Bergkamen schickt Adventsgrüße als Lichtermeer

Die Seilscheibe als stilisierte Orangenscheibe auf dem „Rathausadventskranz“ macht sich gut.

Keiner ging hier am Samstag vorbei, ohne das Handy zu zücken. Andere rückten eigens mit der Kameraausrüstung an. Wer nicht damit gerechnet hatte, setzte sich kurzerhand hin und genoss. Andere küssten sich unter den leuchtenden Bäumen oder verputzten eine spontane Pommes vor tanzenden bunten Fenstern. Das weihnachtliche Leuchten im Rathausquartier hatte sofort magische Wirkung, kaum dass der universelle Lichtschalter umgelegt war.

Bürgermeister Bernd Schäfer mit dem „Lichterteam“ vor den erleuchteten Rathausfenstern.

Dabei steckt weit mehr dahinter als ein einfacher Schalter. Ein ganzes Schaltpult reguliert die Choreografie der mehr als 66 Lampen allein in den Rathausbüros. Die digitalen Signale werden über eine eigens angebrachte Antenne weitergeleitet. Zwei Stunden lang richtete das Team von Stadtmarketing und Kultur allein die einzelnen Birnen aus, damit am Samstag alles punktgenau in wechselnden Farben erstrahlte. 350 Meter lang sind die Lichterketten, die sich an den Fassaden der Rathausgebäude entlangschlängeln. Eine Woche lang haben die Fachleute alles angebracht und installiert. Allein 30.000 LED-Lämpchen glühen an den Lichterketten auf, wenn um punkt 18.30 Uhr der Stromkreis geschlossen ist.

Kleines Sternenmeer am Rande. Die Premiere am Samstag ging gut. Es gab nur einen ungeplanten Kurzschluss im Lichtermeer.

Im Busbahnhof setzten sich die Wartenden spontan mitten in das Sternenmeer, das auf die wellenförmigen Betonsitze herabrieselte. Unter dem Licht-Tannenbaum, der auf der Fassade Weihnachtsgrüße in zwölf Sprachen verkündet, war ein Selfie Pflicht. Und auch das Buchstaben-Laufband in der rot erleuchteten Sparkasse kommt in den Sozialen Medien gut an, wenn dort aufleuchtet „Bleiben Sie gesund!“. Das sind nur einige der vielen Details, die zu einem längeren Spaziergang rund um das Rathaus einladen. Zu entdecken gibt es hier noch viel mehr.

 

Adventskerzen flackern auf dem Busbahnhof

Die erste Adventskerze flackerte schon am Samstag auf dem „Adventskranz“ des Busbahnhofs.

Auf dem Busbahnhof flackern die Pylonen als stilisierte Adventskerzen um den Baum in der Mitte. Jeden Advent kommt eine weitere „Kerze“ dazu. Ein Tannenbaum steht nehmen dem Ratstrakt. An der Treppe setzen Bäume farbige Lichtakzente. Der absolute Blickfang sind allerdings die Rathausfenster, die ein genau einstudiertes Lichtballett in verschiedenen Farben präsentieren, bis alle zusammen knallrot oder auch knallblau aufleuchten. Aus jeder Perspektive erschließen sich andere Lichtkunstwerke. Zusammen mit dem ohnehin fest installierten Werk im Kreisel ein echtes Erlebnis.

Weihnachtsgrüße in zwölf Sprachen an der Rathausfassade.

Das soll es auch sein, jetzt, in schwierigen Pandemie-Zeiten mit Kontaktbegrenzungen und Maskenpflicht. Da fällt es selbst im privaten Raum schwer, dass heimelige Weihnachtsstimmung aufkommt. „Eigentlich habe ich mir nur einen Weihnachtsbaum für das Rathaus gewünscht“, schildert der neue Bürgermeister Bernd Schäfer die Ursprungsidee. „Angesichts der aktuellen Situation wollten wir aber noch mehr machen und das gesamte Rathausviertel mit einbinden.“ Das gelang denn auch in kurzer Zeit. Manches ging spontan nicht mehr, wie etwa die Einbindung der UKBS-Häuser. Aber das kann ja auch im nächsten Jahr noch kommen: „Wir konnten das jetzt prima ausprobieren und es sieht wirklich großartig aus“, ist Bernd Schäfer begeistert. „Wir werden sehen, ob eine Wiederholung möglich ist.“ Gute Stimmung verbreitet das Lichtermeer allemal.

„Bleiben Sie gesund“, wünscht sich die Sparkasse mit leuchtendem Buchstabenband.

Geholfen haben viele dabei. Eine private Tannenbaumspende von Annelen Lütkemeyer, die Sparkasse, Stadtmarketing und Kultur aus dem Rathaus, die Firma „SmartLite“ aus Kamen mit der Technik. Kinder der Tageseinrichtung „Tausendfüßler“ sorgen bald für noch mehr weihnachtlichen Schmuck am Rathaus. Also ab ins Freie: Ein Spaziergang am Rathaus lohnt sich – mit Abstand und Maske, versteht sich. Die weihnachtliche Lichtinstallationen leuchten noch bis zum 28. Dezember.

 




Mit Tina Teubner einfach mal lustvoll die Revolution im Lockdown wagen

Mit einem kulturellen Kraftpaket in den nächsten Lockdown: Tina Teubner mit Pianist

Gute Laune nicht nur gegen Nörgelstimmen.

Zum Glück hat sie hemmungslos gelogen. „Willkommen zum Feuerwerk der schlechten Laune“, begrüßte Tina Teubner die Bergkamener zum vorerst wieder letzten Comedy-Genuss im studio theater. Stattdessen gab es vor allem bissig Heiteres und süffig Musikalisches mit einer satten Priese Nachdenklichem und viel Wehmut. Alles nach dem Motto „Wenn Du mich verlässt komm ich mit“.

Wer weiß in diesen Zeiten schon, ob er überhaupt bis zum Ende bleiben darf – auf der Bühne und davor? Da findet auch eine routinierte Kabarettistin wie die Rheinländerin keine Pointen mehr vor lauter prekären Situationen. Es war dennoch wohltuend, nicht mit der neuesten Corona-Traurigkeit in den Abend zu starten. Einfach mal wohlstandsbadend zufrieden zu sein und den allgegenwärtigen „Nörgelstimmen“ in allen Bereichen den musikalischen Stinkefinger zeigen.

