Sommerakademie hilft auch beim Weg zurück

„Das muss doch ungefähr so gehen“: Die beiden Mädchen setzen ihre Füße genauso wie die Tanzenden auf dem Bild und drehen sich dann im Kreis. Für den Erschaffer des Bildes ist diese Szene das Schönste, was sein Bild hervorrufen kann. „So etwas zu beobachten ist das Größte“, sagt Peter Schüren. Er hat sich bereits eine Staffelei gekauft. Sie wartet darauf, nach dieser Woche Sommerakademie zukünftig rege genutzt zu werden.

Spannende Ergebnisse aus einer Woche Kunst pur präsentierte das Abschlussfest der Sommerakademie.

Peter Schüren mit einem seiner Bilder.

Früher, in seiner Jugend, da hat Peter Schüren gern gemalt. Und auch gern getanzt. Jetzt knüpft er genau hier wieder an. In der Sommerakademie hat der Hammer zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Pinsel und Farben in die Hand genommen und genau das auf die Leinwand gebannt, was er ebenfalls wieder mit Leidenschaft betreibt: Das Tanzen. Beides sind für ihn kleine Schritte zurück ins Leben. Seine Ehefrau ist vor kurzem gestorben. Sein ganzes Leben hat sich auf den Kopf gestellt. Mit dem Malen und Tanzen „komme ich wieder nach vorn“, sagt er. Hier auf der Ökologiestation hat er eine Woche lang alle Bilder aus seinem Kopf auf die Leinwand fließen lassen, die ihn beschäftigen. Der Dozent hat ihm dabei geholfen: Die richtige Perspektive finden, den richtigen Bildaufbau schaffen. Die Anmeldung für die nächste Sommerakademie hat Peter Schüren schon ausgefüllt.

Aus dem Holz wird mehr geformt als nur Strukturen und Gestalten. Da steckt viel von der eigenen Persönlichkeit drin.

Ganz ähnliches hat eine junge Frau im Zelt nebenan bei den Bildhauern erlebt. Sie hat sich eine Woche lang mit einem Holzklotz auseinandergesetzt, ihn bearbeitet, geformt und gestaltet. Zum ersten Mal. Die künstlerische Arbeit hat auch ihr bei einem Einschnitt in ihrem Leben geholfen. Mit dem Beruf ist einiges aus den Fugen geraten. Es ging einfach nicht mehr, die Belastung war zu groß. Sie ist aus dem Tritt geraten. „Die Woche hier hilft mir dabei, mich selbst wieder zu finden und wieder in Tritt zu kommen.“

 

 

Nina Amadi mit ihren Bildern und ihrer Tochter.

Ganz anders es bei Nina Amadi. Sie ist schon seit 2012 Stammgast der Sommerakademie. „Weil ich im Alltag nie zum Zeichnen und Malen komme“, sagt sie. In diesen sieben Tagen kann sie alles heraus lassen, „was sich das ganze Jahr über im Kopf ansammelt“. Und das rund um die Uhr. 13 Bilder hat sie hier mit Buntstiften und Aquarellen fast im Akkord geschaffen. Tochter Djeneba war auch wieder dabei. Die 13-Jährige ist auf der Sommerakademie fast aufgewachsen, kennt die meisten Teilnehmer und anderen Jugendlichen. In der Kinderbetreuung ist sie selbst kreativ geworden, hat eine Skulptur auf dem Wildbienenpfad gestaltet und nimmt ein Bild aus Blumen und Pflanzen mit nach Hause.

Eines von vielen Werken präsentiert sich.

Jeder der 82 Teilnehmer hat ganz eigene Gründe, eine Woche lang ausschließlich die Kreativität sprechen zu lassen. Ob beim Bildhauern mit Stein, bei der Druckgrafik oder mit den Aquarellfarben: Fast überall fließen auch die ganz persönlichen Hintergründe mit in die Kunst ein. Vielleicht ist die Sommerakademie auch deshalb im 22. Jahr ausgebucht und ein absoluter Dauerrenner. Aus den Niederlanden und Hessen, aus dem Münster- und Rheinland, dem kompletten Ruhrgebiet und natürlich aus den initiierenden Kreisen Unna und Hamm kommen die meisten regelmäßig hierher. Viele von ihnen übernachten auch im Gästehaus der Ökologiestation.

Tradition hat auch längst das Abschlussfest mit Musik von „Blue Thumb“ und der Möglichkeit, die eigenen Werke einem neugierigen Publikum zu zeigen. Die nächste Sommerakademie findet übrigens vom 18. bis 24. August 2019 statt, Anmeldungen werden ab dem Jahresende angekommen.




Dorfabi stellt nicht nur die Wetter-Reife auf die Probe

Nicht nur die Wechselkleidung tat bitter Not bei den regelmäßigen Sintfluten, die vom Himmel fielen. Auch die eine oder andere mobile Bar auf vier Rädern tat mit hochprozentigem Inhalt gute Dienste beim Dorfabi in Weddinghofen. Denn die Temperaturen waren am Samstag dann doch in herbstliche Regionen abgestürzt. Die vier Kilometer lange Wanderung zu den Weddinghofener Prüfungsstationen war gelegentlich sogar recht frostig.

Kräftig Luft holen und das Wasser von einem ins andere Gefäß pusten: Eine von zehn Prüfungsaufgaben beim Dorfabi der Freiwilligen Feuerwehr in Weddinghofen.

Was wird da bloss gerade in den Mund befördert?

Zum Glück nahmen gestandene Feuerwehrleute die Reifeprüfung ab. Die Wehrleute aus Weddinghofen wussten, was zu tun war, wenn zum vierten Mal der gesamte Pavillon von stürmischen Windböen gepackt und auf den Radweg geschleudert war. Die Prüfungsfragen rund um die Geschichte Weddinghofens hielt auch kein Klebestreifen an den Prüfungstischen. Dennoch hatten manche Prüflinge erstaunliche Probleme etwa mit der passenden Zeche zu einem der größten Grubenunglücke der Region oder zum Namen des allerersten Bürgermeisters.

 

So sieht die perfekte Lösung aus, um Nägel auf einem Nagelkopf zu stapeln.

19 Gruppen waren angetreten, um sich in 10 Prüfungsfächern nicht nur dem Wetter zu stellen, sondern auch auf außergewöhnliche Weise ihre Reife zu belegen. Die Herausforderungen hatten es in sich. Da mussten prominente Gesichter einander zugeordnet werden. Die Geschmacksnerven waren gefragt, wo die Augen verdeckt wurden und Unbekanntes auf Löffeln auf der Zunge landete. Wie möglichst viele Nägel auf einem Nagelkopf gestapelt werden, daran tüfelte mancher noch länger herum. Das Nudel-Stapeln war auch nicht wirklich leicht.

