Mini-Zirkusstars begeistern in der Manege

Die Nagelplatte ist ein Kinderspiel. Auf dem Scherbenteppich hüpfen sie, als wäre er aus Watte. Sie turnen in luftiger Höhe und balancieren federleicht über Seile. Die Kinder der Freiherr-von-Ketteler-Grundschule in Rünthe sind todesmutige Artisten. Seit genau einer Woche.

Fakirkunst vom Feinsten im vollbesetzten Zirkuszelt.

Clowneske Seiltänzerei, die begeistert.

Keines von ihnen hat zuvor jemals Schwerter in eine Kiste gesteckt oder mit Feuerfackeln jongliert. Als Clowns waren die wenigsten je in einer Manege und brachte Hunderte von Zuschauern zum Lachen. Was sie in den vergangenen sieben Tagen gelernt haben, ist mehr als nur Zirkuskunst. Da steckt einiges für’s Leben drin, wenn gemeinsam im Schwarzlicht getanzt oder am Trapez unter der Zirkuskuppel der eigene Schweinehund überwunden wird.

Feurige Darbietungen.

Manche Lehrer kommen zu uns und fragen, was wir mit den Kindern gemacht haben – viele von ihnen zeigen hier ganz verblüffende Fähigkeiten“, schildert Zirkusdirektor Lars.  Wer sonst im Sportunterricht fast panisch am Kurselkopf scheitert, der springt in der Manege wie ein Floh über das Seil. Schüchterne und Zaghafte entfalten als lustige Clowns schauspielerische Unterhaltungstalente. „Die Kinder erfahren hier viel über sich selbst – und wir über sie“, erläutert Schulleiterin Heike Prochnow. „Wir erleben hier auch, dass der Zusammenhalt in den Gruppen noch viel enger wird – und das jahrgangsübergreifend“, ergänzt sie. „Die Kinder müssen sich in der Manege aufeinander verlassen – das schweißt zusammen.“

In der Zirkusmanege bei Null anfangen

Gemeinsame Performance im Schwarzlicht.

Genau das ist das Konzept von Zirkus Phantasia. Seit das Zirkusteam am Samstag vor einer Woche sein Zelt mit der Hilfe von 60 Eltern aufgebaut hat, gelten ganz andere Regeln als im Schulalltag. „Wir brechen die Klassenverbände auf“, erzählt der Zirkusdirektor. „Die Angst bleibt draußen vor dem Zirkuszelt. Kinder werden heute oft unterschätzt. Wir lassen sie hier einfach machen“, schildert er. „Das ist für viele auch eine Chance. Wir kennen sie nur so, wie sie bei uns in der Manege stehen – nicht aus dem Klassenraum und auch nicht aus ihrem familiären Umfeld. Sie können bei uns quasi bei Null anfangen.“

Mutig und hochkonzentriert mit der Feuerfackel.

Der Zirkusdirektor ist gelernter Schauspieler und Regisseur, hat im Heidepark Soltau Aufführungen inszeniert. Dann heiratete er in die Zirkusfamilie ein. Jetzt ist die Arbeit mit Kindern nach eigenen Konzepten seine Welt. Eine Welt, in der die 215 Kinder der Schule mit Haut und Haaren abgetaucht sind. Übrigens schon zum zweiten Mal. Viele ehemalige Zirkusartisten, die schon vor vier Jahren das Projekt mitgemacht haben, waren jetzt unter den Zuschauern. Das Erlebnis prägt – über Jahre hinweg. Deshalb ist das nächste Zirkusprojekt auch schon gebucht, für das Jahr 2021.

Am Samstag halfen die Eltern wieder mit, um das Zirkuszelt abzubauen. Für viele war dabei eine große Portion Wehmut im Spiel. „Es wird komisch sein, wenn die Wiese hier leer sein wird“, meint die Schulleiterin.




Bergkamener Künstler schlagen Brücken und setzen wieder eine Wegmarke

Wegmarken setzen sie jährlich. Ausschließlich mit Kunst. In diesem Jahr sind es Briefe im Briefkastenschlitz, Schläuche am offenen Herzen, gleich mehrere Flugzeuge am Berliner Himmel oder Dortmunder Bauwerke. „Brücken“ lautet die Wegmarke 2018 und damit das Thema der Jahresausstellung der Künstlergruppe Kunstwerkstatt sohle 1.

Knoten mit Taschentüchern: spannend war die Ausstellung in der Ausstellung von den Preisträgern des Wettbewerbs der Kunstwerkstatt sohle 1.

Dieter Treeck schlug bewährt vielschichte verbale Brücken zum Auftakt der Vernissage im Bergkamener Stadtmuseum.

Einige Brücken haben es nicht an die Ausstellungswände geschafft. Sie sind im Mund von Dieter Treeck geblieben. Zum Glück, denn so konnte er auf bewährt süffisante Weise der Vernissage im Stadtmuseum noch seine persönliche Note mit auf den Weg geben. Immerhin hatte er seine ganz eigene „Brückenkatastrophe“ als Röntgenbild verewigt. Auch für die übrigen verbalen Brücken fand er lebhafte sehr persönliche Bilder. So warten in Budapest bereits poetische Brücken auf Dieter Treeck. In einem der berühmten Cafés, wo er schon vor einiger Zeit einen literarischen Brückenschlag auf eine bekleckerte Serviette kritzelte. Oder der dichterische Brückenschlag mit Künstlerkollege Egon Piepenbrink, der mit einer Zufallsbekanntschaft auf Lanzarote begann und in einem Faxduell der Gedichte mit mehr als 2000 Produkten endete.

Da werden auch symbolisch zwischenmenschliche Brücken geschlagen.

Ausloten, strapazieren, interpretieren sollen die Künstler die jährliche Wegmarke, so der Beigeordnete Marc Alexander Ulrich. Brücken bauen, schlagen, verbinden: Das sind nur einige Ergebnisse, die es bei dieser Herausforderung an die Ausstellungswände geschafft haben. Da sind die optimistischen Brücken, die sich ein wenig verrückt aus rostigem Stahl erheben. Da sind Brücken der Hoffnungslosigkeit, von denen die Menschen ins Nichts purzeln. Die eingestürzte Brücke von Mostar, Brücken, die aus Schläuchen zum Herzen geschlagen werden oder die Luftbrücke von Berlin: Es sind historische Schlaglichter, Momente aus dem Alltag, Symbole und direkte Abbildungen, die in allen Materialien, Formen und Farben in der Galerie sohle 1 zu sehen sind.