Auch an der Ukulele virtuos.

Dennoch bleiben mehr Fragen als Antworten. Angefangen vom essgestörten Baby bis zur gestressten Mutter, die zum Glück verpflichtet ist. Das Pränatal-Ballett mit einem heulenden Pianisten machte Laune. Der verbale Ausflug in den rundum optimierten Alltag mit Massenachtsamkeit umso mehr. „Wäre eine Revolution nicht viel schöner?“, fragt Tina Teubner süffisant mit Blick auf den meditierenden Manager. Ein schöner Ausblick. Also: „Wir wollen fröhlich sein“ in unserem chronischen Hang zur Traurigkeit. Mit der ausdrücklichen Aufforderung, wenigstens in der Pause mal jemanden niederzubrülllen.

Und sogar die singende Säge gehorcht Tina Teubner.

Die gerade einmal 70 Zuschauer brüllten zwar nicht, sie gaben sich aber alle Mühe, den Applaus in stattliche Höhen anschwellen zu lassen. Schließlich gab es nicht nur erstklassig ironischen Humor, sondern auch wunderbare Musik. Tina Teubner ist nebenbei noch ausgebildete Musikerin und beherrschte die Geige ebenso gekonnt wie die Ukulele und die singende Geige. Musizieren als Schule der Empfindsamkeit gegen eine Realität, in der 8 Menschen so viel besitzen wie 3 Milliarden im ärmsten Teil der Welt. Kriege gab es schon für nichtigere Anlässe, gab Tina Teubner zu bedenken und nahm unsere leicht verrutschten Werte unter die Lupe. Vor Flüchtlingen an EU-Außengrenzen und hinwegschrumpelnder Umwelt halten wir unsere selbstgemachten Marmeladen samt Pürrierstab und die Wahl der richtigen Autofarbe hoch.

Musste als Erziehungsbedürftiger herhalten: Pianist Ben als schreiendes Baby.

Die Unsichtbarkeit über 50, der Niedergang musikalischer Werte mit einer Klingelton-Rhapsodie, energiestrotzende Lofoten-Rentnergenerationen, „die es richten könnten und dem Wahnsinn ein Ende gebieten“ statt immer schön auf der mittleren Spur bei Rot über die Ampeln spurten. „Es wird Zeit, genauer hinzusehen, seine Meinung zu vertreten, im begrenzten Glück baden zu gehen!“ Es war eine wahre Freude, Tina Teubner und ihrem Pianisten Ben in beglückende musikalische Poesien mit Tiefsinn zu folgen. Denn: „Wir haben vergessen, wie entsetzlich profan Glück sein kann.“

Hoffentlich nehmen sie viele beim Weg in den nächsten Lockdown beim Wort und riskieren die „Revolution der Lust, Mündigkeit und Poesie“. Auch dafür gab es zum Schluss Dauerapplaus. Der war sicherlich auch als kleine Kraftspende gedacht, denn gerade der Kultur droht jetzt erst recht eine kapitale Krise. Das kulturelle Kraftpaket Tina Teubner haben alle jedenfalls dankbar aufgesaugt als Reserve für die jetzt wieder dürren Kulturzeiten. DANKE!




Kunst als Nahrung für das Innenleben mit „inside out“

Geometrien, die in den Raum wachsen: Auch das ist „inside out“.

 

Landschaft oder doch nicht? Genau hinschauen ist gefragt.

Ist es nun eine Landschaft oder ein komplett verwischtes EKG, in dem sich der Raum mit allen Menschen und Masken spiegelt? Die Formen darauf scheinen sich wie Windräder in den Raum zu drehen. Die gesamte Szenerie verändert sich beim nächsten näheren Hinschauen schon wieder. Nichts, was der Betrachter am Sonntag zu sehen meinte, blieb das, was es schien. „Inside out“ war mehr als nur der Titel der ersten Ausstellungseröffnung in der sohle 1 seit Corona. Es war ein Versprechen, das eingehalten wurde.

Bürgermeister Roland Schäfer bei seiner letzten Ausstellungseröffnung – „mit ein bisschen Wehmut“.

Besonderheiten hat die sohle 1 seit Sonntag aber noch weit mehr zu bieten. Es war die letzte Ausstellungseröffnung für Roland Schäfer als Bürgermeister, nicht aber als kunstbegeisterte Person: „Ich werde mich auch weiter der Kunst eng verbunden fühlen“, versicherte er. Mit den beiden Künstlern präsentiert die Galerie auch eine „besondere Zusammenarbeit“, so Schäfer. Denn sämtliche Werke von Annette Riemann und Magnus von Stetten treten in den Dialog, sind aufeinander bezogen. Und es gibt in diesem Corona-Jahr erstmals viel weniger Wechselausstellungen als das sonst übliche halbe Dutzend – ausgerechnet im Jubiläumsjahr als älteste kommunale Galerie. Dass es diese Ausstellung überhaupt gibt, ist der kollektiven Überzeugung geschuldet, „dass wir das Leben nicht komplett zum Stillstand bringen wollen“, so Schäfer.

Dr. Ellen Markgraf erläutert engagiert, was sie hinter der Kunst sieht.

Dr. Ellen Markgraf übernahm als Kunsthistorikerin, was den meisten nicht auf Anhieb gelang: Sie fasste in Worte, was Auge und Gehirn beim Betrachten erlebten. Denn hier treten ausnahmslos die inneren Bilder nach außen in den Reflexionen, den dreidimensionalen Formen und Assoziationen. Was auf den ersten Blick als Fotografie daherkommt, sind bei Annette Riemann zusätzlich Farben auf Fotopapier. Da wächst das Quadrat bei Magnus von Stetten in den Raum, verursacht einen Sog und wird nahtlos vom benachbarten Bild mit seinen Horizontlinien aufgenommen, um auf das nächste Bild von Annette Riemann weitergeleitet zu werden und sich damit regelrecht in eine Raumskulptur zu verwandeln. Wer hier meint, Traditionelles in der Natur zu entdecken, wir mit den Geometrien in die Technologien der Zukunft gezogen, begleitet von den Lichtreflexionen des gegenwärtigen Raums.