 

Auf geht’s: In einer Pylone rücklings Wasser zu transportieren, ist nicht so leicht.

Das Gedächtnis war beim Inhalt des Schranks im „Kinderzimmer“ gefordert. Der Feuerwehr-Teddy wird den meisten noch länger in Erinnerung bleiben. Ebenso wie die Aufgabe, möglichst viel Wasser in einer Pylone rücklings bis zum nächsten Eimer zu transportieren. Ganz schön nass waren auch die Versuche, Wasser durch einen Schlauch zielgenau in den darunterliegenden Eimer zu bugsieren, den der blindgeschaltete Teamkollege auf dem Bauch jonglieren musste. Vielen ging die Puste aus, als gemeinsam mittels Lungenkraft ein hübscher Springbrunnen in die Höhe gepustet werden sollte. Und ob alle die Schrauben im mit Wasser gefüllten Container gefunden und auch noch zusammengebaut haben, wissen nur die Prüfer.

Ganz schön nass: Wasser zielgenau durch einen Schlauch auf den Eimer darunter lenken, wenn der auf dem Bauch des blinden Teamkollegen jongliert.

Eines jedenfalls stand am Ende des Tages fest: Das Dorfabi macht deutlich mehr Spaß als die echte Reifeprüfung. Und die anschließende Abifeier stand der realen in nichts nach – mit Ausnahme der deutlich lockeren Kleidung. Die Freunde aus Drüpplingsen bei Iserlohn hatten jedenfalls einiges über ihre Feuerwehrkollegen und deren Ortsgeschichte gelernt. Egal ob Highlander, Feuerwehrmann oder Handballerin: Sie alle lernten ihren Stadtteil noch ein bisschen besser kennen. Vor allem aber die freiwillige Feuerwehr, die bei Wind und Wetter im Einsatz ist – übrigens auch an diesem Samstag -, knifflige Aufgaben lösen muss und außerdem noch richtig gut feiern kann.




Schicht im Schacht: Museumsfest feiert die Bergbaukultur

Gleich mehrere Plaketten und Medaillen hat er eingepackt. „Die passen perfekt“, sagt Gregor Greiner. Er ist einer der letzten aktiven Bergleute in Bergkamen. Zusammen mit David und Marcel Junge ist er auf das Museumsfest gekommen. Das Motto heißt schließlich „Schicht im Schacht“ – und das betrifft alle drei. Der Revierschlosser, Elektriker und der Elektrosteiger werden sich nach eineinhalb Jahrzehnten Bergbau eine andere berufliche Zukunft suchen müssen, wenn die letzten beiden Bergwerke und damit ihre Arbeitgeber Ende des Jahres schließen.

Vollbesetzte Ränge beim Ökumenischen Gottesdienst auf dem Museumsfest.

In Bergkamen ist er Vergangenheit, für einige Bergkamener aber noch Arbeitsalltag: Der Bergbau als Detailansicht aus dem neuen Museums-Schacht.

„Da machen wir uns keine Sorgen“, betonen die drei jungen Männer. „Das Wissen aus dem Bergbau ist überall gefragt. Wir haben eine erstklassige Ausbildung, wir finden schon etwas“, sind sie sich sicher. Im Bergbau zu arbeiten, war für alle drei ganz selbstverständlich. Der Opa, der Vater – die ganze Familie lebte schon immer davon. „Wir kennen es gar nicht anders“, sagen sie. „Und außerdem ist der Bergbau etwas Besonderes: Der Zusammenhalt, die Kameradschaft – Bergbau ist wie Familie, ganz anders als in normalen Firmen.“

Großes Interesse hatten die Besucher an den Bergbau-Erinnerungsstücken an diesem Stand.

Das sieht auch Cornelia Behrendt so. An ihrem kleinen Stand mit Bergbau-Devotionalien haben die drei Bergleute gerade „eingekauft“. Medaillen, Wimpel, Grubenlampen, Humpen, Kristalle, Bücher, ein Steiger-Stock: Hier türmt sich ein ganzes Bergbau-Leben auf. Das Leben ihres Vaters. Er ist im Dezember gestorben und hat Andenken an ein bewegtes Arbeitsleben hinterlassen, das auch in die Schweiz und Italien führte. Kristalle vom Ätna oder vom Gotthardt-Tunnel: Über die Bergbau-Firma Deilmann-Haniel ist die Familie weit herumgekommen und verbindet mehr als das Berufliche mit dem Bergbau. Cornelia Behrendt kommen immer noch die Tränen, wenn sie davon spricht. Sie ist froh, hier auf dem Museumsfest echte Liebhaber für die vielen Andenken ihres Vaters zu finden.

Auch Kohle ist auf dem Museumsplatz noch präsent.

Die Liebhaber umschwärmen nicht nur ihren Stand wie die Fliegen. Sie nehmen den frisch eröffneten Schacht genau unter die Lupe, die dort ausgestellten Arbeitsgeräte, den neu auf dem Hof aufgestellten Hobel, die vielen Ausstellungsstücke im Barbara-Stollen. Sie diskutieren sich heiser mit den Fachleuten vom Geschichtskreis, die all das in vielen Stunden ehrenamtlich aufgebaut haben. „Mit dem sind wir auch unterwegs gewesen“, erzählt ein Besucher seinem Sohn und zeigt auf den Waggon einer Grubenbahn. „Die hatten wir auch noch unter Tage dabei“, sagt ein anderer, der dem Enkel die Stromversorgung für die Grubenlampe um den Bauch schnallt. Am liebsten würde er in voller Montur in den Stollen hinterherkriechen, der extra für die Kinder aufgebaut wurde – mit originalen Größenverhältnissen und Grubentelefon.

Bergbau als Kultur und Einstellung zum Leben

Die Bergbauglocke wird zum Gottesdienst geläutet.

