lautete das dringliche Zwischenfazit. Von der unverhofften 9-Euro-Ticket-Völkerverständigung zwischen Punks und „Menschen am Rande der Gesellschaft“ auf Sylt, beängstigenden Schnittmengen zwischen Putinfreunden, Coronagegnern, Wutwinter-Propheten, Energiediktatur-Feinden und DDR 2.0-Fans ging es schnurstracks von der Impfreaktion im rechten Arm in die Handwerker-Kita gegen den Fachkräfte-Mangel mit Schwarz-Basteln zuhause und in den ganz normalen Wahnsinn der Bahn-Kunden mit der richtigen Reservierung im falschen Abteil.

Eine Zugabe gab es nicht, dafür war der Diskussionsstoff zu vielfältig.

Der Dank an die Corona-Geduld der jungen Generation war bitterernst gemeint, ebenso der kleine Meinungs-Workshop zur Klimakatastrophe mit mehr als weniger Insekten an der SUV-Scheibe. Alles wurde dann aber doch nicht gut wie im Song am Flügel. Der Konsens über die Auswüchse der Jugendsprache nütze nichts. Das Verhältnis zum Freund Justus blieb zerrüttet, als Veganes vom „Gemüse-Goebbels“ aufgetischt wurde. Die einzige Lösung: „Einander mehr zuhören und auch mal was erzählen.“ Hoffentlich funktioniert es besser als die beharrliche Zugabe-Forderung der Bergkamener. „Irgendwann ist es genug, wenn man zu viel erzählt hat“, winkte Christian Ehring ins Publikum. Er wird hoffentlich wiederkommen, denn auch mit dem offenen Ende bleibt er seinen begeisterten Zuhörern etwas schuldig.




Letztes Hundeschwimmen lockt die Meuten ins Wellenbad

Vollgas in die Fluten: Grenzenlose Freude beim letzten Hundeschwimmen im Wellenbad.

Lieber mal den Kopf ganz hoch aus dem Wasser recken.

Der eine strampelt, was die Pfoten hergeben – den Kopf hoch emporgereckt. Der andere taucht komplett unter und schlängelt sich geschmeidig durch die Wellen. Mancher beschnüffelt das leicht grünliche Nass misstrauisch. Der Nachbar stürmt blindlings dran vorbei und spritzt alles drumherum klitschnass. Bei den Vierbeinern läuft es im Wellenbad nahezu genauso wie bei den Zweibeinern. Inklusive Rempeleien, Rüpeleien, Missgunst und Liebe auf den ersten Blick.

Echtes Freibadleben eben. Nur dass es am Samstag definitiv das letzte Mal in den 5 Jahrzehnten Wellenbad-Ära war. Traditionell ging die Saison mit dem Hundeschwimmen zu Ende – für immer und ewig. Vielleicht gab es deshalb schon früh fast kein Durchkommen mehr bis zum Wasser. Der Andrang war gewaltig. Und der Abschiedsschmerz auch.

Kennenlernen ist ganz wichtig, bevor es mit den Spielzeugen zur Sache geht.

„Wir kommen jedes Jahr, diesmal mit drei Hunden“, erzählen zwei Frauen, die eigens aus Dortmund und Lünen mit Dalmatiner, Labrador und Jack Russel angereist sind. Ein Bekannter aus Bergkamen erzählte ihnen davon. Jetzt fahren sie zum Ende der Saison alle Freibäder ab, die Hundeschwimmen anbieten. „Man kann die Hunde ja fast nirgendwo noch schwimmen lassen – überall ist es verboten“, sagen sie. „Und hier in Bergkamen ist es besonders schön, weil die Hunde nicht in das Becken springen müssen, sondern hineinlaufen können. Schade, dass es das jetzt nicht mehr geben wird.“

Gleich und gleich gesellt sich gern: Echte Hundefreundschaften entstehen.

Vor rund 12 Jahren gab es im Wellenbad das erste Hundeschwimmen. Damals war es ein Azubi-Projekt, das ein Auszubildender planen und umsetzen musste. „Von Jahr zu Jahr kamen mehr Besucher. Inzwischen sind es 300 bis 400 Hunde, die hier nach Herzenslust in die Fluten springen“, erzählt Badleiter Jens Winiecki. „Diesmal ist ein Hund sogar vom 1-Meter-Brett-gesprungen.“ Die übrigen Sprungtürme sind schon abgebaut, ebenso die Umzäunung, die Umkleidekabinen, sogar die Fahrradständer. Was noch da ist sind satte 24.000 Quadratmeter Grünfläche, auf denen alle Sorten Hunde ausgelassen herumtobten. Ein paar hatten es anfangs auf Streit abgesehen. Ansonsten verstanden sich alle Hunde prima und kamen gut miteinander aus.

