„Astoria“: Musikfilm-Utopie mit nachhaltigen Nebenwirkungen

Applaus und stehende Ovationen für die Filmpremiere von „Astoria“ in der Ökologiestation.

Die Welt macht ohnehin, was sie will. Deshalb komponiert Reinhard Fehling. Um sich „eine Welt nach meiner Vorstellung zu schaffen“. Schon immer und mit gewaltigem Erfolg. Jetzt kann sich jeder seine Utopie mit nach Hause nehmen. Als Film randvoll mit noch viel mehr musikalischen Utopien. Allerdings: Utopie ist Utopie und bleibt es auch. Die Welt macht eben doch, was sie will. Nicht nur am Ende des Films „Astoria“, auch rund um dessen Entstehung. Aktueller hätte die Filmpremiere am Samstag in der Ökologiestation nicht sein können.

Gesang mit Hingabe.

Einfach einen eigenen Staat gründen, eigene Regeln aufstellen und der Schönheit des Lebens huldigen. Wie wunderbar wäre das? Eine Weile macht das Spaß und funktioniert prächtig. Dann schlägt der Humor in Ironie und Sarkasmus um, wenn dem Landstreicher Hubka und der Gräfin Gwendolyn ihr Staat entgleitet. Die armen Massen strömen herbei und stürmen als Flüchtlinge die Botschaft. Faschistoide Manieren halten Einzug, aus der harmonischen Gemeinschaft wird ein korrumpierter Polizeistaat reduziert auf den Staatsapparat. „Das größte Übel ist die Zufriedenheit“ singen alle zusammen, bevor die Blase zerplatzt. Was sich dort in Farbe in der Utopie und Realität abspielt, wird lakonisch musikalisch aus dem Schwarzweiß des brechtschen Musiktheaters kommentiert. Ein Hauch von ironischer Musikrevue mit bitterem Beigeschmack und angedeutetem Schulterzucken.

Engagierte Solisten.

Weil drumherum eben genau das passiert, was dort filmisch auf die Spitze getrieben wird. Schon bei der Entstehung des Films auf dem Gelände der Ökologiestation übernahm die Realität die Regie. Schulklassen mussten „Pipi“ und platzten auf der Suche nach Erleichterung in die Dreharbeiten. Da wurde der Kompositeur wieder zum Lehrer und fand geduldig Abhilfe. Schmiedekurse entpuppten sich als zu lautstarke Realität: Die Utopie konnte nur gerettet werden durch Zwangspausen für angehende Schmiedekünstler. Zwangspausen ohne Ende dann auch für die Premiere: Corona verhinderte die erste Premiere, das Proben und überhaupt fast alles. Eine Parallel-Utopie wurde wahr: Im Ausweichprobenquartier auf Gut Velmede wuchsen enge Freundschaften mit den Besitzern.

Die Utopie und ihre Chancen

Reinhard Fehling in Aktion.

Utopie muss aber nicht immer Utopie bleiben. Sie hat ihre Chancen, wie dieses außergewöhnliche Filmprojekt zeigt. Überzeugung und Begeisterung stecken an – handfest forciert von überirdischem Können und nicht weniger versierten Mitstreitern. Wie Reinhard Fehling die brutale Realität von Jura Soyfer und seinem Theaterstück samt tödlichem Ende in Buchenwald in die filmische Gegenwart holt: Ihm gelingt federleicht, was bei anderen nur schiefgehen kann. Drumherum drapiert er Lieder im Live-Konzert nach Stummfilmmanier, die passender nicht hätten sein können. Auch hier ist alles selbstkomponiert. Auch hier ist alles Utopie. Die Texte kommen von Goethes Erkönig bis zum verkannten DDR-Poeten Gerhard Gundermann und hämmern sich mit Heavy-Metall-Akzenten und „Flaschengeistern“ bissig in die Gehirnwindungen hinein.

Erst Konzert, dann Filmpremiere.

Eine tollkühne Melange, die nur begeistern kann. „Die letzten Heuler“ als Chor, die euphorisch agieren. Namhafte Schauspieler wie Claus-Dieter Clausnitzer, Barbara Blümel oder Michael Kamp und Lokalmatador Bernd Böhne, die mit ansteckender Spielfreude dabei sind. Grandiose Musiker wie die „Wilden 7“, seit ewigen Zeiten und Uni-Tagen treue Wegbegleiter. Sponsoren und Stiftungen. Und die Zuschauer, die aufstehen und jubeln, als der symbolische Vorhang gefallen ist.

Utopie oder doch nicht? Am Ende landet „Astoria“ doch in der 2. Reihe.

Bleibt am Ende doch nicht alles Utopie? „Kennen Sie fröhliche Lieder?“, fragte Reinhard Fehling zu Beginn. Er gibt gleich selbst die vieldeutige Antwort: „Ich nicht“. In der Ukraine marschieren Armeen auf. Flüchtlingsmassen sind unterwegs, Enthüllungsreden werden gehalten, es gibt massenweise Ehrenworte und Heimatgefühle ohne Heimat: Der Film ist Realität. So ganz will man es ihm aber nicht abnehmen, wenn man die Freude sieht, die dem Projekt aus allen Poren quillt. So bleibt eben jeder am Ende mit seiner eigenen Utopie zurück. Und das ist vielleicht auch gut so, weil Überleben anders nicht möglich ist. A propos Utopie: Das Projekt ist noch nicht ausfinanziert und kann noch mehr gebrauchen als milde Gaben im herumgereichten Hut…

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