Eines ist an diesem zwei Tagen nicht zu übersehen und zu überhören: Der Bergbau ist zwar schon längst aus Bergkamen verschwunden, prägt die Stadt aber immer noch. „Bergbau ist Kultur“, beschreibt es Pfarrer Reinhardt Chudaska beim ökumenischen Bergmannsgottesdienst. Er selbst hat dem „Braten zwar nie getraut“ als Kind einer Zeit, in der Bergbau nur im Abbau begriffen wer. Als er nach Bergkamen kam, erlebte er inmitten des Kampfes um seinen Erhalt einen lebendigen Bergbau, der mehr als Arbeit war: „Ein Lebensraum, eine Einstellung zum Leben.“ Und irgendwie sie es mit dem Glauben ja nicht viel anders: Es geht darum, nach etwas zu schürfen und zu graben. Der Bergbau gehe jetzt ohne Wenn und Aber, ohne Hätte, Wäre, Wenn zu Ende – damit müsse man umgehen. Das einzige was seiner Biographie fehlt: Arbeitserfahrung unter Tage, passend zum Bergmannshemd. „Dafür würde ich die Zeit gern noch einmal zurückdrehen.“

Musik gab es standesgemäß den Spielmannszügen und Knappen.

„Der Bergbau wird in dieser Stadt nicht vergessen – wir sind stolz auf diese Vergangenheit“, betonte auch Bürgermeister Roland Schäfer. Der Strukturwandel sei gut bewältigt in Bergkamen. Die Tugenden und Werte, die der Bergbau geprägt hat, seien immer noch präsent und müssten den nachfolgenden Generationen vermittelt werden. Die politische Entscheidung für den Ausstieg hält Schäfer immer noch für die falsche. Wie auch Volker Wagner von der IG BCE. Der erinnerte in seinem Rückblick auf Identität und harte Kämpfe, an ganze Familien, die mit dem Strukturwandel einen Umbruch erlebten. Er dankte aber der Politik für das Steinkohlenfinanzierungsgesetz, das einen sozialverträglichen Ausstieg möglich machte. Auch für ihn ist es wichtig, die ganz besondere Kultur, die der Bergbau geprägt hat, erfahrbar und erlebbar zu machen.

Fahnenübergabe und ein Stück ausgehende Bergbaugeschichte.

Ein Stück Bergbaugeschichte erlebten die Besucher dann mit eigenen Augen und Ohren. Die Sängervereinigung Oberaden-Beckinghausen überreichte beim Gottesdienst feierlich ihre Fahnen an das Museum. Der Verein – verschmolzen aus zwei Sängerbünden, die in den 1880er Jahren mit dem Bergbau entstanden – wird sich Ende des Jahres mangels Masse auflösen. Nach 136 Jahren verschwindet damit ein weiteres Stück Bergbaugeschichte und es ist getreu dem Festmotto im wahrsten Sinne „Schicht im Schacht“.

 




Wolfgang Fräger ganz nah von der unbekannten Seite

Der (arbeitende) Mensch und seine Facetten: Nicht nur unbekannte Skulpturen wollen in der Fräger-Ausstellung in der sohle 1 entdeckt werden.

Faszinieren: Die Skizzen von Wolfgang Fräger, schnell dahingeworfen auf allem, was als Papier greifbar war.

Schnell hingeworfene Pferde auf einem Briefumschlag. Mit flottem Stift wie in einem Zug über das Papier gezogene Striche, die das Gesicht eines Künstler-Freundes skurril deformieren. Aus Köpfen wachsen Maschinen und verwandeln den Menschen in ein Industriemonster – gezeichnet als Entwurf für den nächsten künstlerischen Schritt. Wolfgang Fräger, der berühmte Bergkamener Künstlersohn, zeigt sich in seiner Geburtsstadt von einer ganz anderen Seite. Auch von einer unbekannten.

Genau das will die Ausstellung anlässlich seines 95. Geburtstages erreichen. Mit vielen bislang ungezeigten Werken, darunter viele Skizzen und Zeichnungen, lädt die sohe 1 dazu ein, hinter die Kulissen zu blicken. Es fast so, als würde der Betrachter Wolfgang Fräger 35 Jahre nach seinem Tod auf die Finger schauen und dabei zusehen, wie seine Werke entstehen.

Wolfgang Frägers Tochter Barbara Duka vor einem ihrer Lieblingswerke, die in der Öffentlichkeit weniger bekannt sind.

Auch für seine Tochter war die Vorbereitung eine kleine Entdeckungsreise. „Bei der Durchsicht des Archives haben wir vieles in den Händen gehalten, was völlig anders war, aus der Rolle fiel und fast gar nicht zu ihm passte“, schildert sie. „Man merkte an vielen Objekten, dass er sich ausprobierte an Techniken, die er zwar beherrschte – die ihm aber nicht lagen.“ Einen anderen Blick auf ihren eigenen Vater und sein Werk: Für Barbara Duka hat diese Bergkamener Ausstellung das bereits im Vorfeld bewirkt. Die Besucher können es jetzt mit eigenen Augen sehen anhand einer Auswahl von Druckgrafiken, Skulpturen, Skizzen und Zeichnungen, die in dieser Zusammenstellung einmalig sind und Ungeahntes über einen ungewöhnlichen Bergkamener offenbaren.

Thomas Hengstenberg zeigt seine Favoriten: Porträts eines Künstlerfreundes.

Bekannt wurde Wolfgang Fräger, der ehemalige Bergbaulehrling, vor allem mit Werken, die sich mit dem Bergbau, der Industrialisierung und ihren Folgen wie der beginnenden Umweltzerstörung beschäftigten. Anfangs noch dem ausgehenden Expressionismus zugewandt, entwickelte Fräger eine eigene Sprache, die abstrahierend und zu Schluss auch naturalistisch unverblümt, fast skurril, manchmal sarkastisch und ironisch das zeigte, was er sah. Die „Härte der Arbeit, das Tragische realistisch ohne jedes Pathos, mit Sorgen, Ängsten und Gefahren“ stecken in jedem seiner Striche, so Thomas Hengstenberg als Fachbereichsleiter Kultur des Kreises Unna. Er wollte „das Unsichtbare sichtbar machen“ nach Erfahrungen im Krieg, in der Gefangenschaft, mit dem Nationalsozialismus und dem totalen Zusammenbruch auch aller künstlerischen Werte.

Das Unsichtbare mit schnellem Strich sichtbar machen

Ungewohnte Einsichten in das Werk Wolfgang Fräger bieten auch diese industriellen Skulpturen.