Beim Spielzeug hört die Hundefreundschaft auf

Ich hab ihn!

Einzig bei den Spielzeugen gab es die eine oder andere Eifersüchtelei. Mancher hätte lieber den schicken schwimmenden Leuchtturm oder den knallbunten Ball gehabt. Nicht selten wurde der eigene Reifen schnöde im Stich gelassen und Herrchen oder Frauchen mussten in die Fluten steigen, um die Wurfobjekte wieder zu sichern.

 

Zusammen macht es es noch mehr Spaß.

Anstrengend waren für viele auch die Versuche, die angebotenen Bratwürstchen und Waffeln zu verzehren. Es gab immer eine Horde Vierbeiner, die genau das auch gern wollte. Der eine oder andere kleinere Hund wurde sogar mitten im Picknickkorb in flagranti erwischt. Wie Henry, der kleine Terrier. Der geht seit Jahren schon im Wellenbad baden, diesmal aber mit dem Sohn seiner Besitzer samt Kind und Ehefrau. Er gehört zu der vornehmen Sorte, die bedächtig ins Wasser schreitet und erstmal die Lage sondiert.

Nochmal richtig Gas geben, bevor das Wellenbad endgültig schließt.

Badleiter Jens Winiecki hatte die Chlorung schon am Mittwoch eingestellt, damit am Samstag nichts mehr von dem Desinfektionsmittel im Wasser zu finden war. Denn das bekommt den Vierbeinern im Gegensatz zu den Menschen gar nicht gut. Noch eingeschaltet war die Wellenanlage. Die sorgte bei den ganz eingefleischten vierbeinigen Schwimmern für echte Euphorie und Tauchgänge, bei anderen für pures Entsetzen.

Gut, dass direkt neben dem Beckenrand ein Zelt mit Direktvermittlung zum Hundefriseur stand. Mancher der Schwimmer hatte eine neue Frisur anschließend bitter nötig. Gleichzeitig konnten hier Erinnerungsfotos geschossen werden. Und es gab die passende Versicherung, falls sich die Verträglichkeit des Hundes als unzuverlässig herausstellte oder der Krankheitsfall drohte.




25 heilsame Kunstjahre mit der sohle 1 und wichtigen Wegmarken

Angeregte Diskussionen und Gespräche: Was sich die Politik wünscht, hat im Kleinen zur Eröffnung der „Wegmarke 25“ zum Jubiläum der Kunstwerkstatt sohle 1 schon mal funktioniert.

Hat die sohle 1 Bergkamen verändert? Wer offenen Auges durch die Stadt geht, kann die Frage von Thomas Heinzel als Vorsitzenden des Kulturausschusses selbst beantworten. Überall finden sich Spuren der Künstlergruppe. Manche sind bleibend, andere noch vor dem geistigen Auge. Wieder andere sind virtuell verewigt, beiläufig in den Raum geworfen oder einfach nur ein Anstoß. Ganz klar: Die sohle 1 hat Bergkamen verändert. Mit ewiger und vergänglicher Kunst, mit Debatten, Diskussionen, zuletzt mit neuen Räumen im Stadtmuseum. 25 Jahre hinterlassen bleibende Spuren.

Im Gespräch vor und hinter den Kunstwerken.

Thomas Heinzel hat noch mehr Idealvorstellungen. „Es wäre schön, wenn die Kultur uns wieder helfen würde vernünftig miteinander zu reden und miteinander umzugehen, einander zuzuhören, andere Meinungen überhaupt wieder anzuhören“, formulierte er zur Jubiläumsausstellung „Wegmarke 25“ in den neuen Räumen des Stadtmuseums. Die waren zwar noch nicht ganz fertig, aber präsentierten eindrücklich, was die sohle 1 seit 25 Jahren ausmacht: Vielfalt, unterschiedlichste Sprachen, Perspektiven, Anregungen. Ob mit Pinsel, Holz, Stein, Stahl, Öl- und Acrylfarbe, Druckgrafiken, Collagen verschiedenster Materialien oder Fotografien: Es geht querbeet durch 25 Jahre. Mal wortwörtlich mit der der Zahl an sich. Mal mit dem, was die Keimzelle der sohle 1 ist: Dem Bergbau. Mal mit Rückblicken in die Vergangenheit auf der Halde, dann wieder mit Porträt der Personen, die gerade Schlagzeilen machen.