Wer sich darauf einlässt, kann regelrecht in der Ausstellung versinken.

Also auch ein Spiel mit den Zeiten und Bewusstseinsebenen, auf das sich jeder einlassen kann. Ganz nebenbei auch für die Kunstexpertin ein „mutgebender Impuls“, denn die Kultur leidet gerade besonders unter Corona. Und natürlich auch „Nahrung für das eigene Innere“, indem sich das Äußere der Kunst öffnet und sein Innenleben freilässt. Zu erleben noch bis zum 8. November, Corona zum Trotz.

 




Aus „Azubis“ werden echte Lebensretter: 12 Teilnehmer beenden Grundlehrgang der Feuerwehr

Alle Teilnehmer der Grundausbildung auf einen Blick.

Ganz so einfach, wie manches in Lehrfilmen aussieht, ist es in der Realität dann doch nicht. Da ist dann plötzlich ein Knick im Löschschlauch, wo er nicht hingehört. Einfach weil das Gelände tückisch ist. Oder die Verbindungsstücke sind viel störrischer als gedacht. Gut also, dass es die Grundlehrgänge für angehende Feuerwehrleute gibt. Dort lernen sie alles, was es für den echten Löscheinsatz braucht – von der Theorie bis zur praktischen Anwendung. Am Wochenende ging die jährliche Grundausbildung für 12 angehende Lebensretter zu Ende.

Mitten in der Praxis: Schläuche zusammenbekommen.

Fünf Wochenenden lang war der Weg dorthin. Aus allen Einheiten der Bergkamener Feuerwehr sind sowohl die klassischen Anwärter aus der Jugendfeuerwehr, aber auch Spät- und Zwischeneinsteiger mit Vorwissen aus dem Roten Kreuz oder Technischen Hilfswerk dafür zusammengekommen. Denn erst der Grundlehrgang erlaubt es ihnen allen, beim „echten“ Einsatz nicht einfach nur zuzuschauen, sondern auch mit dabei zu sein. 17 bis 36 Jahre alt waren die Teilnehmer. Gebüffelt und praktisch geübt wurde an fast allen Standorten in Bergkamen. Der Abschluss findet traditionell auf dem Gelände des Bergkamener STEAG-Kraftwerks statt. „Eine Tradition, die es schon seit mehr als 10 Jahren gibt und über die wir sehr froh sind“, betonen Bernd Externbrink, stv. Feuerwehrleiter, und Patrick Gundlach. Denn es ist wichtig, dass die Ausbildung auch unter realen Rahmenbedingungen stattfinden kann.

Wasserentnahme im Kanal.

Wie wird ein Schlauch richtig ausgerollt. Welche Gerätschaften sind in welchem Fahrzeug verborgen. Wie muss mit welchem Löschmittel umgegangen werden und wie läuft ein Brand überhaupt ab? Menschenrettung, erste Hilfe: Es ist viel, was die Teilnehmer lernen müssen. Das wir theoretisch und auch mündlich mit Prüfungen abgefragt. Und auch in der Praxis mussten sie alle am Sonntag zeigen, dass sie Saugleitungen kuppeln, einen Löschangriff richtig aufbauen können, das Wasser aus dem Kanal in die Schläuche bekommen und auch die Steckleiter im Griff haben.

Mit den Schläuchen auf den Weg machen.

Corona hatet auch hier alles im Griff, denn ohne Mundschutz geht gar nicht, wenn der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Die gesamte Aus- und Fortbildung und auch Übungen der Feuerwehr hat das Virus durcheinandergebracht. „Von März bis Ende Mai konnten wir überhaupt nichts durchführen“, schildert Bernd Externbrink. Die Grundausbildung ist deshalb einige Zeit nach hinten gerückt. Es stehen auch noch weitere Ausbildungseinheiten an. Das Modul 4 beispielsweise und auch der Lehrgang für das Tragen von Atemschutzgeräten.

Wasser marsch!

Einen echten Einsatz gab es übrigens während des Lehrgangsabschlusses auch noch. Auf dem Rückweg stand am Samstag ein Unterstand in Rünthe in Flammen, an dem die „Azubis“ ihre frisch erworbenen Fähigkeiten ausprobieren konnten.




Mit Florian Schroeder die Welt minimal als „Neustart“ verrücken

Florian Schroeder hielt im studio theater beim „Neustart“ unerbittlich den Finger auf manche moralische und gesellschaftliche Wunde.

Ist das noch Satire? Oder ist Florian Schroeder ein philosophierender Psychologe, der die hegelsche Dialektik mit Konfrontationstherapie in ein Bühnenprogramm verwandelt? Er hofft jedenfalls unerschütterlich auf die moralisch-mentale Heilung einer von Viren, Diktatoren, Migrationsfluten und selbstgebastelten Wahrheiten leicht verrutschten Welt. Auch in Bergkamen, wo ein „Neustart“ nach der Corona-Pause bitter nötig war. Der Titel von Schroeders neuem Programm war deshalb mehr als perfekt. Und seine Botschaft vielleicht auch.

Tja, so sieht sie nunmal aus, die Wahrheit: Florian Schroeder kann womöglich auch nichts dafür.

Der Weg dorthin war allerdings mehr als schmerzhaft. Gelegentlich wussten die virusbedingt mit Sicherheitsabständen platzierten Zuschauer im studio theater nicht so genau, ob das nun zum Lachen war, was der Berliner dort verbal aus dem dialektischen Hut zauberte, oder doch eher zum Heulen. Nichts soll so sein wie vor Corona, aber eigentlich soll sich auch nichts ändern. Der Messias kommt, oder auch nicht. Wer dachte, moralisch und dialektisch besser gewappnet zu sein als die Querdenker auf der Demo der Coronaleugner, die Florian Schroeder unlängst ratlos zurückgelassen hatte, der hatte sich getäuscht. Auf die gleichen Fragen fehlten auch den Bergkamenern in der direkten Konfrontation schlicht die Antworten oder auch nur ein Weg dorthin.