Dafür hat Fräger hart gearbeitet. Aus einer Bergbaufamilie stammend, schlug er den Weg der Kunst ein, erkämpfte sich ein Stipendium und ein Kunststudium. Der Region blieb er zeitlebens verbunden mit seinem Wohnsitz in Bönen. Nahezu alle Techniken eignete er sich an – von der Plastik über das Aquarell bis zu längst vergessenen Techniken des Drucks. Ob mit Tusche und Feder oder mit dem Graphitstift: Für Thomas Hengstenberg sind es vor allem die Zeichnungen in denen besonders viel von Frägers Kunst steckt. Gerade hier „kommen wir dem Künstler auf den Blättern besonders nah“. „Wie sich das eine aus dem anderen entwickelt“, beschreibt es Frägers Tochter. Spürbar wird aber auch Frägers ständige, fast ruhelose Suche nach neuen Ausdrucksformen, seine Betroffenheit mit den Themen seiner Werke und sein Widerwille, sich den Diktaten des Kunstmarktes zu beugen.

Der Arbeitstisch als Installation.

Für seine Tochter ist die Ausstellung in der sohle 1 auch deshalb eine besondere, weil „mein Vater seiner Geburtsstadt und der Region immer eng verbunden war. Nicht zuletzt durch Menschen wie Dieter Treeck, mit denen er eine enge Freundschaft pflegte. Ohne Fräger wäre der ehemalige Kulturdezernent nie selbst Künstler geworden. „Der erste Kontakt mit der Kunst war ein Ausflug mit der Schule in ein Hammer Museum und das Passionswerk von Wolfang Fräger“, erinnert er sich. Das dieser Mann später einer seiner engsten Freunde würde, konnte er damals nicht ahnen. Treeck soll sogar einer der wenigen gewesen sein, auf dessen Kritik Fräger hörte – in einem Fall sogar ein Werk komplett ungestaltete. Auch die letzte Begegnung wird Treeck so schnell nicht vergessen: „Er rief mich nach einer Australienreise an und wollte sofort ein neues Projekt beginnen“, erinnert er sich. Treeck bat um eine kleine Erholungsfrist, doch Fräger wollte sofort loslegen. Wenige Tage später erreichte ihn die Nachricht von seinem Tod.

Solche mit weit mehr persönliche Erinnerungen wird es zur Finissage am 23. September geben. Bis dahin wartet in der sohle 1 ein weitgehend unbekannter Wolfgang Fräger darauf, entdeckt zu werden. Zusätzlich sind zwei Workshops im Pestalozzihaus im Angebot, die auf die Spuren der Drucktechniken von Wolfgang Fräger führen.




Marina verwandelt sich zu Reggae-Rhythmen in eine riesige Sandburg

Profis und Laien machten sich fantasievoll ans Sandwerk, während die Bands mit karibischen Reggae-Rhythmen aufspielten.

Die großen Sandberge reichten irgendwann nicht mehr aus. Auch in die Dekoration gruben die engagierten kleinen Burgenbauer imposante unterirdische Verteidigungsanalagen und Entwässerungssysteme. Mancher schaufelte einen ganzen Berg von der einen Seite des Platzes auf die andere. Kleine Förmchen und Schaufelchen wurden da nur mit einem mitleidigen Lächeln bedacht bei der Sandburgensause in der Marina.

Detailarbeit mit der Kelle an der Sand-Nixe.

Christian Fischer hat Profiwerkzeug dabei. Kellen in allen Größen und Formen, Hammer und Meißel und eine Gartenhacke schauen aus seiner Tasche hervor. Vorzeichnen muss er nicht. Er hat seine Wassernixe schon fix und fertig im Kopf. Dabei beschäftigt er sich beruflich mit ganz anderen Dingen. Er ist Bausteinmetz und arbeitet eigentlich mit Steinen. Der Zufall brachte ihn zunächst an das Eis und dann an den Sand. Der Besitzer einer Eventfirma sah ihn arbeiten und fragte ihn, ob er ähnliches auch mit Eis und Sand hinbekommt. „Natürlich“, lautete seine Antwort. Das war 2003. Seitdem gestaltet er öffentlich vor staunenden Augen, was ihm in den Sinn kommt.

Für das Grobe wird die Axt herausgeholt.

Nebenan geht Karina Cooper etwas rustikaler dem Block aus Glockengießersand zu Leibe. Sie hat die Axt herausgeholt, um den Klotz in Form zu bringen. Wenn die Sonne herauskommt, trocknet sie den Ton im Sand. Das Gebilde wird knochenhart und lässt sich in Form bringen. Allerdings: „Sand trocknet schneller als andere Materialien, man muss also schon schnell sein“. Normalerweise gestaltet die Bildhauerin seit 13 Jahren Holz. Die Arbeit mit dem Sand ist trotzdem ganz ähnlich. „Man muss hier auch vor allem Material entfernen, um die Gestalt zu erhalten, die man haben möchte“, schildert sie. Deshalb liegt ihr Bildhauerwerkzeug neben ihr ausgebreitet. Die Wasserspritze steht auch schon bereit – für die Feinarbeit. Bis dahin ist es allerdings noch eine Weile hin. Der Drache mit dem Herz in den Pfoten braucht noch gute 3 Stunden, bis er fertig sein wird.

Planschbecken und Förmchen im Akkordeinsatz

Die ganze Familie einträchtig beim Burgenbau.

Was die Profis dort gestalteten, beeindruckte den Nachwuchs zwar sichtlich. Das fachte die Fantasie und den Tatendrang aber auch zusätzlich an. Eng wurde es an den Sandhaufen, die in der Mitte des Marina-Platzes für die Experimentierfreudigen aufgetürmt waren. Förmchen, Eimer, Gießkannen, Wasser aus den Planschbecken waren im Akkordeinsatz. Auch auffällig viele Erwachsene verließen die Strandstühle und knieten hochkonzentriert mit verschmatschten Händen im Sand, um akribisch kleine Burgen zu gestalten. Die Bergkamener Quietscheente durfte als krönender Abschluss natürlich nicht fehlen und fanden reißenden Absatz.

Volles Engagement auch an der Trompete und am Mikrophon auf der Reggae-Bühne.

Als schließlich die Reggae-Bands auf die Bühne kamen, schaute mancher Burgenbauer nur kurz irritiert auf und ließ sich ansonsten kaum von weiteren Konstruktionsarbeiten abhalten. Da tanzten die ersten schon ausgelassen in der Sonne und sangen die Zeilen mit, die Bob Marley vor inzwischen einigen Jahrzehnten zu Papier brachte. Wer Glück hatte, ergatterte noch eine der 300 kostenlosen Blütenkränze. Die tanzten auf Köpfen durch die Menge, flatterten um Hälse im Wind oder wippten im Takt mit den Rhythmen. Reggae pur schickte Riddim Posse in den noch immer strammen Wind in der Marina und trug in weit hörbar in die Umgebung – zusammen mit famoser Stimmung. Mit den Urban Tropical Beats wurde es dann tropisch, auch wenn die Temperaturen sommerlich gemäßigt waren und ausgiebige Tänze endlich wieder schweißfrei erträglich machten.