Gut besucht war die Eröffnung der Vernissage in den neuen Räumen im Stadtmuseum.

In den mehr als 50 Werken ist alles zu finden, was die Kunstwerkstatt zu sagen hatte und zu sagen hat. Vor allem eins: „Sie wollte und will einen eigenen Weg finden“, zitierte Klaus Holzer bei seiner Einführung das Leitmotiv. „Es braucht Mut, alt zu werden“, kommentierte er. Und ging geschwind die unzähligen Stationen ab, die in 25 Jahren Spuren hinterlassen haben. Von der Haldenaktion inklusive verschwundenem und 7 Jahre später wieder aufgetauchtem Kreuz aus Kauenkörben, über das erste Plenair bis zum Blauen Band mit versagter Genehmigung der Stadtverwaltung. „Je jünger die Stadt, umso tiefer muss gepflügt werden“, so Holzer, der auf Kunstwerke aus Bergkamen sogar in Fernost hinwies, auf Kunstnachten/Kunstlese mit kritischen Seitenhieben, der Galerie im Grünen, dem Dauerprojekt Wegmarken und Kunstdialogen mit der Partnerstadt Hettstedt.

Auf der Höhe der Zeit und eminent politisch

Klaus Holzer bei seiner launigen Einführungsrede.

„Die sohle 1 ist auf der Höhe der Zeit, zeitkritisch und damit eminent politisch“, betonte Holzer. Sie ist ein „ruhender Pol“ in der krisengeschüttelten Gegenwart. Und ganz nebenbei „ist sie wer mit eigenem Aufnahmeprozess für neue Mitglieder“. „Lobhudelei ist nicht nötig, die Wahrheit reicht“, sagte Holzer und lud ein zu dem, was die sohle 1 besonders gut kann: Zur Diskussion und zum Dialog. Also wurde er dann doch schon sehr zeitig war, der Wunschtraum von Thomas Heinzel – wenn auch vorerst im begrenzten Raum der Kunsträume. Vielleicht trägt es sich ja von hier weiter in die Welt, das Kunst auch heilsam sein kann in einer schwierigen Zeit.

Initiator und Gründungsmitglied Dieter Treeck im Gespräch.

Indem man den Blick eben nicht abwendet, genauer hinschaut und auch mal erträgt, was man vielleicht nicht sehen will. Oder es ganz pragmatisch nimmt wie Initiator Dieter Treeck. Die Aufforderung, als Poet und Schriftsteller „irgendwas an die Wand zuhängen“ und als Mitglied wertvolle Erfahrungen beizusteuern, beantwortete er mit der Polaroidkamera und der „Visualisierung poetischer Prozesse“ – bis heute. Es gibt eben manchmal auch ganz einfache Antworten und Lösungen.

Die „Wegmarke 25“ ist noch bis zum 2. Oktober zu sehen. Dann wird sie um 14 Uhr mit einer Finissage inklusive Lesung von Dieter Treeck beendet. Zu sehen sind die Bilder sonntags von 14 bis 17 Uhr. Sonntagführungen werden am 11.9. um 15 Uhr and am 14.9. um 17 Uhr angeboten.




Wenn Frauen in anderen Zeiten auch zum anderen Zeitpunkt immer zurückstecken müssen

Glitter bei der Matinee zum nachgeholten Internationalen Frauentag.

Ein „anderer Zeitpunkt“ war es ganz gewiss, an den es den Internationalen Frauentag in Bergkamen Ende August anstelle des traditionellen März verschlagen hatte. Ob es auch wirklich getreu dem Motto „andere Zeiten“ sind, mag jede Frau für sich selbst entscheiden. Objektiv hat sich nicht viel verändert, seit es die Frauenbewegung gibt. Das musste auch ein Mann konstatieren, der als Bürgermeister die Begrüßung übernahm.

Bürgermeister Bernd Schäfer und die Gleichstellungsbeauftragte Martina Bierkämper.

„Auf dem Papier ist die Gleichstellung vorhanden – Zugang zu Bildung und gleichbezahlten Jobs sind immer noch nicht selbstverständlich, viele Frauen müssen Gewalt erleben“ und träumen nur von fairer Arbeitsteilung in der Familie, von Respekt und Wertschätzung, resümierte Bernd Schäfer. Der Wille zur Veränderung fehle immer noch vielerorts – „zum Teil befeuert durch Corona, insbesondere in den so genannten systemrelevanten Berufen wie in der Pflege oder im Einzelhandel oder auch bei der Kindererziehung in den Lockdown inklusive der fatalen Folgen für die Erwerbsbiografie“. Die Stadt setzt ein Zeichen, indem Christine Busch als erste Frau für das Amt der 1. Beigeordneten vorgeschlagen wird. Zumal „uns Zeiten mit extremem Fachkräftemangel drohen“, so Schäfer.