Die Preisträger und Teilnehmer des Wettbewerbs „Knoten“.

Doch die Ausstellungseröffnung hatte neben der brückenschlagenden musikalischen Begleitung des Hammer Duos „Kim und Partner“ noch mehr zu bieten: Eine Ausstellung in der Ausstellung. „Wir wollten endlich den Knoten der Isolierung und Abgeschiedenheit durchschlagen“, schildert Vorstand Silke Kieslich die Motivation, einen Wettbewerb samt Preis auszuloben. Anlass dafür war das 20-jährige Bestehen der Kunstwerkstatt im vergangenen Jahr. „Knoten“ lautete dabei das Thema. Beteiligt haben sich viele. Mit Wanderstockknoten, Knoten gegen das Vergessen als Mobilé, Weiberknoten, Knotenpunkten oder Versen in Taschentuch-Knoten bewarben sich die Teilnehmer, die überwiegend Frauen waren. Die drei Preise gehen an: Ilse Hilpert, Margarete Eppendorf und Elisabeth Lea. Weitere Werke werden von Elke Bussemeier, Karin Felgenhauer, Sigrid Geerlings-Schake, Dieter Paetzold und Germaine Richter gezeigt.

Briefe als Brücken der anderen Art.

Es gab aber auch noch einen traurigen Moment bei der Vernissage. Ein Gedenkmoment war den kürzlich verstorbenen Gründungsmitgliedern Gisela Schmidt und Theodor Wiese gewidmet. Die Jahresausstellung endet mit der Finissage am 22. Juli.




Finale beim Hafenfest mit schwimmenden Bienen und kenternden Häusern

Die echten Bienen hielten sich beim Hafenfest zum Glück zurück. Die schwimmenden dagegen gaben richtig Gas. Zwei Wochen lang haben die Nachwuchs-Imker des Imkervereins Bergkamen-Wischerhöfen gesagt, genagelt, getackert, geklebt und genäht, um eine idyllische Blumenwiese auf das Hafenwasser zu zaubern. Denn beim Flying Dutchman-Wettbewerb geht es nicht nur um den offensichtlichen Spaß. Da ist auch eine politische Message mit im Spiel.

Die Flying Dutchman bei ihrer Parade durch das Hafenbecken.

Die Bienen und Imker sind auf ihrer Wiese auf dem Weg ins Ziel.

„Wir wollen natürlich auch auf die Situation der Bienen aufmerksam machen“, erzählt der Sprecher. Die fleißigen Obstproduzenten haben es gerade nicht leicht: Milben, Pestizide, eigenartige Viren. Dagegen gibt es immer mehr jüngere Menschen, die das Imker-Metier begeistert. Der Verein erlebt gerade einen Generationenumbruch und freut sich über 50 Mitglieder. Da macht es umso mehr Freude, zum ersten Mal in dieser Konstellation in See zu stechen. Dass es dabei schon mal eine Ladung Wasser aus der benachbarten Neandertalergemeinschaft oder vom sinkenden Haus gibt, gehört bei diesem Wettbewerb zum guten Ton.

Viel los war auch am zweiten Tag beim Hafenfest. Für die Lebensretter vom DRK, der Feuerwehr, dem THW und der DLRG waren die Einsätze bei Hilfeleistungen dennoch übersichtlich.

Wer nun den lautesten Applaus geerntet hat und damit zum Sieger gekürt wird, ist eigentlich völlig egal: Gewonnen haben irgendwie alle. Auch die Bienen, denn einigen von ihnen wurde es mit den Menschenmengen dann doch zu bunt und sie stachen zu. Das bescherte den Helfern vom DRK eine von wenigen Hilfeleistungen. Fünf Erstversorgerteams waren über das Gelände verteilt, dazu gab es zwei Unfallhilfsstellen, zwei Rettungswagen und unzählige Boote von der DLRG und vom THW. „Es war im Verhältnis gesehen relativ ruhig“, interpretiert ein DRK-Leiter die Zahlen. 30 Einsätze am Samstag, darunter 5 ernstere Vorfälle mit Rettungswageneinsatz sind bei solchen Menschenmengen fast normal. Kreislauf, Schnittwunden, Blasenpflaster: Es waren eher die kleineren Hilfeleistungen, die gefragt waren.

Früh übt sich, wer später mal Bootsbesitzer sein will. Auch dazu gab es Gelegenheiten genug.

Kein Wunder, war das Wetter doch bis auf den Freitag hochsommerlich bombastisch und die Stimmung entsprechend gelöst. Irish Folk, Shanty Musik, musizierende Boote und eine musikalische Einheit für die Kinder: Es waren einmal mehr Heerscharen von Menschen auch im Piratenlager oder auf der Wiese mit dem Kinderspaß unterwegs. Zusätzlich hatten einige Boote ihre Kajüten geöffnet und zur Besichtigung eingeladen. Wer das nötige Kleingeld dabei hatte, konnte sich also spontan mit einem schwimmenden Untersatz versorgen. Oder wenigstens einmal in einem nagelneuen Exemplar Probe sitzen. Rundfahrten mit der Santa Monica, ein Drachenboot-Rennen nach dem nächsten: Es war auch am zweiten Tag schwer, alle Programmpunkte zu erwischen.

Zum Glück gibt es ja das nächste Hafenfest, um das Versäumte nachzuholen…




Mit Düsen, Paddeln, Lanzen und Rädern im Hafen flanieren

Tolle Kulisse: Das Feuerwerk sorgte für farbenprächtige Malereien am Hafenhimmel.

Will geübt sein: Synchrone Zusammenarbeit beim Drachenbootrennen. Zwölf Teams haben es versucht.

Normalerweise schwingen sie den Tennisschläger und nicht das Paddel. Gerade einmal eine Stunde haben sie trainiert. Wie die vielen Paddel synchron ins Wasser stoßen, am besten noch passend zum Takt der Trommel ohne sich dabei zu verheddern: Das ist schon eine Kunst. Dabei möglichst schnell vorwärts kommen und nicht im drubbeligen Hafenwasser kentern: Die Mädels vom TV Blau-Weiß Bergkamen versuchen das beim Hafenfest 2018 zum ersten Mal und gar nicht schlecht.

Im Ziel: Das ist gar nicht so leicht, wenn schon nach kurzer Zeit die Arme am Paddel schwer werden.