Odies und Rock’n Roll: Zeitsprung in der Marina

Glänzende Kühler und starke Motoren: Oldtimershow in der Marina.

Sie fauchen, röhren, brüllen, tuckern, knattern, wummern oder schnurren. Manche nehmen die Pylonen geschmeidig wie eine Katze, andere schieben sich fast gewaltsam durch die Hindernisse, einige wenige sind wie die Elefanten im Porzellanladen. Mit Oldtimern unterwegs zu sein, ist eben etwas ganz Spezielles. Da kultivieren Kupplungen ihr Eigenleben. Und die Kühlerfigur glänzt besonders schön vor der Marinakulisse beim 12. ADAC Oldtimer Classic.

Auf geht’s in den Parcours.

Deshalb haben die Organisatoren vom MSC Bork sich auch diese besondere Kulisse für den Start ihrer Rallye ausgesucht. „Das Ambiente hier ist wunderschön – ein bisschen Nizza, ein Hauch von Cannes, ein klein wenig Monaco“, schildert Christoph Davids. Da machen sich das Pferd auf der Motohaube, das polierte Ebenholz im Cockpit oder die gewienerte Radkappe besonders gut. Von der Corvette über den Porsche 911 bis zum Morgan, Opel Blitz oder himmelblauen Käfer konnten am Samstag zunächst alle in der Sonne glänzen, die ein H-Kennzeichen und damit alle Qualifikationen für einen waschechten Oldtimer trugen – 30 Lebensjahre und Originalbauteile inklusive.

Unterwegs zwischen den Pylonen.

Dann allerdings wurde es ernst, während sich die ersten Gewitterwolken auftürmten. Binnen 25 Sekunden mussten die Hindernisse punktgenau bewältigt werden, die hinter der Lichtschranke auf dem Hafenplatz aufgebaut waren. Anschließend machten sich alle 120 Zwei-, Drei- und Vierräder in 5 Oldtimerklassen auf den Weg. Auch bei der 120 km langen Fahrt durch das Münsterland galt es, Aufgaben zu bewältigen. Beispielsweise müssen Objekte erkannt werden.

 

Nur ein Oldtimer-Motor machte schlapp

Glänzende Pferde und PS mit Hochsommer-Ambiente.

Eine Herausforderung, bei der für die meisten das Mitmachen und das Erlebnis zählt. Wie für den Besitzer des Opel Baujahr 1931 aus Lippstadt, der gerade einmal sieben Kilometer schaffte und mit einem technischen Defekt liegen blieb. Das älteste Fahrzeug, eine NSU 601 TS Baujahr 1930, schaffte den Weg von Haltern nach Bergkamen mit Links. Zu schaffen machte aber fast allen die Rekordhitze. „Die Motoren haben fast alle noch Luftkühlung, da haben sie heute viel zu tun“, weiß Thomas Albrecht von der Oldtimer Remise auf Gut Keinemann. Er war Mitorganisator der Veranstaltung und hatte seine Freude an Kuriositäten wie einem gänzenden Simpson-Motorrad aus der DDR, einer liebevoll restaurierten Zündapp, einem besonders seltenen Exemplar aus Österreich oder einem knallroten Triumph. „Richtig schwierig wird für Oldtimer-Fans inzwischen die Ersatzteilbeschaffung“, beschreibt er. Immer häufiger ist Handarbeit gefragt, weil die Teile rar werden und die Technik längst mehrere Quantensprünge bewältigt hat.

Ganz schön schwungvoll: Rock’n Roll von den Profis.

Auch als die Fahrzeuge die Marina längst verlassen hatten prägte das besondere Flair noch lange die inzwischen wolkenverhangene Hafenlandschaft. Es gab eine kleine Fahrzeugausstellung. Vor dem glänzenden Dodge oder der Motohaube des Ford Mustang machten sich die Petticoats besonders gut. Die waren jetzt den Rest des Tages gefragt, denn nun hatten Rock’n Roll und Rockabilly das Sagen. Jeder, der im Stil der Zeit mit Haartolle, Koteletten, Pferdeschwanz und Pünktchenrock auflief, erhielt einen Gutschein für einen Cocktail. Echte Rock’n Roll-Profis aus Dortmund machten mit ebenso akrobatischen wie luftig-schwungvollen Einlagen Lust auf mehr. So tanzte sich manche/r regelrecht vor der Bühne in Extase, wo ein Rock’n Roll-Klassiker nach dem anderen Stimmung machte.

Auch spontan zuckte es vielen in den Füßen zu den schmissigen Rhythmen auf der Bühne.

Die Oldtimer waren nach 5 Jahren schon zum zweiten Mal in der Marina. Für den Rock’n Roll war es eine Premiere. „Wir sind zufrieden“, resümiert Carsten Quabeck, der selbst mit einem geliehenen Oldtimer aufgelaufen war. „Die Veranstaltung ist ein Teil der Marina-Belebung und hat wie man heute sehen kann viele Menschen den ganzen Tag über angelockt.“ Auch wenn es zwischendurch immer mal wieder durchaus stattliche Wolkenbrüche inklusive Gewitter und Hagel gab.

 

 

 

 




Weingenuss mit Abenteuerreise und viel Rebensaft

Ein gutes Glas Wein trinken, während sich der Sonnenuntergang im Wasser spiegelt: Das ist in Bergkamen längst Tradition. Die Marina ist in diesem subtropischen Sommer nicht nur ein Geheimtipp für alle, die es gern mediterran lieben. Einmal im Jahr zieht sie beim „Weingenuss am Wasser“ auch Weinliebhaber an. In diesem Jahr mit besonders exotischen Versuchungen.

Wer beim 7. Weingenuss am Wasser einen Platz finden wollte, musste früh kommen.

Polnischer Wein: Eine Premiere auf dem Weinfest.

Dass es in Polen exquisiten Wein gibt, wissen wohl nur besonders eingefleischte Liebhaber des Rebensafts. Die Bergkamener entdeckten das auch nur durch Zufall. „Bei einem Besuch im vergangenen Jahr brachten die Gäste aus Wieliczka eigenen Wein mit. Der stammte von einem Weingut in der Nähe, das wir uns auch angeschaut haben“, erzählt Bürgermeister Roland Schäfer. Die Besonderheit: Der Wein wird biologisch-dynamisch angebaut, die Eigentümer reisen durch ganz Europa und sind Koryphäen in ihrem Fachbereich. Weiß- und Rotwein, Apfelwein und Seifen: Am polnischen Stand herrschte reger Andrang.