Engagierte Worte von der Gleichstellungsbeauftragten.

Frauenmärz im August tut deshalb Not. „Wir wollten und konnten nicht bis zum nächsten März warten, um auf die drängenden Themen aufmerksam zu machen“, betonte die Gleichstellungsbeauftragte Martina Bierkämper. Es sind eben irgendwie doch andere Zeiten, auch wenn sich vieles allzu vertraut anhört. Corona, Klimakrise, Krieg und statt Finanz- die Energiekrise. In Bergkamen gibt es zum Glück ein gutes Beratungsangebot, das viele Folgen der Pandemie auffangen konnte. Die Flüchtlingswelle aus der Ukraine wurde auch gut gemeistert. Unterstützung tut hier weiter bitter not, auch in der Ukraine selbst für Widerstand, Wiederaufbau und Frieden. Beim Klimawandel „ist ein umfassender gesellschaftlicher Wandel erforderlich, bei dem wir Frauen an den Lösungen der drängenden Probleme beteiligt werden müssen“, so Bierkämper weiter. Sie wies auch auf die Not der Frauen in Afghanistan hin, die nicht vergessen werden darf.

Frauen bei der Krisenlösung beteiligen

Gemeinsam beim Zähneputzen träumen: Ehealltag mit Lennhardt und Lennhardt.

Die Krisen dürfen nicht „einfach nur irgendwie abgearbeitet werden – wir Frauen wollen jetzt beteiligt ein, weil wir Lösungen mit einbringen können“, lautete der Appell der Gleichstellungsbeauftragten. Wie das im ganz normalen Alltag aussieht, zeigte das Comedy-Ehepaar Lennhardt und Lennhardt“ mit einem Augenzwinkern auf der Bühne – wohlwissend, dass hier mehr Wahrheit drinsteckt als Fiktion. „Frisiert und aufgemöbelt“ ging es dabei durch alle Bereiche des Zusammenlebens von Mann und Frau. Mit einem Rabenmutter-Blues mit fettigen Haaren und dreckigen Ohren, der aus tiefster rabenschwarzer Seele kam. Da wurden schon mal Rechnungen für Dienstleistungen gestellt, damit die Künstler-Ehe funktioniert. Der Traum vom kinderbetreuten Luxusurlaub strandete in der Realität auf dem Bauernhof. Und der Flirt mit dem feurigen spanischen Regisseur änderte auch nichts an der Wärmflasche anstelle des Feuers unter der Bettdecke.

Auch unter der Bettdecke war allerhand los, in dem mehr Wahrheit als Comedy steckte.

Fröhlich ging es durch die neue Küche mit luftigem Loftcharakter und anschließend direkt zum Italiener. Der Wechseljahr-Song durfte nicht fehlen, ebenso wenig wie das Gebet an den Urgrund des Seins, der Körper-Gebrechen-Song und das Lied vom minimalen Anspruch. Als Barbie und Ken wird das wahre Leben auch nicht viel besser. Mit geliehenen Socken gab es noch eine kleine Mutdusche für den depressiven Mann, bevor das üblicherweise komplett fehlgeleitete Geschenk zum 18. Bühnenjahr inklusive 30. Hochzeitstag in mehreren heftigen Zugaben inklusive Jodelauftritt gipfelte. Ein bisschen Selbstironie von beiden Geschlechtern muss dann eben auch sein, um zu erkennen, dass der Weg auch nach mehr als 100 Jahren Frauenbewegung immer noch ein weiter ist.




Kunstwerkstatt sohle 1 feiert 25 Jahre Dialog und Partnerschaftsfunken in der Kunst

Die aktuellen Kunstschaffenden der Künstlergruppe sohle 1 im Jubiläumsjahr auf einen Blick.

„Kunst“, sagt Gründungsvater Dieter Treeck, „ist ein spannender Dialogpartner“ – über alle Grenzen und Epochen hinweg. Das wünscht er sich für die Kunstwerkstatt sohle 1 auch die nächsten 25 Jahre. Und vor allem „kritische Betrachter“, denn ohne Kritik funktioniert Gesellschaft ebenso wenig wie die Kunst. Nur so gibt es Weiterentwicklung.