Den ersten Lauf haben sie jedenfalls gewonnen. Die beiden nächsten liefen dann nicht so gut. Aber immerhin: Weniger als eine Radionachricht brauchen sie, um ins Ziel zu kommen. Eine Minute und 22 Sekunden können sich sehen lassen. „Man muss sich dabei aufeinander verlassen, eine Einheit bilden – das macht großen Spaß!“, sind sich alle einig. Allerdings: „Bis zur 150-Meter-Marke ist alles noch in Ordnung, dann werden die Arme richtig schwer und es wird verdammt hart.“

Und ab ins Wasser: Beim Fischerstichen das Ziel der acht Teams.

Wie schwierig es sein kann, auf einem gepolsterten Steg auf einem Boot über dem Wasser zu schwanken und dabei mit einer ebenso verpackten Lanze den Gegner ins Wasser zu befördern, das erlebten auch „die Wemser“. Sie traten zum ersten Mal beim Fischerstechen im Hafenbecken an. „Mein Verlobter hat hier im vergangenen Jahr mitgemacht – und damals gab es nur eine Frauenmannschaft“, schildert Maria Luisa Hammer. „Das wollten wir ändern!“, betont sie. Ein einziges Mal haben sie bisher auf dem schmalen Balken mit der Lanze balanciert – als Trainingseinheit. „Wir vertrauen auf unser Naturtalent“, erläutert das Trio mutig. Badeanzüge und Bikini unter dem T-Shirt vom VFL Kamen und viel Selbstvertrauen: Fertig ist die Vorbereitung der Frauen, die sonst den Badminton-Schläger im Griff haben. „Beim Training sind wir trocken geblieben“, sind auch die Teamkolleginnen Sandra Bescherer und Evi Niemeyer zuversichtlich. Bei den ersten Duellen bleiben sie das auch.

Voll war es beim Hafenfest in allen Winkeln – außer auf den Booten.

Erstaunlich ruhig bleibt es zumindest tagsüber im Einsatzzentrum des DRK. Auf den bereitgestellten Liegen hat sich noch niemand von einem Hitzeschock, Insektenstich oder zu viel Alkohol erholen müssen. Das wird sich am Abend ändern, da sind sich alle sicher. Mit 26 Kräften sind die Lebensretter angerückt – so viele wie noch nie. Gegenüber hat die Feuerwehr ihr Lager aufgeschlagen, das THW und die DLRG sind ebenfalls im Einsatz. Zusätzlich ist noch ein Sicherheitsdienst gebucht. Die Sicherheit nimmt ein eigens Quartier auf dem Hafengelände ein, die Terrorgefahr hat die Bestimmungen verschärft. Am Eingang werden Rucksäcke untersucht, es blockieren Lieferwagen die ungebremste Durchfahrt.

Klettern im Piratenlager – eine Herausfoderung von vielen.

Im Piratenlager ist Schlange stehen angesagt. Zu viele Schatzsucher sind ausgeschwirrt, um sich die Belohnung zu erklettern oder zu erwerfen. Nebenan fällt der Startschuss für den Hafenlauf: In Windeseile stürmen die Läufer davon, um sich kurz darauf schon ihre Urkunden zu holen. Mitten drin sind Drum-Spieler unterwegs, Luftballons steigen auf, Jazz-Klänge erklingen zwischen Street-Food-Wagen, die Schreberjugend tanzt und singt. Fahrräder radeln über den Kanal. Die Ente auf dem Steg schaut nur kurz irritiert auf, als die Düsen geräuschvoll anspringen und ein Mensch auf Wasserfontänen an ihr vorbei über das Hafenbecken schwebt. Sie schläft dann aber gelassen weiter.

Burning Heart lockte wieder Menschenmassen auf den Hafenplatz.

Bis zum Feuerwerk. Dann ist es endgültig vorbei mit entspannten Schläfen. Auf den Booten haben es sich manche mit einem Cocktail oder Bierchen gemütlich gemacht. Wie das französische Geschwisterpaar. Sie haben sich zu einem langen Wochenende in der Marina getroffen, wo das Boot seit drei Jahren liegt. Der Bruder kommt aus Amiens, die Schwester lebt in Nürnberg. Das Boot ist deutsch. Und demnächst treffen sich alle in Paris. Richtig europäisch eben. Sie stoßen an, als die ersten Raketen in die Luft schrauben, rufen begeisterte „Ooohs“ und „Aaahs“, als sich funkelnde Gebilde am Himmel bilden. Dann dreht „Burning Heart“ richtig auf und lässt den knallvoll gefüllten Hafenplatz beben. Nur ein paar Stunden hat die Marina Zeit, ein wenig durchzuschnaufen. Dann kommen schon wieder die nächsten Menschenmengen, denn hier ist das ganze Wochenende Programm beim Hafenfest.




Mit Seifenkisten-Virus Grand Prix Punkte sammeln

Der eine sitzt in seiner Zinkwanne mit einer Fliegermütze auf dem Kopf. Der nächste schaut mit einer Fliegerbrille aus der umgedrehten Zinkwanne heraus. Andere müssen im wahrsten Sinne die Beine in die Hand nehmen, um in ihre Seifenkiste zu kommen, die einem fast realen Lkw nachempfunden ist. Wieder andere können nur über die Nasenspitze hinweg die Strecke überhaupt erkennen. Auch beim 34. Seifenkisten Grand- Prix in Oberaden war für jeden Geschmack etwas dabei.

So sehen hochgradig mit dem Seifenkisten-Virus Infizierte aus: Auch eine Zinkwanne kommt mit beachtlichem Tempo ins Ziel.

Von jetzt an geht es immer nur bergab: Auf der Alisostraße nehmen die Seifenkisten nach dem Start von der Rampe ordentlich Fahrt auf.

Weniger als 30 Sekunden dauert es, wenn alles gut läuft. Die 15 Jahre alte, selbst gebaute Rampe hebt die Seifenkisten in die Höhe. Von da an geht es auf der Alisostraße nur noch bergab. Auf die Bremse steigt jeder erst, wenn die Lichtschranken längst durchquert sind. Bis dahin ist pures Adrenalin in den Adern unterwegs. Der Virus kann sich voll entfalten

Die Beine in die Hand nehmen muss Peter Szabowski, um in seine selbstgebaute Seifenkiste zu klettern.