Zauderndes Applaudieren dort, wo es vom Damaskus-Erlebnis nahtlos von den en vogue-Beispielen und der aktuell gefährlichen Tasse Tee nach Analogistan und zur Urteilskraft der im Glasfaserkabel versackten Bildung ging. Virologen-Gurus hielt Schroeder ebenso ihre eigene Widersprüchlichkeit vor Augen wie den Corona-Leugnern. Digitale Testergebnisse gingen mit dem Telefonhörer auf abstruse Reisen und die propagierte Achtsamkeit verwandelte sich in gefährliche Blockwart-Moral.

Launig entblößten sich bei „Markus Lanz“ die parodierten Gäste.

Weil aber auch die Bergkamener ein bisschen traumatisiert sind, ging Schroeder bald in die leichter verdaulichen gesellschaftlichen Sphären über. Männer waren da die wahren Opfer der Gegenwart, ein wenig bipolar vor allem im verqueren Paardialog oder mit der ökologisch korrekten Lastenkarre vor der Elterninitiativen-Kita, wo es am Ende dann doch nicht den diversen schwulen Erzieher of colour mit Wickelverbot gab. Auch als Markus Lanz ging er launig durch den Gegenwartswahnsinn der Lauterbachs und Laschets und ließ seinem parodistischen Talent freien Lauf.

Die Pause lüftete nicht nur das studio theater, sondern auch die mit dem Neustart sichtlich verjüngten Köpfe der Besucher. Jetzt waren alle bereit für die bittere Wahrheit: Es gibt keine Helden mehr. Von Kant über Hegel bis Hoeneß haben sie alle zum Teil heftigen Dreck am Stecken. Ob wir nun wirklich mit Hirschhausen, Wohlleben und Grönemeyer weiter durch die Krise und eine bittere Zukunft mit künstlicher Intelligenz in ein Zeitalter der Desinformation schleudern müssen? Ob wir am Ende Kutscher oder Pferd sind, als kritiklose Sklaven der Technik nur noch einfache Antworten verarbeiten können und von Kabarettisten-Virologen gelenkt werden, um schlussendlich von Bill Gates endlich das Windows-Update implantiert zu bekommen, sei dahingestellt.

Auch ein Profi braucht beim Start eines neuen Programms ein paar Gedankenstützen – ganz und gar analog.

Schroeders Forderung nach Meinungspflicht war vielleicht sogar ernst gemeint. Man weiß es nicht so genau. Was nun Wahrheit und was Wahnsinn ist, ließ er ebenso im Wagen. „Ich bin nur der Spieler, der die Masken aufsetzt“ – als moralisch-philosophische Immunisierung gegen die absolute Wahrheit. Eins jedenfalls steht fest: „Wir leben in einer Zeit des Endes der alten Gewohnheiten.“ Und: „Wir müssen die Welt minimal verrücken, um nicht an ihr verrückt zu werden.“

Der zögernde Applaus hatte sich da längst in tosenden verwandelt – so weit die großen Abstände das zuließen. Diverse Zugaben mussten her und natürlich noch eine ausgiebige Parodie-Jukebox. Mitnehmen konnte jeder ein stattliches Rüstzeug gegen das, was Corona und der Wahnsinn der Welt noch für uns bereithalten werden.




Beim Picknick-Konzert mit zitternden Fingern ganz neue Kultur-Perspektive erobern

Spaß hatten die Besucher bei beim Picknick-Konzert mit Kulturgenuss unter freiem Himmel.

Ungewohnte Kulisse für Straßenmusiker „Radiolukas“.

Da gehorchen die Finger auch beim besten Pianisten nicht mehr in außergewöhnlichen Zeiten. Radiolukas war und ist Straßenmusiker und kennt die Performance unter freiem Himmel. Dass ihm dabei allerdings ausnahmslos alle andächtig zuhören, brachte ihn am Freitag kurzfristig aus der Bahn. Denn beim 2. Picknick-Konzert im Römerpark war nicht nur der Hunger nach leckeren Picknick-Snacks groß. Auf den Picknick-Decken hatte sich auch eine immense Sehnsucht nach guter Kultur in dörren Corona-Zeiten angesammelt.

Radiolukas in Aktion.

Dass der Mann am Klavier angeblich 13 Mal hintereinander danebengegriffen und einen neuen persönlichen Fehlerrekord aufgestellt hatte, bemerkte garantiert niemand. Viel zu groß war die Freude, endlich mal wieder Live-Musik von einem echten Musiker aus Fleisch und Blut zu hören. Richtig gut war beides ganz nebenbei auch noch. Zusätzlich schmeckten die gesponserten Snacks zusammen mit den in Einkaufskarren oder Körben mitgebrachten Leckereien vorzüglich. Und das letzte Augustwochenende entpuppte sich anders als prognostiziert zudem als außerordentlich lauschig. So streckten sich die meisten entspannt ganz ohne Mundschutz auf ihren Decken aus und ließen es sich einfach nur gut gehen.

Beste Picknickstimmung auch auf den weiter entfernten Decken im Römperpark.

Das war auch nicht schwer, zumal Radiolukas nach den anfänglichen Irritationen durchweg echten Ohrenschmaus auch in die weiter entfernte Picknickecken schickte. Elton John, Billy Joel, Simon & Garfunkel, John Lennon: Es war eine zauberhafte Reise durch die Rock- und Popmusik, garniert mit melancholischen Eigenkompositionen. Wer es sich jetzt allzu bequem gemacht hatte, der saß nach gut einer Stunde schnell wieder senkrecht auf den karierten Decken. Denn Quichotte war zwar irgendwann einmal angeblich Lehrer. Was er begleitet von der Gitarre und selbst getunten Digitalsounds in Worte fasste, war dann aber ganz und gar nicht mehr pädagogisch.

„Quichotte“ holte Bitterböses aus dem Picknick-Korb.