Auch zum ersten Mal dabei: Wein aus Silifke.

Ebenso neugierig waren die Bergkamener auf die zweite Weinpremiere. Der türkische Wein kam mit einiger Verspätung und hatte eine kleine Abenteuerreise im Gepäck. Auch diese Spirituose entdeckte die Stadtverwaltung bei einer Resie in die türkische Partnerstadt Silifke und einem Besuch auf einem Weingut. Letztere sind in der Türkei dünn gesät und eine echte Rarität. Man vereinbarte einen Verkauf auf dem Bergkamener Weinfest und leitete alle erforderliche Bürokratien ein. Die sind für außereuropäische Produkte und insbesondere für Spirituosen nicht eben wenige.

 

Abenteuerliche Weinreise durch halb Europa

Kiwi-Saft und Wein aus Neuseeland.

Es musste ein Importeur gefunden werden, der Wein geprüft werden, es waren besondere Etiketten erforderlich. Es war schließlich auch eine Spedition gefunden. „Wir bekamen täglich eine Lagebeschreibung und waren ständig informiert, wo sich der Wein gerade in Europa befand“, schildert Thomas Hartl, Leiter der zentralen Dienste. Alles lief wie geschmiert. Bis sich abzeichnetete, dass es am Freitag zeitlich mehr als eng wurde. Ein Sprinter wurde nach Nürnberg geschickt, um den Wein in Empfang zu nehmen. Das gelang allerdings erst am späten Nachmittag. Mitten im Ferienverkehr kam der Wein erst spät in der Nacht in Bergkamen an. Am türkischen Weinstand musste man sich derweil mit Raki aushelfen. „Wir haben ganz schön gezittert – aber am Ende hat es ja doch noch geklappt“, resümiert Thomas Hartl.

Auch die Klassiker aus Deutschland wurden eingeschenkt.

Leichter hatte es da der Wein mit der größten Entfernung. Der Rebensaft aus Neuseeland hat mit dem Neuseelandhaus seit vielen Jahren einen festen Abnehmer in Bergkamen. In diesem Jahr bereichert um Kreationen mit Kiwisaft, die zusätzlich für farblichen Augenschmaus sorgten. Aber auch die klassischen deutschen Weine durften auf dem Platz in der Marina nicht fehlen.

Stammgast beim Weingenuss: Die S.O.S. Mobilband

Auch ohne die Weinprozente war die Stimmung famos. Gleich am ersten Abend wagten die Bergkamener beim ersten musikalischen Besuch von „Massimo & Anna“ ein Tänzchen am Ufer der Marina. Die S.O.S Mobilband ist längst eine Institution und musizierte auch schon mal auf den Tischen mitten in der Besuchermenge. Für einige Besucher ging es auch auf dem Handy mediterran zu. Etwa wenn die Bekannten und Verwandten Impressionen ihrer Urlaubsreise in den Süden über soziale Netzwerke teilten. Oder wie im Falle des SPD-Fraktionsvorsitzenden Bernd Schäfer, dessen Tochter aus Portugal gerade einen Sieg bei den Wettkämpfen der europäischen Universitäten in Coimbra in Portugal im Damenhandball bejubelte.

„Kabellos“ geht es am Sonntag mit Jazz und Evergreens weiter. Und natürlich mit reichlich Wein, viel Sonne und guter Laune. Bis 18 Uhr sind die Stände geöffnet. Übrigens erstmals bereits ab 12 Uhr, nachdem die Gäste im vergangenen Jahr schon mittags auf den Bänken saßen auf ein Weinglas hofften.




Drei Tenöre und das BOB: Bergkamener bejubeln das Klassik Open-Air

Tolles Ambiente beim Klassik Open-Air vor dem Rathaus auf dem Platz der Partnerstädte.

Und hopp: Die drei Freunde und Tenöre begeisterten auch mit akrobatischen Einlagen.

Kinder, die ihre Köpfe durch die Geländer stecken und mit offenen Mündern auf die Bühne starren. Jugendliche, die vom Parkhausdeck aus applaudieren oder mit Kopfhörern im Ohr plötzlich neben der Bühne stehen. Zufällige Passanten, die sich aus heiterem Himmel mit Hunderten von Gesichtern konfrontiert sehen und zur Salzsäule erstarren, während direkt neben ihnen ein Tenor alles aus seinen Stimmbändern herausholt. Klassik unter freiem Himmel ist in Bergkamen immer ein besonderes Erlebnis mit unvorhergesehenen Einlagen. Auch am neuen Platz.

Zur Musik mit Wein gurgeln: Auch das ist Open-Air-Flair.

Denn auch auf dem Platz der Partnerstädte waren es vor allem die Zwischenfälle, die den besonderen Charme des Musikabends ausmachte. Da marschierte einer der Tenöre schon mal selbst aufs Parkdeck, um die Lärmeinlage von Jugendlichen zu beenden. Er brachte sie kurzerhand mit. Da wurden hinter der Bühne fleißig Online-Beiträge gepostet, während auf und vor der Bühne die Stimmung immer besser wurde. Auch wenn schon mal ein Teil der Saite vom Geigenbogen riss oder das Mikrofon erst ein wenig zu spät eingeschaltet war: Da flogen die Tenorbeine beim Cancan hoch, da wurde endlich der Wein auf die Bühne gereicht, damit nicht nur angestoßen, sondern auch passend zur Musik gegurgelt werden konnte. Da wurden Tenöre an den Beinen in die Luft gehoben, es wurde geschunkelt und gestampft. Vor allem aber schraubten sich die Stimmen angefeuert vom Publikum in ungeahnte Höhen.

Mit dem BOB in Stimmung kommen

Das Blasorchester Bergkamen machte den Anfang dieses besonderen Klassik-Abends.

Angefacht hatte bereits das Blasorchester Bergkamen die hochsommerliche Stimmung auf dem Platz der Partnerstädte. Mit Mary Poppins, der Eisprinzessin oder Carmen ging es munter durch die Klassikwelt. Fantasia, Rossini, die diebische Elster: Der Auftakt war bereits ein eigener Musikhöhepunkt, der die Bergkamener von den Besucherstühlen holte. Tenor Stefan Lex beobachtet das begeistert und voller Respekt: „Ein tolles Orchester“, kommentiert er am Rand der Stufen, die an diesem Abend zur Bühne wird. „Der neue Platz gefällt mir auch fast noch besser als der alte in der City. Das Ambiente ist toll und die Akustik hervorragend!“

Je später der Abend desto besser die Stimmung.