Wie bei Peter Szabowski. Eigentlich war es die Tochter, die vor drei Jahren unbedingt eine eigene Seifenkiste haben wollte. „Das hat dann so viel Spaß gemacht, dass ich mit eingestiegen bin“, erzählt der Familienvater aus Billerbeck. Nicht nur das. Er hat auch seinen Chef mit seiner Begeisterung angesteckt. Der war Feuer und Flamme, dass sein Mitarbeiter den eigenen Firmenwagen des Fensterbetriebes in ein Seifenkisten-Pendant verwandeln wollte und sponserte das ungewöhnliche Unternehmen. Sechs Wochen hat Peter Szabowski aus Dachlatten und Sperrholz einen Mini-Lkw gezimmert, der allen Anforderungen einer Seifenkiste genügt. Welche Regeln dafür genau gelten, „dass mussten wir erstmal im Internet recherchieren“, erzählt er lachend. Stattliche 75 Kilo wiegt das Ergebnis. Es fährt ebenso respektable Erfolge ein. Im 2. Rennen Rang 2 und 3 können sich sehen lassen.

Außergewöhnlicher Zusammenhalt

Und schon im Ziel: Das kann schon mal weniger als 30 Sekunden dauern.

87 Teilnehmer waren einmal mehr nach Oberaden gereist, um hier in fünf Klassen bei den Junioren, Senioren, in der Elite XL- und Elite Ü18- sowie in der Open Class die Gewinner und Wertungen für den Deutschen Seifenkistenderby auszufahren. Die weiteste Anreise hatten Seifenkisten-Sportler aus der Eifel. Sie alle haben eines gemeinsam. „Wir sind alle irgendwie ein bisschen bekloppt“, meint Norbert Schröer. Er ist der 2. Vorsitzende des Seifenkistenverbandes NRW und ist ebenfalls über die Tochter an den unheilbaren Seifenkisten-Virus gekommen. Bekannten waren eigentlich gekommen, um Geburtstag zu feiern, ließen aber mit einer simplen Frage den Virus los: „Willst Du nicht mal mitfahren?“ Noch in der Nacht war entschieden: Die Tochter wollte. Sie ist heute 27 Jahre alt und fährt immer noch. Der Vater ist schon seit 2002 Funktionär und inzwischen der Vorsitzende des größten Seifenkisten-Vereins in Deutschland in Mettingen.  „Es ist der außergewöhnliche Zusammenhalt. Viele Familien fahren schon in der dritten oder vierten Generation“, erzählt er, der noch nie in einer Seifenkiste gesessen hat. „Da passe ich gar nicht rein“, sagt er lachend.

Auch für das Rahmen-Programm sorgt die Seifenkisten-Familie wie hier beim Kinderschminken.

Ein bisschen verrückt müssen auch alle sein, die jedes Wochenende in ganz Deutschland mit den zumeist selbst gebauten Gefährten unterwegs sind. Zumal hier nicht nur viel Sportsgeist gefragt ist, wenn die Fahrzeuge immer wieder den Hang hinaufgezogen werden müssen. „Wir mussten jetzt auch zum ersten Mal Autos auf beiden Seiten der Strecken als Sperren querstellen – aufgrund der Terrorgefahr“, erzählt Organisator Michael Sulitze. Dafür hat diesmal das Wetter mehr gehalten als versprochen: Immerhin am Vormittag war es sonnig und trocken – bevor am Nachmittag die dicken Regenschauer kamen.

 

Abmarsch: So schnell es hinunter geht, so mühsam geht es wieder hinauf zur Startrampe.

Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk, Feuerwehr und Stadt: Viele Helfer trugen wieder dazu bei, dass die jahrzehntelange Seifenkisten-Tradition in Bergkamen am Leben gehalten wird. Kuchen backen, Kindergesichter verzieren, Tombola organisieren, die Strecke absperren, Zeiten nehmen: Es gibt viel zu tun bei einem Seifenkisten Grand Prix. Zum ersten Mal dabei war diesmal ein Fahrsimulator, der nicht nur auf dem Bildschirm echtes DTM-Feeling aufkommen ließ. Das Fahrzeug schleuderte auch fleißig mit, wenn es zu heftig in die Kurve ging. Hier konnte mancher Seifenkisten-Pilot schon einmal seine Qualitäten für motorisierte Alternativen testen.




Beim 31. Kite-Festival tanzen nicht nur „Mückenschwärme“ über dem Kamener Kreuz

21 Meter lang ist er, 8 Meter breit und er nimmt 850 Quadratmeter Raum ein. Dreieinhalb Monate lang hat Sven Groß an „Dino“ dem Drachen genäht, mit einer ganz gewöhnlichen Nähmaschine. „Jedes Wochenende, manchmal bis 5 Uhr morgens“, erzählt der angehende Fahrlehrer, bevor eine gewaltige Böe durch den Spinnaker-Stoff fährt und ihn am straff gespannten Seil ein paar Meter mitzerrt.  Auch beim 31. Internationalen Drachenfestival Kite ist alles wie gehabt. „Wir Drachenfreaks haben alle einen kleinen Knall – anders geht es gar nicht“, sagt Sven Groß und rutscht noch ein paar Meter über den Rasen hinter seinem Riesen-Dino her.

Der Himmel in Kamen war am Wochenende voller fantastischer Kreaturen.

Sven Groß mit seinem Riesendino.

Eingefangen hat er sich den Drachen-Virus bei der Bundeswehr 1999. „Damals war es einfach langweilig“, erzählt er grinsend. Der Infekt ist nachhaltig geblieben: Bei seinem ersten Besuch auf dem Kamener Kite-Festival hat Sven Groß einen Anhänger dabei, der bis oben hin ausschließlich mit selbstgemachten Drachen gefüllt ist.

 

 

Nachbauten von historischen Fluggeräten konnten ebenfalls bestaunt werden.

Ein Anhänger reicht für die Sucht von Jan Borsboom schon nicht mehr aus. Er ist einer ganz besonderen Drachen-Disziplin restlos verfallen. Nachbauten von historischen Fluggeräten sind seine Passion. 17 Exemplare hat er schon originalgetreu rekonstruiert. Gerade holt er ein Konstrukt aus seinem Kofferraum, dass 1892 etwas größer im Original existiert hat. Drei Monate hat auch er gebraucht, bis aus Baumwollstoff, Holz und Leder etwas entstanden ist, das vor weit mehr als 100 Jahren zu den ersten Objekten gehörte, die fliegen konnten. „Ich brauche nur ein Foto und dann geht es los – ich baue es schichtweg nach“, erzählt der Niederländer, der zum ersten Mal den Weg auf das Kamener Drachenfestival gefunden hat. Er ist wie alle anderen in halb Europa unterwegs, um der Drachenlust freien Lauf zu lassen.