Der Vater mit dem tätowierten Namen des Sohns auf dem Arm bekam ebenso sein Fett weg wie die die Generation der Mitdreißiger, die schnell noch ein Kind bekommt und sich dann über das Kümmernmüssen wundert. Bitterböse ging Quichotte ins Gericht mit den aktuellen Phänomenen, wenn er „gebt die Kinder ins Heim“ sang, Killer-Country-Karsten ins Rennen schickte oder sich selbst und die verpassten Chancen mit sarkastischem Rap bedachte. Launig ging es beim improvisierten Rap zu, der spontan aus zugerufenen Worten wie Kreißsaal und Kastration zu überraschenden Reimen zusammengeschustert wurde. Ein Feuerwerk aus Pointen, das meist unverhofft aus der Hüfte auf die Zuschauer abgefeuert wurde, die ihre sichtliche Freude daran hatten.

Volle Hingabe nicht nur an der Gitarre.

Da hatte sich allerdings bereits der Herbst zu Wort gemeldet und war über die klamme Picknickdecke ungemütlich in anfällige Körperregionen gekrochen. Damit war die unschöne Realität leider wieder allzu präsent, nämlich dass der Sommer zu Ende geht und mit ihm auch die Möglichkeit für einigermaßen unbeschwerten Kulturgenuss unter freiem Himmel. Damit werden auch die wenigen Auftrittschancen für Künstler wieder rarer. Hinter denen, darauf wies Quichotte ebenfalls diesmal sehr ernst hin – stehen unzählige Menschen in der Technik und anderen Gewerben, die gerade mehr als ums Überleben kämpfen.




Spurensuche mit einer außergewöhnlichen Wegmarke und Mindestabstand in der „sohle 1“

Begrüßung unter freiem Himmel – mit Masken, Mindestabstand und blauem Trennungsband.

Normalerweise gibt es mindestens eine Performance und mindestens etwas Poetisches, vor allem wenig Sauerstoff und mehr Gäste als Platz zur Eröffnung der Jahresausstellung der Künstlergruppe „sohle 1“. Diesmal stellte ein Virus allerdings alles auf den Kopf. Dabei war das, was man sich einfallen lassen musste, um auflagenkonform überhaupt in die Nähe der Kunstwerke zu kommen, schon fast eine Performance für sich.

Blaue Bänder begrüßten auch an der Fassade die Gäste.

Ausgerechnet im 50. Jahr der städtischen Galerie „sohle 1“ als älteste kommunale Kunstgalerie überhaupt hinterließ all das getreu dem Jahresmotto mindestens unvergessliche Spuren in der ungewöhnlichen Geschicht. Das Eröffnungspublikum war extrem ausgedünnt und sammelte sich mit Masken und Mindestabstand unter freiem Himmel. Das „blaue Band“ wurde in Doppelfunktion zur Begrüßung ausgerollt: Eigentlich ein Kunstwerk in Anlehnung an das stadtprägende Element, trennten die blauen Streifen nun Eingangs- und Ausgangszone. Die durfte hinter der wiederum mit blauen Streifen geschmückten Fassade nur betreten, wer das passende Kärtchen ergatterte. Alle anderen mussten im Wartebereich ausharren, bis die erlaubte Besucherzahl wieder aufgefüllt werden durfte.

Poesie von Dieter Treeck gibt es diesmal virtuell.

Der Bürgermeister ließ es sich trotzdem nicht nehmen, nicht nur virtuell per Dauerschleife präsent zu sein, sondern auch real die Gäste zu begrüßen. Immerhin feiert die einzigartige Galerie als Urmutter der kurz darauf gegründeten Künstlergruppe Jubiläum. Von einer Baracke und dem Keller einer alten Villa führte die eigene Wegmarke in die City und schließlich ins heutige Museum. Die Gebäude-Spuren sind inzwischen verwischt oder verschwunden. Nicht aber die künstlerischen Spuren. „Das Anliegen war und ist es, moderne Kunst zu vermitteln. Das ist mehr als gelungen. Bergkamen ist auch längst auch eine Stadt der Kunst“, betonte Roland Schäfer.

Gemalt, gezeichnet, fotografiert, modelliert, gedruckt, gelesen: In allen Facetten präsentieren die Künstlerinnen und Künstler ihre Spurensuche.

Die Spuren der diesjährigen „Wegmarke“ hinterlassen ihre eigenen Eindrücke. Darunter sind Spuren des Virus, biographische und historische Spuren, Spuren der Zeit in zerstörten Zechenfenstern, Spuren des wahren Ichs im Spiegel, überdimensionale und ganz winzige Fußspuren im Stein, zerfurchende Spuren in der Landschaft oder leicht verrückte Spuren im Miniaturlabor des Alchemisten. Die Künstler gingen in Wäldern auf Spuren der zerstörerische Borkenkäfer, an der Ostsee entdeckten sie Spuren des Klimawandels, im Stein Spuren der Erdentstehung, in Obstkisten Spuren der Globalisierung oder ganz schlicht Spuren im Sand und des Urlaubs in poetischen Betrachtungen von Dieter Treeck, der ebenfalls virtuell auf dem Bildschirm liest.

Eine spannende Spurensuche, die ab Dienstag auch von einem Katalog begleitet wird. Wer ebenfalls künstlerische Spuren entdecken will: Jeden Sonntag um 11 Uhr gibt es Führungen. Und online stehen Interviews sowie die Rede des Bürgermeisters bereit.




Mehr Schutz mit Schildern, Informationen und Respekt für die Bummannsburg

Rundgang mit Beschilderung samt historischen Informationen über die spannende Vergangenheit der Bummannsburg – umgesetzt von Politik, Verwaltung und Museum.

Hatte sie vielleicht schon einen römischen Vorläufer? Tummelten sich hier womöglich die Sachsen? Was spielte sich in ottonischer Zeit ab? Um die Bummannsburg in Rünthe ranken sich noch unzählige Fragen. Sicher ist jedoch: Die Wallburganlage ist ein seltenes, weil im Boden noch besonders gut erhaltenes Exemplar seiner Art, birgt wichtige der wenigen mittelalterlichen Spuren der Stadt in sich – und sie ist bedroht. Nicht nur von Fahrradreifen. Deshalb sollen Schilder jetzt für mehr Sensibilität und vor allem für Informationen sorgen – im 30. Jahr als eingetragenes Bodendenkmal.