Vor allem aber faszinierte ihn und seine zwei Tenor-Freunde Michael Kurz und Thomas Heyer das Publikum. „Ihr seid das beste Publikum der Woche – ach was, des Monats!“, jubelten sie in die Mikrophone, nachdem geschlossen mitgeklatscht, gestampft und gesungen wurde. „Bergkamen ist die Kulturhauptstadt 2018“, setzten die Sänger noch einen drauf und stießen mit ihren Weingläsern an. Sie wussten, was sie sagten: Schon einmal standen sie beim „Sommer in Bergkamen“ auf der Klassikbühne unter freiem Himmel. Schon einmal tobten die Besucher. So auch an diesem Abend.

Mehr als nur eine Zwischeneinlage: Die Damen vom Ensemble Pomp-A-Dur sorgten für Augen- und Ohrenschmaus.

Es war allerdings auch nicht schwer, angesichts des Programms in Stimmung zu kommen. Mozart, Verdi, Bizet, Lehar, Brahms, Strauss: Das waren nur einige der großen Namen, deren Kompositionen den Bergkamenern in die Glieder fuhren. „Wien bleibt Wien“, die „Zigeunergeigen“, „Dein ist mein ganzes Herz“, „La donna e mobile“: Das meiste kannten auch die eher Unbeleckten unter den Zuhörern. Gehen lassen wollten die das Trio mit dem Ensemble Pomp-A-Dur dann auch nach mehr als zwei Stunden nicht. Immer wieder waren Zugaben gefordert. Da war die Sonne längst untergegangen, als noch einmal „O sole mio“ durch die lauwarme Sommerluft schwappte. Vielleicht ja bis zum nächsten Mal…

 

 




Bei der Poololympiade sind die Kleinsten die Mutigsten

Augen zu und ab ins Kühle nass: Das Ziel liegt am Ende des Hindernisparcours unweigerlich im Wasser.

„Heute Abend bin ich heiser und taub“, stellt die Schwimmmeisterin lachend fest. „Aber was soll’s: Die Kinder und Jugendlichen haben riesengroßen Spaß, das zählt!“ Doch vorher müssen noch ein blutendes Knie und ein Stich im Fuß versorgt werden. Denn an diesem Samstag ist Großkampftag im Wellenbad in Weddinghofen. Die Temperaturen sind auf Rekordniveau. An der Kasse bilden sich bereits Schlangen. Die Poolparty beginnt und mit ihr ein gigantischer Wasserspaß an einem vorbildlichen Hochsommertag.

Der Balanceakt geht auch schon mal daneben. Dann einfach wieder rauf und weiter geht’s.

„Im letzten Jahr waren wir hier mehr Helfer als Badbesucher“, erinnert sich der Organisator von den GSW. „Im Jahr davor war es einfach nur kalt.“ Jetzt hat sich das sommerliche Blatt vollständig gewendet. Seit Wochen ist der Sommer kaum zu bremsen. Der Rasen im Wellenbad hat sich in trockenes Heu verwandelt. Die Sonne knallt vom Himmel und die Stimmung ist euphorisch angesichts der riesigen mit Luft gefüllten Hindernisstrecke, die dort im Sportbecken auf dem Wasser schwankt. Die Poolparty hat kaum begonnen, da sind bereits 100 Lochkarten an die kleinen und größeren Teilnehmer verteilt.

Das macht Spaß: Die Kleinsten sind die Mutigsten auf unsicherem Untergrund.

Dabei ist das, was da zu bewältigen ist, gar nicht so leicht. Klettern, Krabbeln, Springen, Rutschen, Balancieren: Das alles auf mehr als wackeligen und glitschigen Luftpolstern, die auf den Wellen tanzen. Mancher steht wie angewurzelt vor der bedrohlichen Herausforderung und geht erst einmal ein paar Sekunden lang in sich. Andere stürmen voller Begeisterung drauflos ohne einen Hauch von Angst. Mal landet der Vorsichtige mit einem gewaltigen Klatsch im Wasser, Mal der Draufgänger. Sie alle haben aber eines gemeinsam: riesengroßen Spaß!

Ist auch eine Herausforderung: Mit dem Kettcar den Parcours bewältigen.

Zwischendurch locken ein leckeres Eis, eine Pommes oder einfach nur ein entspanntes Sonnenbad. Dann geht es schon wieder weiter zur nächsten Herausforderung. Kanus stehen aufgeblasen bereit für den Geschicklichkeitsparcours. Mit Schwimmflossen an den Füßen ist der Wasserbiathlon zu bewältigen – die Zielpunkte mit der Wasserpistole zu treffen, ist dabei noch die geringere Herausforderung. Zielwerfen und Klettcarparcours: Wer an diesem Tag im Wellenbad nicht ausgelastet war, hatte selbst Schuld.

Eines jedenfalls steht fest: Die Kleinsten waren an diesem Tag die Mutigsten. Und auch diejenigen, die so etwas in einem anderen Leben in einem anderen Land mit anderer Kultur noch nie gesehen hatten. Sie stürmten restlos begeistert und völlig unbekümmert einfach drauflos und sammelten dabei nicht nur wertvolle Erfahrungen, sondern vor allem riesengroßen Spaß.




Neue Gesamtschüler starten mit Spiel und Spaß in den Schulalltag

Die erste von sechs neuen 5. Klassen versammelt sich auf der Bühne des studio theaters.

Schnell noch ein ängstlicher Blick zu den Eltern. Dann fasst sich die neue Fünftklässlerin ein Herz, presst den blauen Luftballon fest an sich und steigt auf die Bühne. Dort versammeln sich alle anderen, die mit ihr zusammen ab jetzt die Klasse 5b der Gesamtschule bilden. Ein aufregender und großer Moment. Die Grundschulzeit ist vorbei. Es beginnt ein ganz neuer Lebensabschnitt.

Zusammen am Zaubertuch: Eine von vielen Stationen bei der Schulhofrallye.