Ein bisschen verrückt sind sie alle

Teamarbeit ist auch bei diesen Drachfans aus Mühlheim gefragt.

Heiko Albers kommt mit seiner Truppe aus Mühlheim schon seit zehn Jahren an das Kamener Kreuz. 50 Drachenfeste stehen alljährlich auf dem Programm des Quartetts, das früher mit acht Gleichgesinnten unterwegs war. 250 Drachen haben sie dabei. „Ungefähr“, relativiert Heiko Albers, vor dessen Wohnwagen zusätzlich hunderte Windspiele und Fahnen im straffen Wind wehen. „Wir haben für jede Windstärke Expemplare dabei – auch welche mit Motor“, erzählt er. Auch er ist sich sicher: „Drachenflieger sind alle verrückt“. Ein Lachen kann er sich dabei nicht verkneifen. Ihn hat der Virus schon als Kind erwischt – mit dem ersten Drachen aus Sperrholz und Mehlpampe. Inzwischen hat er immerhin noch „sechs andere Hobbies“.

Schon die Kleinsten sind vom Drachen-Virus infiziert.

Auf der Flugwiese ist nicht zu übersehen, dass gerade massenweise Nachwuchs für die Drachen-Freak-Gemeinde entsteht. Mit offenstehenden Mündern lassen Kinder ihre mitgebrachten oder gerade erst selbst gebastelten Drachen in den Himmel aufsteigen und verfolgen mit angestrengt herausgestreckten Zungen und riesengroßen Augen, wie die bunten Kreaturen im Wind zappeln. Ein paar Meter weiter vollführen Lenkdrachen regelrechte Tänze am knallblauen Himmel, zusammengesteckte Kunstwerke kreiseln im Wind, Bären, Seepferdchen und Herzen blasen sich ebenso schnell auf wie sie schlaff wieder zu Boden sinken. Es ist ein kunterbuntes Treiben, das schon seit über 30 Jahren fasziniert.

Hoch hinaus ging es für sportliche Kletteraffen.

Ein weiblicher Kletteraffe bekommt gerade Applaus, weil er in höchsten 3 Minuten eine haarsträubend hohe Strickleiter erklommen, an einem Seil in schwindelerregende Höhe hinaufgerobbt ist und schließlich die Glocke fast ganz oben am Kran der Pfadfinder mit einem breiten Grinsen zum Klingen gebracht hat. Andere Kinder erleben jauchzend die erste Karussellfahrt ihres Lebens, einige sehen zum ersten Mal echte Hühner oder klettern verschmiert mit Zuckerwatte in ein verlockend offenstehendes Segelflugzeug. Aus Gesichtern werden mit Schminke Kunstwerke, bei den Funkern piepsen und knirschen die Geräte verlockend und in den Zelten eines Spielwarenanbieters gibt es noch echte analoge Herausforderungen zu entdecken.

Drachensymphonie bei Nacht

Impression vom Nachtfliegen.

Die steigen auch auf, als die Sonne schon längst untergangen ist. Menschliche Körper schweben geisterhaft durch die Lichtkegel, Tauben flattern in der Dunkelheit, Kreisel drehen sich im Wind, bevor das Feuerwerk den Himmel wieder für ein paar Sekunden erhellt.

Steil hinauf in den Himmel, immer in Richtung Sonne: Selbstkonstruierte Kunstwirke tanzen über dem Kamener Kreuz.

Genauso ist Kite: Ein echtes Erlebnis – ob mit oder ohne Windvogel. Da lässt sich Kuchen für eine Spende in selbstgewählter Höhe für den guten Zweck genießen. Die Erlöse gehen an die Deutsche Krebshilfe, die Kuchen sind allesamt von einer Heerschar engagierter junger Frauen selbst gebacken. Da fliegen Frisbees so schnell durch die Luft, dass das Auge kaum hinterherkommt. Der TV Südkamen zeigt, wie es geht. Da tanzen echte Kunstwerke in der Luft und wandeln ihre Muster mit unzähligen kleinen Scheiben, die sich im Wind drehen. Seit 25 Jahren baut Sonja Graichen eigene Drachenkreationen und lässt sie auch in Kamen aufsteigen.

Schade, dass es schon vorbei ist. Wer es verpasst hat, muss nun ein Jahr lang warten…




12. Blumenbörse lockt mit internationalen Überraschungen

Die flauschigen Kiwis kommen mit dem Honig direkt aus Neuseeland. Den Brie haben die französischen Freunde zusammen mit dem Bordeaux in Gennevilliers eingepackt und auf der Blumenbörse in Bergkamen verführerisch auf einem Tisch drapiert. Die Schmalzbrote schmierten die Gäste zwar nicht direkt in Sachsen-Anhalt, aber die Zutaten haben sie aus der Partnerstadt Hettstedt mitgebracht. Neben Blumen gab es auf dem Nordberg am Sonntag viele angenehme Überraschungen.

Blumen gab es auch auf der 12. Bergkamener Blumenbörse auf dem Nordberg.

Ganz schön strecken mussten sich die Teilnehmer für dieses europäische Blumenkunstwerk, dass unter tatkräftiger Mithilfe der Besucher entstand.

Ein kunterbuntes Blumenkunstwerk im Zeichen von Europa beispielsweise. Oder Folklore, die sich nicht nur in der Fotobox verewigen ließ, sondern auch als kulturelles Hobby zu erleben war. Hoch hinaus kraxeln konnten alle quer durch alle Länder Europas, die flinke Füße und griffsichere Hände hatten. Leckereien in allen Variationen, Glücksräder und Rätselspiele, Küken, die vor dicht gedrängtem Publikum aus den Eiern schlüpfen: Auch die 12. Blumenbörse hatte es in sich.

 

 

 

Lecker: Brote mit Brie und Wein und der französischen Partnerstadt Gennevilliers.

Die Organisatoren waren jedenfalls mehr als zufrieden, riss der Strom der Ausflügler und Neugierigen auf dem Nordberg doch nicht ab. „Wir wollen damit auch den Nordberg mehr beleben“, schildert das Team vom Stadtmarketing. Das fulminante Sommerwetter trug mit dazu bei, dass nicht nur die Bergkamener in die Fußgängerzone strömten und zwischen den Ständen flanierten. Auch Besucher aus den Nachbarstädten nutzten das Wetter für eine ausgedehnte Radtour, die gleich zu mehreren Großveranstaltungen führte.

 

Frisch geschlüpfte Küken ließen sich von den vielen Beobachtern nicht beeindrucken.