Gäste aus der mittelalterlichen Vergangenheit gab es auch – inklusive originalgetreuer Gewandung.

Zuletzt hatte die großflächige Anlage aus dem 8./9. Jh. mit Vorburg und ca. 5 ha großer Hauptburg vor allem als Mountainbikestrecke traurige Berühmtheit erlangt. Die Junge Union entdeckte: Online wurde dafür geworben, auf den Wällen zerstörerische Fahrkünste auszutesten. Die Reifen ruinieren zusätzlich, woran bereits das Verschwinden der Lippealtarme, die Trockenheit und Stürme seit geraumer Zeit heftig nagen. „In den nächsten vielleicht 30 Jahren wird das Holz in den Wallanlagen womöglich vergangen sein, dann sind wichtige Zeugnisse verschwunden“, weiß Museumsleiter Mark Schrader. Deshalb gab es von der Politik auch breite Zustimmung für den Antrag der CDU, das Denkmal besser zu schützen und für bessere Aufklärung zu sorgen.

Wer die Reste der Bummannsburg erkennen will, der muss genau hinsehen. Die neuen Schilder helfen dabei.

Ein Konzept für einen Rundgang samt Beschilderung wurde erstellt. Der Museumsförderverein unterstützte das Vorhaben. „Das Problem des Bodendenkmals ist: Es ist wenig von ihm zu sehen, auch wenn in der Fläche noch beeindruckend viel erhalten ist. Wir wollen mit den Schildern darauf aufmerksam machen, dass hier viel darüber zu erfahren ist, wie die Menschen hier früher gelebt haben – und dass solche Orte Respekt verdienen“, so Dr. Jens Herold. Wer allerdings hier tiefer als 30 cm in den Boden eindringt, muss eine archäologische Grabung beantragen. Deshalb mussten die sechs bereits vorhandenen Pfosten eines Naturlehrpfades ausreichen, um die Schilder aufzustellen. Ein umfassendes Schutzkonzept braucht derweil noch mehr Zeit und ist aktuell in Bearbeitung. Dafür braucht es die Beteiligung vieler Ämter und auch die Berücksichtigung des geltenden Waldrechts.

Museumsleiter Mark Schrader erläutert leidenschaftlich, welche Erkenntnisse die Wissenschaft bisher geliefert hat – und welche Geheimnisse der Boden auf dem Gelände noch verbirgt.

Eigentlich sollte ein zünftiges Burgfest die mittelalterliche Burg zusätzlich ins rechte Licht rücken. Corona machte hier einen Strich durch die Rechnung. Zur offiziellen Einweihung gab es am Sonntag aber dennoch einen Eindruck von dem, was sich hier im Mittelalter abgespielt haben mag. Historische Statisten begleiteten als Vertreter des niederen Adels des 12. Jh. mit Schwert und Spore sowie als Fußsoldaten mit Hellebarde den Rundgang. Im Museum ist die Epoche ebenfalls mit blauer Leitfarbe und Funden vertreten. Bürgermeister Roland Schäfer hofft, dass demnächst auch die Funde aus einem großen Merowingergrab das Museum zusätzlich bereichern werden. Hier wird schon jetzt die Bergkamener Stadtgeschichte von der Steinzeit über die Römer samt größtem Lager nördlich der Alpen bis hin zur Vergangenheit als einstmals größte Steinkohlenbergbaustadt lebendig.

6 Schilder klären jetzt detailliert auf – auch ohne Begleitung aus längst vergangenen Zeiten.

Wer hier jetzt unter den Bäumen flaniert, kann einiges entdecken. Hinweise auf Wirtschaftsgebäude, Mühlen und Brunnen. Römische Funde gab es ebenfalls. Sogar Urnen aus der Eisenzeit stammen aus der Region. Aus der Luft und im Boden lassen sich noch die Altarme der Lippe nachspüren. Verkehrsknotenpunkte mit naher Furt und befestigter Landzunge, Zerstörungsphasen, Pflanzenreste: Der Boden hat einige Geheimnisse preisgegeben, lässt aber noch viele Fragen offen. „Die kann man in Zukunft durch moderne wissenschaftliche Methoden wie Bodenradar vielleicht klären“, hofft Mark Schrader. Zuletzt wurde hier 1978 ausgegraben. Bekannt ist die Burg bereits seit mehr als 100 Jahren, erste Forschungen fanden zwischen 1890 und 1905 statt.




Picknick-Konzert macht Hoffnung auf Kultur-Normalisierung

Sonne, Sommer, Snacks und tolle Musik – mit viel Abstand: Die Premiere des Picknick-Konzerts im Römerpark machte vor allem gute Laune und Lust auf mehr.

Endlich mal wieder Kultur mit einem Hauch von Normalität. Darauf freuten sich alle, die am Freitag eines der Rasenvierecke mit einer grünen Nummer im Römerpark ergattert hatten. Ganz normal war es dann aber doch nicht, als Kulturreferentin Simone Schmidt-Apel vor das Publikum trat. Die Corona-Sicherheitsregeln benötigten immerhin einige Minuten Erklärung.

Den Sommerhut brachten viele mit auf ihre Picknickdecke – neben leckeren Snacks und Getränken und viel guter Laune.

Auf der eigenen Picknickdecke fühlten sich die Zuhörer fast wie in ganz normalen Zeiten. Jeder Schritt darüber hinaus war nur mit Mundschutz erlaubt. Es gab eine Einbahnstraßenregelung hinein und hinaus aus dem abgesperrten Konzertareal. Auf die eigens errichteten Toiletten durfte jeder nur allein. Auch Herumspazieren und spontane Tanzeinlagen vor der Pavillon-Bühne waren nicht erlaubt. Das tat der guten Laune aber nicht den geringsten Abbruch.

Musik mit Hingabe und Absperrungen im Hintergrund. Die Organisation benötigte einigen Aufwand und spezielle Sicherheitsregeln.