Gründungsvater Dieter Treeck (l.) mit allen Wegbegleitern.

Streng genommen hätte die Kunstwerkstatt erst einen Tag später, am 28. August, ihren 25. Geburtstag gefeiert. Weil sich in der Corona-Atempause aber die Veranstaltungen stapeln, „haben wir etwas vorgefeiert“, sagt die Vorsitzende Silke Kieslich am Samstag, während sich alle Künstler mit Gästen im Hof des Pestalozzihauses versammelt haben. Die Big Band der Musikschule spielt auf, im Hof wimmelt es nur so vor Gemälden auf Holz und in den Kunsträumen des Gebäudes werden noch fleißig Schablonen ausgeschnitten für den Siebdruck. Das Plenair mit Kunst in der Entstehung zum Anfassen und Anschauen ist noch nicht ganz zu Ende, da steigt die Geburstagsparty. Und die Jubiläumsausstellung wirft ihre Schatten voraus.

Dieter Treeck bei seiner Jubiläumsrede.

„Wir sind zusammen im analogen Zeitalter gestartet und im digitalen angekommen“, fasst Silke Kieslich 25 Jahre prägnant zusammen. Viel ist in einem Vierteljahrhundert entstanden, auf allen Ebenen in allen Dimensionen. Dabei hat es ganz und gar analog angefangen. Mit Dieter Treeck, der die Partnerschaftsidee bei Besuchen im polnischen Wieliczka wörtlich nahm. Die Bergkamener Partnerstadt veranstaltete ein großes Plenair. Das zündete auch den Funken für die Idee, eine eigene Kunstwerkstadt in Bergkamen zu initiieren. 1997 war es so weit. Der Funke zündete auch noch weitere im Kreis der Partnerstädte. In Hettstedt ließ sich der dortige Verein inspirieren, um sich in einen kunstorganisierenden in einen kunstschaffenden zu verwandeln. Auch deshalb war Harald Illmer am Samstag mit Mitstreitern aus Hettstedt bei der Jubiläumsfeier dabei.

Vom Funken, der überspringt

In den Räumen der Pestalozzischule konnte noch beobachtet werden, wie Kunst entsteht, wie hier beim Siebdruck.

20 Gründungsmitglieder waren es anfangs. Inzwischen sind es 36 in allen Kunstsparten. Und immer wieder kommen neue dazu, denn die sohle 1 hat einen ganz besonders guten Ruf – über die Stadtgrenzen hinaus. Doris Trost und Bärbel Seprzagala kommen aus Lünen, sind befreundet und beobachteten schon lange mit Bewunderung, was sich in der Nachbarstadt künstlerisch tut. In verschiedenen Kunstgruppen waren beide aktiv, als zeitgleich die Anfrage kam, ob sie in der Kunstwerkstatt mitmachen wollen. Die eine mag die Bildhauerei. Die andere das Zeichnen, Malen und Radierungen. Beide sind sich einig: „Unsere Kunstwerke stehen zu Hause. Ständig kommt ein neues dazu, aber niemand sieht sie“, sagt Doris Trost. „In einer Künstlergruppe gibt es Austausch mit den anderen, man bekommt Anregungen, Themen, Kritik, Ratschläge“, ergänzt Bärbel Seprzagala. „Darauf freuen wir uns am meisten. Und: Die Qualität der Kunst, die hier in der Gruppe entsteht, ist schon einzigartig.“

Ganz besondere Klangmusik gab es neben der bildenden Kunst.

Die Funken, die im Großen gezündet haben, lodern bei jedem Einzelnen weiter. Roland Schäfer begleitete als Stadtdirektor und später als Bürgermeister die Entstehung und Entwicklung der Kunstwerkstatt. Die ergänzte das ohnehin schon bunte Kunstschaffen in der Stadt mit dem Bilderbasar und anderen einzigartigen Initiativen mehr als anregend. Wie die Künstler selbst das sehen und es erlebt haben, lässt sich ab dem 2. September mit der Jubiläumsausstellung „Wegmarke 25“ genauer beobachten. „Darin schauen wir auf 25 Jahre zurück und spielen auch mit der Zahl 25“, macht Silke Kieslich Lust auf die Vernissage, die in der Galerie sohle 1 um 17 Uhr beginnt.

Die Jubiläumsfeier wurde am Samstag noch mit bezaubernder Klangmusik, Tanz von der Schreberjugend und offenen Ateliertüren mit Blicken auf entstehende und vollendete Kunst abgerundet.