Die Blumen allerdings gerieten auch diesmal ein wenig zu Nebendarstellern. Die großen Blumenhändler der Region waren erneut nicht mit von der Partie. Wer seinen Garten mit Blüten und Gemüse auffrischen wollte, der hatte trotzdem zahlreiche Gelegenheiten. Tomaten, Gurken, Paprika Melonen: Pflanzen in allen Variationen warteten auf Käufer. Die nahmen meist auch gleich noch ein paar blühende Zierpflanzen mit oder Dekorationen für den Garten. Viele Beutel füllten sich mit frischem Spargel oder frisch zubereiteten exotische Speisen aus Ländern, aus dienen viele Neubürger und Flüchtlinge stammen.

Das Konzept jedenfalls funktioniert – auch mit schrumpfendem Blumenangebot und etwas weniger Blütenpracht. Den Nordberg rückt das Großereignis allemal wieder etwas mehr in den Fokus. Zusammen mit dem verkaufsoffenen Sonntag war ein abwechslungsreicher Ausflug garantiert.




Nicht nur die Errungenschaften der Maloche verteidigen

Hunderte Maikäfer lagen ihnen punktgenau zum 1. Mai zu Füßen. Michael Groschek und eine stattliche Ansammlung von Bergkamenern marschierten bei der 70. Maikundgebung in Oberaden über einen Teppich aus geflügelten Maibotschaftern. Darüber wehten die Fahnen der Gewerkschaften und Parteien, reckten Hände die Banner mit „Solidarität, Vielfalt und Gerichtigkeit“ in die noch leicht verregnete Luft. Auch wenn in Oberaden das 8. Kundgebungsjahrzehnt anbricht, sind bekannte Namen und ein fester Stamm von Demonstranten auf den Beinen.

Traditionell ging es mit einem Umzug durch die Straßen Oberadens. Gut 500 Teilnehmer trafen sich in der Römerbergsporthalle.

Festredner Michael Groschek marschierte gutelaunt mit – zumal der Regenschirm schnell überflüssig wurde.

Helmut Schmidt, Johannes Rau, Peter Schimpf, Eugen Drewermann, Klaus Matthiesen, Franz Müntefering: Die Liste der Mairedner in Oberaden füllen Berühmheiten. Dafür hat sich Willi Null mit seinen Mitstreitern fast schon einmal verhaften lassen. In Berlin fand er sich von den Sicherheitskräften festgesetzt, als er den damaligen Außenminister Joschka Fischer als Redner gewinnen wollte. Bei anderer Gelegenheit musste er mit Helfern in letzter Sekunde ausrücken, um die Plakate zu überkleben: Matthias Platzek, Brandenburgs damaliger Ministerpräsident, hatte ein Hörsturz kurz vor dem politischen Aus lahmgelegt.

Einblicke in eine spannende und lange Geschichte faszinierten.

„Ohne einflussreiche Unterstützung aus dem Hauptvorstand wäre das nicht gegangen“, resümiert Willi Null. Dabei hat sich in 70 Jahren viel verändert. 1948 traf man sich noch um 9 Uhr morgens unter dem Förderturm auf Haus Aden, marschierte hinter die „weiße Kirche“ zur Kundgebung und versammelte sich dann begleitet von Tanzgruppen im Maizelt auf dem Römerberg. Von all dem zeugten die Fotos und Zeitungsausschnitte, die an den Wänden der Römerberghalle hingen. Der Bergbau ist inzwischen längst verschwunden, die Menschenmengen sind geschrumpft und die Themen drehen sich heute um ganz andere Schwerpunkte.

Von Mutterklötzchen zum Grundeinkommen

Michael Groschek spricht die selbe Sprache der Region – mit viel Emotionen.

Die selben Wurzeln, die Bergkamen prägen, hat auch Michael Groschek. Der Landesvorsitzende der NRW-SDP ist in Oberhausen mit „Mutterklötzchen“ und Eierkohle aufgewachsen. Der Opa war in Kriegsgefangenschaft, als in Oberaden die erste Maikundgebung stattfand. Die Oma war froh über ihre Knappschaftsrente, die heute mancher gern hätte. „Der heutige Wohlstand – auch in Bayern – wurde mit Doppelschichten auf unseren Zechen geschaffen“, rief er emotional berührt in die Mikrophone. Die Solidarität des Bergbaus, „dazu müssen wir auch in dieser Gesellschaft kommen“ forderte er. „Wenn wir zulassen, dass der Arbeitsmarkt sich spaltet, kommen manche auf dumme Ideen“, fuhr Groschek fort. Niemand dürfe mit einem Grundeinkommen abgespeist werden, „es geht um das soziale Selbstwertgefühl!“

Wie immer gut gefüllt war die Römerbergsporthalle.

Mehr gute Arbeit braucht es, denn „Arbeit ist Würde, Armut und Arbeit passen nicht zusammen“. Mindestlohn auch für Azubis. Marode Schulen, „Bröckelbrücken“, Baustellen, alltägliche Staus, schlechter ÖPNV: Mehr öffentliche Investitionen will Groschek, „ein starker Staat statt privat vor Staat“. Angesichts von Globalisierung und Digitalisierung müssen „Maß und Mitte durch den Menschen bestimmt werden, die Roboter-Rendite gehört uns“. Die Arbeitnehmerrechte bei der Arbeitszeit „dürfen nie kampflos aufgegeben werden“. Richtung USA fordert er „Wandel durch Handel“. Die Errungenschaften derjenigen, die sich nicht nur in seiner Kindheit in direkter Nachbarschaft „kaputtmalocht haben“ und plötzlich im wahrsten Sinne „weg vom Fenster“ waren, müssen verteidigt werden. Dass der Pfarrer in Oberaden mitmarschiert, ist für Groschek ein Zeichen von Solidarität und christlicher Nächstenliebe, die mit Blick auf Bayern und die parteipolitische Vereinnahmung von Symbolen „zwei Seiten einer Medaille“ seien.

Die Hammelbeine langziehen und „Klare Kante“ zeigen

Sehr engagiert war Lothar Wobedo hinter dem Rednerpult.

„Solidarität, Vielfalt, Gerechtigkeit“: Etwas, das im Bergbau immer ganz selbstverständlich war, betonte IGBCE-Bezirksleiter Lothar Wobedo. Das Ende des Bergbaus hält er immer noch für „falsch, für wirtschaftspolitischen Schwachsinn“. Ungehalten wurde er hinter dem Mikrophon, als er die Teilhabe am wirtschaftlichen Aufschwung ebenso forderte wie eine Anerkennung der Lebensarbeitsleistung und dass „den Ganoven die Hammelbeine langezogen gehören“, die als Firmenriesen nicht zur ihrer Verantwortung stehen.