Schon nach kurzer Zeit erhob sich der erste, um auf der eigenen Picknickdecke im Rhythmus des „Tropical Turn Quartett“ mitzuswingen. Die aufgespießten Tomaten- und Mozarella-Stückchen wippten beschwingt im Takt mit. Und wer zu frischen Weintrauben oder Knäcke-Stückchen mit Dip griff, der ließ die nackten Zehen in der sommerlich warmen Luft kreisen. Andere waren von den Samba-, Salsa- Merengue- und Jazz-Klängen so entspannt, dass sie sich bequem neben den mitgebrachten Leckereien ausstreckten und tief und fest einschliefen.

Markierte Picknickflächen, die nicht alle belegt waren, Einbahnstraßenregelung und mehr: Ganz normal war es dann doch nicht auf dem Picknickgelände.

Was zählte, war neben der guten Musik vor allem das Signal. „Das ist ein Abend, der Mut und Freude macht“, begrüßte Simone Schmidt-Apel das Publikum. Und: „Sie glauben gar nicht, war Sie alle für ein tolles Bild abgeben.“ Sommerhüte und Sommerkleider mit auf der Seite ausgestreckten oder im Schneidersitz locker drapierten Musikfans formierten in der Tat ein sommerlich buntes Gemälde mit durchweg frohen Gesichtern. Denn alle freuten sich, endlich mal wieder live Musik genießen zu dürfen mit allen menschlichen Reaktionen, die genau das zu einem Erlebnis machen.

Die Musik vom „Tropical Turn Quartett“ war genau die richtige für einen tollen Sommerabend mit einem Hauch von Normalität.

„Wir würden das sehr gern wiederholen“, betonte Simone Schmidt-Apel ihre Hoffnung auf eine weitere Normalisierung und eine positive Entwicklung für die Kultur in der Corona-Krise. Die hat seit Monaten besonders unter den Einschränkungen zu leiden. Ob das nach den jüngsten Entwicklungen mit massenhaften Neuinfektionen in der Fleischindustrie der benachbarten Regionen auch tatsächlich möglich ist, wird sich zeigen. Einstweilen gilt das, womit das „Tropical Turn Quartett“ sein Publikum begrüßte : „Wir haben überlebt!“ Und „Das Leben geht weiter!“ Hoffentlich mit weiteren Picknick-Konzerten, denn die Premiere hat eindeutig Lust auf mehr gemacht. Denn schließlich zog das Konzert auch weit mehr Zuhörer an, die es sich auf den umliegenden Bänken bequem machten oder bei Spaziergängen rund um das Areal herum die Musik genossen.




Im DRIVEmaINa gibt es zum Streetfood garantiert ein Lächeln dazu

Leonie und „Stella“ beim kleinen Wartesnack vor dem „Einreiten“ in den DriveIn in der Marina.

Vor dem „Einparken“ gab es schon mal einen kleinen Snack mit leckerem grünen Gras auf der Wiese. Was sie dann allerdings in der Wartebox mitten auf dem Hafenplatz sollte, das verstand „Stella“ nicht so richtig. Überall waren Autos, flatternde Absperrungen und Möwen. Das Tuten der vorbeifahrenden Containerschiffe schien auch einigermaßen unheimlich. Als dann die Bedienung im „DRIVEmarINa“ eine frische Banane zusammen mit Pulled Pork und Crêpe brachte, war für das 21 Jahre alte Pony die Welt wieder in Ordnung.

Lecker und mal was anderes in tristen Corona-Zeiten: Cocktails und frisches Streetfood direkt ans Auto zum Mitnehmen.

Für ausnahmslos alle Hungrigen hatte die Marina am Wochenende endlich auch wieder einen Hauch von Normalität in skurrilen Corona-Zeiten zu bieten. Vor allem aber „etwas Originelles und endlich mal was anderes“ und „eine richtig gute Idee“, wie die jungen Frauen im weißen Kleinwagen finden, die gerade in Box Nummer 2 auf die Bestellung warten. „Wir wollten gern mal wieder Essen gehen, trauen uns aber noch nicht so richtig in ein Restaurant. Und immer nur die Fast-Food-Drive-Ins ist auch nicht schön – deshalb sind wir jetzt hier“, sagt das Trio einhellig und gut gelaunt und freut sich auf einen besonderen Genuss mit Cocktails zum frisch zubereiteten Essen.

Die aktuelle Speiskarte blinkt vor schöner Hafenkulisse direkt an der Einfahrt für die Bestellung auf.

Die Bestellungen haben die Gäste bereits ein paar Meter zuvor an der Einfahrt zum Hafenplatz abgegeben. Die Auswahl war alles andere als leicht, leuchteten auf dem großen Display doch allerhand Menüvorschläge von den Süßkartoffel-Fritten über Flammkuchen bis zum Frozen Yogurt zum Dessert auf. Dann ging es ganz langsam auf dem abgesteckten Weg in die Warteboxen. Inzwischen war in den verschiedenen Streetfood-Wagen, die sich zum praktischen Halbrund aufgebaut hatten, schon reges Treiben. Die Bedienungen huschten von einem zum anderen, um die Tabletts zu füllen und schließlich direkt an die heruntergelassene Wagenscheibe zu treiben.

Mario Kube mixt Cocktails und ist glücklich über den guten Start für seine „DriveIn“-Idee.

Während die Autoschlange immer länger wurde – darunter auch Neugierige Gäste aus Braunschweig oder dem benachbarten Lünen, kamen viele für den kulinarischen Genuss auch mit dem Rad oder zu Fuß vorbei. Nicht ohne Gesichtsmaske beim Bestellen, versteht sich – schließlich ist Corona immer noch allgegenwärtig. Für Mario Kube waren die vollen Warteboxen ein Anblick, der sein Herz höher schlagen ließ. Der Inhaber der Cocktail Bar „Liquid Liberty“ hatte die Idee für das kulinarische DriveIn, „damit endlich mal wieder etwas passiert.“ Alle Großveranstaltungen sind auch in Bergkamen der Corona-Pandemie zum Oper gefallen. „Wir Gastronomen sind gerade extrem stark gebeutelt, auch wenn die ersten Öffnungen sehr langsam wieder ein klein wenig Normalität ermöglichen.“ Die Stadt Bergkamen ließ sich sofort für die ungewöhnliche Idee begeistern und alle Kollegen, die Mario Kube ansprach, waren auch sofort dabei. Umfangreicher war dann allerdings die Bürokratie, die es mit den Corona-Abstands- und Hygieneregeln zu bewältigen gab. „Dabei hat uns das Stadtmarketing unglaublich gut unterstützt, die Stadt verzichtet sogar auf die Standmieten“, so Kube.