Der ist in der Willy-Brandt-Gesamtschule jedes Jahr ein feierlicher Augenblick. Er wird gestaltet von den ehemaligen fünften Klassen. Die Bühne im studio theater wird liebevoll geschmückt. Ein pralles Bühnenprogramm entsteht. Akrobatik der Sportklasse, eine Aufführung der Hip Hop AG, Schwarzlichttheater, Präsentationen der Arbeitsgemeinschaften: Auch am Samstag gab es viel zu entdecken in den ersten Stunden der Begrüßungsfeier. Ein Höhepunkt war die Ehrung für das Big Challenge mit einem 19. Platz auf Bundesebene und der Verleihung Deutschen Sprachdiplomen an 14 Jugendliche, die bis vor einem Jahr noch kein Wort Deutsch konnten.

Besonders beliebt war auch der Schminktisch.

Schulleiterin Ilka Detampel ist auch in diesem Jahr gerührt: „Das ist schon eine tolle Leistung, in so kurzer Zeit fast perfekt eine fremde Sprache zu lernen“, ist sie von besonders von den Trägern der Sprachdiplome beeindruckt. 136 Schüler besuchen nach den Sommerferien die neuen 5. Klassen. Davon wird es sechs mit jeweils maximal 23 Schülern und zwei Klassenlehrern geben. „Es kommen erfahrungsgemäß noch viele neue Schüler aus den 6. Klassen anderer Schulformen dazu“, begründet sie die Sechszügigkeit. Eine Forscherklasse wird sich erstmals formieren, hier steht die Arbeit mit iPads und Naturwissenschaften im Mittelpunkt. Auch eine Sportklasse ist entstanden. Die Schulleiterin wird den Start der Neuen selbst nicht miterleben: Sie nimmt ein Jahr unbezahlte Auszeit aus familiären Gründen. Das Team der Schulleitung füllt die Lücke gemeinsam.

Große Sprünge bei Gummitwist.

Gummitwist, Zielwerfen, Basketball, Zaubertuch: Nicht nur in den Klassenräumen lernten sich die neuen Fünftklässler, frisch ausgestattet mit den Schulrucksäcken, zum ersten Mal untereinander kennen. Auch auf dem Schulhof war ein kompletter Parcours aufgebaut, der Teamarbeit und vor allem viel Spiel und Spaß erforderte. Danach ging es einen Schulhof weiter, wo ein großes Schulfest zum Kennenlernen einlud. Roboter erkannten wie von Zauberhand die richtigen Farbklötze und sortierten sie. Auf Skiern ging es über den Asphalt, es entstanden Mosaike, Kunstwerke in den Gesichtern, in kleinen Planschbecken wollten Wurfobjekte versenkt werden und am Kickertisch wetteiferten die geschicktesten Spieler miteinander.

Ein entspannter Einstieg, bevor es nach den Sommerferien ernst wird und der Lehrstoff im Mittelpunkt steht.




Mini-Zirkusstars begeistern in der Manege

Die Nagelplatte ist ein Kinderspiel. Auf dem Scherbenteppich hüpfen sie, als wäre er aus Watte. Sie turnen in luftiger Höhe und balancieren federleicht über Seile. Die Kinder der Freiherr-von-Ketteler-Grundschule in Rünthe sind todesmutige Artisten. Seit genau einer Woche.

Fakirkunst vom Feinsten im vollbesetzten Zirkuszelt.

Clowneske Seiltänzerei, die begeistert.

Keines von ihnen hat zuvor jemals Schwerter in eine Kiste gesteckt oder mit Feuerfackeln jongliert. Als Clowns waren die wenigsten je in einer Manege und brachte Hunderte von Zuschauern zum Lachen. Was sie in den vergangenen sieben Tagen gelernt haben, ist mehr als nur Zirkuskunst. Da steckt einiges für’s Leben drin, wenn gemeinsam im Schwarzlicht getanzt oder am Trapez unter der Zirkuskuppel der eigene Schweinehund überwunden wird.

Feurige Darbietungen.

Manche Lehrer kommen zu uns und fragen, was wir mit den Kindern gemacht haben – viele von ihnen zeigen hier ganz verblüffende Fähigkeiten“, schildert Zirkusdirektor Lars.  Wer sonst im Sportunterricht fast panisch am Kurselkopf scheitert, der springt in der Manege wie ein Floh über das Seil. Schüchterne und Zaghafte entfalten als lustige Clowns schauspielerische Unterhaltungstalente. „Die Kinder erfahren hier viel über sich selbst – und wir über sie“, erläutert Schulleiterin Heike Prochnow. „Wir erleben hier auch, dass der Zusammenhalt in den Gruppen noch viel enger wird – und das jahrgangsübergreifend“, ergänzt sie. „Die Kinder müssen sich in der Manege aufeinander verlassen – das schweißt zusammen.“

In der Zirkusmanege bei Null anfangen

Gemeinsame Performance im Schwarzlicht.

Genau das ist das Konzept von Zirkus Phantasia. Seit das Zirkusteam am Samstag vor einer Woche sein Zelt mit der Hilfe von 60 Eltern aufgebaut hat, gelten ganz andere Regeln als im Schulalltag. „Wir brechen die Klassenverbände auf“, erzählt der Zirkusdirektor. „Die Angst bleibt draußen vor dem Zirkuszelt. Kinder werden heute oft unterschätzt. Wir lassen sie hier einfach machen“, schildert er. „Das ist für viele auch eine Chance. Wir kennen sie nur so, wie sie bei uns in der Manege stehen – nicht aus dem Klassenraum und auch nicht aus ihrem familiären Umfeld. Sie können bei uns quasi bei Null anfangen.“

Mutig und hochkonzentriert mit der Feuerfackel.

Der Zirkusdirektor ist gelernter Schauspieler und Regisseur, hat im Heidepark Soltau Aufführungen inszeniert. Dann heiratete er in die Zirkusfamilie ein. Jetzt ist die Arbeit mit Kindern nach eigenen Konzepten seine Welt. Eine Welt, in der die 215 Kinder der Schule mit Haut und Haaren abgetaucht sind. Übrigens schon zum zweiten Mal. Viele ehemalige Zirkusartisten, die schon vor vier Jahren das Projekt mitgemacht haben, waren jetzt unter den Zuschauern. Das Erlebnis prägt – über Jahre hinweg. Deshalb ist das nächste Zirkusprojekt auch schon gebucht, für das Jahr 2021.

Am Samstag halfen die Eltern wieder mit, um das Zirkuszelt abzubauen. Für viele war dabei eine große Portion Wehmut im Spiel. „Es wird komisch sein, wenn die Wiese hier leer sein wird“, meint die Schulleiterin.