 

Die Liste der Dinge, die angepackt werden müssen, war bei Olaf Tastler lang.

Lang war auch die Liste der Baustellen im Land, die Olaf Tastler als Vorsitzender des Regionalforums Bergkamen/Kamen identifizierte. „Klare Kante“ gegen Rassismus und die extreme Rechte, Rentensicherheit, betriebliche Mitbestimmung, ein gerechtes Steuersystem, bezahlbare Wohnungen, gute Bildung, ein würdevolles Alter, Abschaffung der sachgrundlosen Befristungen, Niedriglöhne, Löhnlücke bei Frauen, aus der Tarifbindung flüchtende Arbeitgeber und ein bröckelndes Europa: Unter der Aufzählung fand sich vieles, das an diesem Maitag an vielen Rednerpulten zu hören war. „Die Schonzeit für die Arbeitgeber ist vorbei“, forderte Tastler. „All das kann nur ein 1. Schritt sein, die Regierung muss mutiger werden.“

Schaut nach vorn: Bürgermeister Roland Schäfer.

Den Blick nach vorn will Bürgermeister Roland Schäfer auch angesichts einer beeindruckenden 70-jährigen Vergangenheit der Maikundgebung. Der Steinkohlenbergbau verschwindet in diesem Jahr endgültig aus dem Ruhrgebiet. Auch in Bergkamen hatte er für riesigen Strukturwandel gesorgt: Zunächst ab 1890, als die Landwirtschaft den Fördertürmen wich. „Das haben wir nicht vergessen und werden es auch nie vergessen“, so Schäfer. Dass C ist mit Bayer und der Chemie, das E noch mit dem Kohle- und den Grubenkraftwerken in Bergkamen im Namen der IG BCE präsent. „Es geht uns gut in Deutschland – das heißt aber nicht, dass alles in Ordnung ist.“ Im erneuten Strukturwandel nach dem Bergbau habe Bergkamen viel erreicht: „Darauf können wir stolz sein.“

„‘Ne Kelle verdient“ hatten sich nach den Worten Groscheks alle an diesem Tag. Damit war die traditionelle Erbsensuppe gemeint. Vorher gab es noch das traditionelle Gewerkschaftslied und einen kleinen Bergmann samt Plakat für den Festredner.




Exotische Entdeckungsreise beim Food Markt in der Marina

Nicht nur der kleine Besucher machte riesengroße Augen, als er die monströse Zuckerwatte kaum zu fassen kriegte. Die rosa Riesenwolke war fast genauso groß wie er – und er durfte schon auf dem Tresen stehen, um den Zuckertraum in Empfang zu nehmen. Auch die Erwachsenen staunten beim Food Markt in der Marina Rünthe nicht schlecht bei manchen, was sich dort vor ihren Augen auftürmte.

 

Wenn das mal keine riesengroße Überraschung ist: Eine fulminate Zuckerwatte.

Einfach reinbeißen und genießen: Manches hielt Überraschungen für die Geschmacksknospen bereit.

Pommes Frites aus Süßkartoffeln hat das ältere Ehepaar jedenfalls noch nie probiert. „Schmeckt prima“, kommentieren sie die Premiere, zu der sich auch die Sonne vor der Hafenkulisse blicken ließ. Andere zögerten länger, um exotische Speisen wie Milchbällchen in Zuckersirup oder Quesadillas mit Ziegenkäse in einer Sauce aus Walnuss mit roten Feigen zu wagen. Mancher blieb dann doch lieber bei vertrauten Gerichten wie Pasta oder Ofenkartoffeln, auch wenn es dazu stets einen ganz besonderen Akzent gab.

Prost: Bei wunderbarem Wetter schmeckten der Wein und der Burger mit Lachs besonders lecker.

 

Zu bieten hatte der Food Markt jedoch weit mehr als kulinarische Entdeckungen. Ein Hot-Dog-Wettessen beispielsweise, den Auftritt der aus der TV-Show „Voice of Germany“ bekannten Band Poppyfield oder ein Feuerwerk am Samstag. Eine Tombola, Auftritte von Solokünstlern: Bei fast wieder sommerlichen Temperaturen machte es Spaß, zwischen den Ständen zu flanieren und einfach nur mit allen Sinnen zu genießen.

Clowneske Einlagen für die kleinen Besucher gab es am Sonntag.

 

Das konnten auch die kleinen Besucher vor allem am Sonntag. Denn gab der Clown Liar diverse Kostproben seiner Kunst, die vor allem mit in Windeseile zwischen seinen Fingern gezauberten Luftballon-Kreaturen beeindruckte. Andere ließen es sich bei einem Glas Wein oder einem nicht weniger flink geschüttelten Cocktail gut gehen, während sich Burger vor ihren Augen aus rein pflanzlichen Elementen in ungeahnte Höhen türmten. Im Wagen mit japanischem Streetfood stiegen die wohl exotischsten Düfte auf. „Wie scharf ist das denn?“, fragte hier mancher Kunde besorgt, um kurz darauf begeistert zurückzukehren: „Das war einfach köstlich!“

Kühle Erfrischungen vom Cocktail-Stand waren ebenfalls gefragt.

Burger mit Fleisch aus Australien, mit Chilli und gekrönt von Tortillas, Crepes, Chips am Spieß, in fulminanter Weise voluminöse Waffeln oder Wraps mit ungeahnten Inhalten: Auch der zweite Food Markt war ein echtes Erlebnis für alle Sinne.

 

 

 

 

 




Eiskünstler machen die Nacht in der Eishalle zum Tag

Da hatte der Partyfotograf alle reichlich angefrorenen Hände voll zu tun. Denn auf dem Eis spielten sich am Samstag spektakuläre Szenen bei der Eisnacht in der Bergkamener Eissporthalle ab. Mancher hüpfte passend zu den Takten, die Steven Louder auflegte, einhändig über das Eis. Andere wirbelten synchron zur Musik auf dem Rücken herum, überschlugen sich in der Luft oder legten mit ihrer Partnerin einen Tanz auf den Kufen auf das Eis, dass sich manche Olmypia-Sieger die Augen gerieben hätten.

Spektakuläre Einlagen nicht nur für den Partyfotografen.