Für „Stella“ gibt es in Marina auch eine kulinarische Überraschung: eine frische Banane.

Die Idee jedenfalls funktioniert. „Alle fahren hier mit einem Lächeln wieder hinaus“, freut sich Mario Kube. Um 17 Uhr öffnete das DriveIn am Freitag – um 17:01 Uhr fuhr das erste Auto auf den Hafenplatz. Auch „Stella“ ist mehr als zufrieden, als sie auf vier Hufen statt auf vier Reifen das Gelände wieder verlässt und in ihren Stall im Reiterhof am Beversee zurückkehrt. Auf ihrem Rücken lässt sich Besitzerin Leona (12) einen leckeren Crêpe schmecken – auch sie mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

Auch an den nächsten drei Wochenenden hat das DriveIn von Freitag bis Sonntag jeweils von 17-22 Uhr geöffnet – inklusive Marina-Flair und einem garantierten Lächeln.

 




Geschichte und Geschichten hinter den Kulissen der Museumsbaustelle

Im Tante-Emma-Laden herrscht schon gähnende Leere. Auch im Frisörsalon ist alles ausgeräumt. Hinter mancher Ecke stehen hinter Absperrungen Stapel mit Kisten. Viele Ausstellungsstücke sind verpackt und warten auf ihren Umzug. Hinter den Mauern des Stadtmuseums gab es am Sonntag zum Internationalen Museumstag viele spannende und ungewohnte Eindrücke hinter die Kulissen – mit Sicherheitsabstand und Mundschutz, versteht sich.

Der Tante-Emma-Laden ist bereits leer geräumt für die anstehenden Sanierungsarbeiten im „Altbau“.

Das passte allerdings auch zum Ambiente, schließlich stand diesmal weniger die Stadtgeschichte als vielmehr der Neubau samt Sanierung im Mittelpunkt. Der ist nicht weniger historisch als der Inhalt des Museums, erlebt das Gebäude doch aktuell und in den nächsten Monaten eine der größten Veränderungen seiner Geschichte. Dazu gehört nicht nur das, was gerade unübersehbar ist: Der neue Anbau, gerade erst mit symbolischem Richtfest fertig gestellt, für das neue Foyer und großen Veranstaltungsraum inklusive Garderobe, Technikraum und Lüftungsanlage. Ein neues Magazin für die vielen Exponate gibt es auch schon, eine Bühne ist für die Ausstellungsräume in der Galerie vorgesehen, damit hier auch die Kabarettreihe und Kulturveranstaltungen mehr Raum mit besserer Ausstattung haben.

Gerüste am Neubau.

Dafür wird hinter und vor den Kulissen hart gearbeitet. Die Ausstellungsstücke werden dokumentiert, demnächst allesamt verpackt und eingelagert, es wird mächtig geräumt und gebaut. „Wir sind eben eine richtige Baustelle“, schilderte es Museumsmitarbeiterin Ludwika Gulka-Hoell mit viel Herzblut und Vorfreude. „Damit werden wir viel mehr Möglichkeiten haben, die Ausstellungen neu zu gestalten und den Besuchern besser gerecht zu werden.“

Alte und neue Mauern direkt nebeneinander.

Denn zeitgemäß ist die Präsentation der vielfältigen Bergkamener Geschichte nicht mehr. Im Laufe der Jahrzehnte sind viele neue Erkenntnisse und Fundstücke dazu gekommen – aus der Urzeit, aus dem Bergbau, aus dem Mittelalter. Die Räume erlauben es nicht, dass der Besucher alles chronologisch erkunden und verstehen kann. Das soll sich bald ändern. Aktuell braucht es noch einiges an Fantasie, um sich das zukünftige Museumsgeschehen hinter rohen Wänden, eingerüsteten Fassaden und komplizierten Gerüsten für den Notausgang vorstellen zu können.

Einige der Besucher hatten ein Stück Geschichte mit eigenen Erinnerungen mitgebracht. „Hier bin ich noch zur Schule gegangen“, erzählt ein Teilnehmer der Führung – erst in die Schule, dann in die Bergbauschule. Andere der Teilnehmer kennen die Funde im Magazin, weil sie selbst Fundstücke beigesteuert haben. „Es wäre toll, wenn man davon einiges auch bald einmal in den Vitrinen sehen könnte.“

Alt und neu zusammen mit Kunst auf einen Blick: Historisch ist auch ader aktuelle Anblick des Stadtmuseums.

Das Gebäude des Stadtmuseums ist selbst ein Teil der bewegten Bergkamener Geschichte. Den Ursprung lieferte dafür Pfarrer Otto Prein zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als er auf der Suche nach dem sagenhaften Römerlager „Aliso“ eine andere Sensation fand: Das größte Römerlager rechts des Rheins. Damals mussten die ersten Fundstücke im Gasthaus ausgestellt werden. Prein arbeitete eifrig an der Realisierung eines eigenen Museums. Die Dortmunder kamen ihm allerdings zuvor, sicherten sich die Grabungsrechte und auch viele Funde, die noch heute jenseits der Bergkamener Stadtgrenze ausgestellt werden. Erst in den 60er-Jahren wurde der Traum wahr: Beim Bau des Gemeindehauses wurden auch Räume für eine Heimatstube eingeplant, die 1966 den Zusatz „städtisch“ bekam und Anfang der 80er-Jahre zum Museum ausgebaut wurde.

Nach 30 Jahren, neuen Ausgrabungen, dem Ende des Bergbaus und vielen neuen archäologischen Funden ist ein ganzes Stück Geschichte dazu gekommen, das bald mehr und vor allem moderne Räume dazu bekommt. Dann kann sich die Bergkamener Geschichte endlich im rechten Licht präsentieren. Erst einmal steht allerdings ein weiterer großer Schritt bei Sanierung und Umbau an: Am 1. Juni werden die Ausstellungsräume komplett geschlossen. Die Galerie bleibt derweil geöffnet.