Hand in Hand unterwegs und die Musik im Rücken wie auch in den Kufen.

Aber auch wer froh war, auf den glatten Eisen einfach nur das Gleichgewicht halten zu können, hatte Spaß in dieser Nacht. Unter dem überwiegend jugendlichen Eisvolk waren auch Läufer deutlich gesetzteren Alters unterwegs und hielten sich glücklich an den Händen. Mutig wurden Bremsungen und Wendungen reaktiviert. Denn schließlich zählt im Scheinwerferlicht mit glitzerndem Eis unter den Kufen auch eines: Gesehen werden und zeigen, was in den Kufen steckt.

Ganz schön was los auf der Eisfläche bei der Eisnacht.

 

 

Denn daran hat sich auch in vielen Eislauf-Generationen nicht viel geändert: An der Bande wird lässig pausiert, geplaudert und der eine oder andere Blick in die Richtung geworfen, wo Gleichgesinnte mit einem Lächeln und eleganter Bremsung das Eis aufspritzen lassen oder eine gewagte Drehung in direkter Nähe riskieren. Spätestens, wenn der eigene Lieblingssong die Eisfläche vibrieren lässt, wird das Herz in die Hand genommen und manches Kufenpaar ist fortan nicht mehr allein unterwegs.

In der Sitzecke hielt es jedenfalls niemanden mehr. Die Eisfläche war von der ersten Minute an heftig strapaziert. Hier galt es nicht nur, fleißig Runden zu drehen, sondern auch Spiele zu bestehen. Außerdem wartete eine große Verlosung auf alle Gäste.

Wer das Eisvergnügen verpasst hat und trotz des langen Winters Lust auf eisiges Vergnügen hat, der hat noch etwas Zeit: Im April wird die Abtauparty gefeiert.

 




Bei Röttger lenzt der Frühling zum Auftakt einer neuen Kulturreihe

Am Morgen hatte Mona Lichtenhof noch die Wintermütze im Morgenfrost aufgesetzt. Abends war sie sich im Gartencenter Röttger sicher: „Er ist‘s!“ Schließlich hatte sie gerade mit dem „Kamin-Ensemble“ mehr als überzeugend den Frühling herbeigesungen. Auch die vielen Blumen im Gartencenter hofften, dass es jetzt endlich soweit ist und der Frühling pünktlich zum Frühlingskonzert tatsächlich endlich vor der Tür steht.

Weckte Frühlingsgefühle unter Palmenwedeln: Mona Lichtenhof und das Kaminensemble.

Gut besucht war das Gartencenter Röttger unter dem Motto „Blume trifft Kultur“.

Dass die Bergkamener sehnlichst auf den Frühling hoffen, war jedenfalls nicht zu übersehen. Alle 100 Sitzplätze im Gartencenter waren ausverkauft. Dabei hatten alle Beteiligten im Vorfeld noch Blut und Wasser geschwitzt. „Vor einer Woche war draußen noch alles weiß“, schildert Claudia Röttger das Wetterdrama. „Wir hatten wirklich Sorge um das Frühlingskonzert!“ Sorgen haben aktuell alle, die mit Blumen und Floristik zu tun haben. „Die Pflanzen sind in den Gewächshäusern längst aufgeblüht und stehen bereit“, erläutert die Gartencenter-Chefin das Wetterchaos, das auch für sie finanzielle Einbußen bedeutet. „Unser ganzes Mitarbeiter-Team wartet ungeduldig und die Sonne will einfach nicht herauskommen.“ Blumenpracht auf der einen Seite, eisige Winterverhältnisse draußen vor der Tür auf der anderen Seite. So spannend hat es der Frühling selten gemacht.

Claudia Röttger begrüßt die Gäste.

Am Samstag hatte er jedenfalls ein Einsehen und schickte immerhin zarte Sonnenstrahlen und eine Ahnung von Frühlingsluft aus. Erleichterung auch bei Detlef Göke, der die Veranstaltung unter dem Motto „Blume trifft Kultur“ arrangiert hatte. Claudia Röttger hatte ihn angesprochen, als die Veranstaltungsreihe mit Mona Lichtenhof & Co. im Standesamt sich zu einem Publikumsrenner entwickelt hatte. Auch im Gartencenter soll es jetzt eine kleine Kulturreihe geben. Die Premiere mit dem „Kamin-Ensemble“ schlug bereits ein: „Die Karten waren schnell weg, ohne viel Werbung“, freut sich Detlef Göke.

 

Der Frühling lenzt und Veilchen kränzen

Gut gelaunt war auch Ilka Weltmann mit nicht weniger schwungvollen Texten.

Kein Wunder, schließlich sind Mona Lichtenhof, Dieter Dasbeck, Norbert Grüger und die Literatin Ilka Weltmann längst eine feste Größe im regionalen Kulturleben. Mit einer beschwingten Mischung aus Liedern, Gedichten und Geschichten verliehen sie auch den zarten Frühlingsgefühlen gehörigen Schwung. Da fiel zwar immer noch Schnee, aber immerhin mit den Worten und Tönen Peter Maffay auf Rosen. „Wochenend und Sonnenschein“ ließen die Füße wippen. Und wenn Heinz Erhardt zu Ostern abermals von Cornelia versetzt wurde, lenzte in den Worten von Friederike Kempner wieder der holde Frühling und nicht nur Veilchen kränzten die Menschen.

Tonkunst zwischen Palmwedeln: Norbert Grüger hatte sogar Gedichte selbst vertont.

Bei Röttger warteten auf alle Besucher farbenprächtige Primeln auf jedem Stuhl, leckeres Fingerfood, Wein und Cocktails. Und die Gewissheit, dass der Frühling an diesem Abend so lang im Gartencenter blieb, wie die Gäste Lust auf ihn hatten. Denn schließlich „macht der Frühling mit uns etwas“, versicherte Mona Lichtenhof und hielt viele Überraschungen bereit. Angefangen bei der Premiere für ein von Norbert Grüger selbstvertontes Gedicht von Eduard Möricke bis hin zur spontanen Ersten Hilfe mit dem Mikro, wenn die Technik kurzfristig zwischen den Palmenblättern und Blumenkränzen Mühe hatte, aus dem Winterschlaf zu erwachen.

Fortgesetzt wird die Kulturreihe im Gartencenter Röttger am 26. Mai Mit einer Modenschau mit Schnückel unter dem Sonnensegel. Ein konkreter Termin wird noch für einen Abend mit der Bigband TipleB im September gesucht.